KITZINGEN

Obama und die Kokosnüsse

Gut vernetzt: Said Ghanmi kümmert sich bei Leoni um den Großkunden Mercedes-Benz. Sein dauerhaftes breites Lächeln hat dem Tunesier am Anfang teilweise iritierte Blicke von deutschen Kollegen eingebracht. Mittlerweile fühlt sich der 33-Jährige in Kitzingen wohl. Foto: meike rost

Said Ghanmi lächelt. So wie er es immer tut. So wie es die meisten Menschen in Tunesien tun. „Das war mein erster Kulturschock“, sagt der 33-jährige Tunesier, wenn er an die häufig sparsam eingesetzte Freundlichkeit der Deutschen denkt. Ghanmi ist vor einem Jahr dem Ruf seines Arbeitgebers gefolgt und lebt nun mit seiner Familie in Kitzingen. Um die Eigenheiten der Deutschen zu verstehen, nimmt er mit Kollegen an interkulturellen Trainings teil.

„Wir haben 60 000 Arbeitnehmer weltweit“, informiert der Pressesprecher der Leoni AG Sven Schmidt. In 32 Ländern entwickelt und produziert das Unternehmen Drähte, Kabel- und Bordnetz-Systeme. Um eine gute Zusammenarbeit der einzelnen Produktionsstandorte zu gewährleisten, findet ein reger Austausch von Angestellten statt. Einer der Ingenieure, die ihre Heimat verlassen haben, um in Deutschland für Leoni zu arbeiten, ist Said Ghanmi.

Der Tunesier wurde in der Nähe der Hauptstadt Tunis geboren und hat seine Heimat das erste Mal am Ende des Studiums Richtung Kanada verlassen. Kontakte nach Deutschland knüpfte er während seiner Tätigkeit für die Firma Bosch, die in Ghanmis Heimat einen neuen Produktionsstandort eröffneten. „Die Deutschen vertrauen dir“, sagt er. Man müsse sich anfangs beweisen, aber wenn man seine Aufgaben gründlich erledige, sei man akzeptiert. Vier Jahre später kam dann das Jobangebot von Leoni mit dem festen Ausblick auf eine Stelle in Deutschland. Ghanmi zögerte nicht lange und nahm an, im Juni vergangenen Jahres zog er mit Ehefrau Naouel und seinen zwei ein- und dreijährigen Kindern nach Kitzingen.

„Eine enorme Umstellung“, erinnert sich der Ingenieur. Deutschland sei ein Land der Struktur und der Regeln. Verblüfft sei er über die akribische Mülltrennung – „bei uns macht man alles in eins“– und die Parkregeln gewesen. „Diese Strukturen kosten viel Zeit und Energie“, sagt der Tunesier. Allerdings imponiere ihm die Sauberkeit und Sicherheit. „ Die Kinder haben hier eine bessere Zukunft“, ist sich Ghanmi sicher.

Mittlerweile hat der Tunesier auch einige interkulturelle Trainings besucht, die sein Arbeitgeber regelmäßig anbietet. Mit Hilfe eines Coaches werden alltägliche Situationen im Berufsleben nachgespielt und die möglichen kulturellen Unterschiede angesprochen. „Ich hab gelernt, worauf es den Deutschen bei der Arbeit ankommt“, sagt der 33-Jährige. Pünktlichkeit, gute Vorbereitung, Faktenwissen und Organisationsfähigkeit seien in hiesigen Unternehmen gefragt. „In Tunesien wird am Arbeitsplatz über alles mögliche gesprochen, hier muss man sich auf das Wesentliche konzentrieren“, erzählt Ghanmi. Doch trotz aller Unterschiede fühle sich seine Familie hier wohl.

„Das einzige, was uns hier fehlt, ist die knallige Sonne.“
Said Ghanmi Leoni-Mitarbeiter auf Tunesien

„Man muss das Kokosnuss-Modell verstehen“, sagt der Tunesier grinsend. Die Deutschen seien wie die Frucht: Man brauche eine Weile, um die harte Schale zu durchdringen, aber wenn man sich bemüht, erreiche man den weichen Kern. Probleme hat Ghanmi noch mit der Sprache: „Wenn jemand richtig Fränkisch redet, verstehe ich kein Wort“, sagt er augenzwinkernd. Am liebsten spreche er Englisch, seine Familie lerne aber fleißig Deutsch. „Das einzige, was uns hier wirklich fehlt, ist die knallige Sonne“, bedauert Ghanmi.

Wenn ihn seine Familie in Tunesien aufgrund seiner Pläne verwundert ansieht oder wieder einmal ein kultureller Schock bevorsteht, hat der 33-Jährige sein ganz eigenes Motivationsprogramm: „Mir wird oft gesagt, dass ich Barack Obama ähnel“, sagt er. In Anspielung auf den amerikanischen Präsidenten hat der zweifache Vater sein Lebensmotto ausgewählt. So heißt es bei jeglichen Herausforderungen für Said Ghanmi und seine Familie: „Yes we can!“

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