MAINSTOCKHEIM

Räumung der Flüchtlingsunterkunft soll die Situation entschärfen

Nach den heftigen Auseinandersetzungen zwischen Bürgern und Asylbewerbern vom Balkan in Mainstockheim räumt die Regierung von Unterfranken die Flüchtlingsunterkunft.
Messerstecherei
Polizeipräsenz: Zahlreiche Einsätze gab es in den vergangenen Tagen. Foto: Berthold Diem

Am Montag blieb der Regierung von Unterfranken nur noch ein Schritt, um die Situation in Mainstockheim (Lkr. Kitzingen) zu entschärfen – und man ging ihn mit Landrätin Tamara Bischof, ohne zu zögern: Die Unterkunft in dem 1900-Einwohner-Ort, in der zuletzt noch 20 Asylbewerber aus dem Kosovo und Albanien untergebracht waren, wird völlig geräumt. „Die Asylbewerber werden in andere Unterkünfte untergebracht.“

 

Damit zogen die Behörden einen Schlussstrich unter eine Situation, die sich in den Tagen zuvor immer mehr verschärft hatte, von Unmut über Handgreiflichkeiten bis zu massiven Attacken zwischen einem Teil der hier lebenden Flüchtlinge und in Kitzingen lebenden Deutschen und Türken, bei denen am Sonntag Fäuste flogen und Messerstiche einen 15-jährigen Jungen verletzt hatten.


Der Vater dieses türkischstämmigen Jungen setzte in der Nacht zum Montag ein Zeichen gegen die aufwallende Aggression, die 300 Menschen mit Auto-Kennzeichen aus dem Landkreis Main-Spessart, Bad Neustadt (Lkr. Rhön-Grabfeld) und Schweinfurt zu einer Versammlung vor der ehemaligen Gastwirtschaft in den kleinen Ort getrieben hatte. Er stellte sich neben Hans Hemm, Einsatzleiter der Polizei, schützend vor die Unterkunft und versuchte, die Gemüter seiner Landsleute zu beruhigen.

Die glaubten aufgrund einer Falschmeldung im Internet, ihr junger Landsmann sei von einem der Flüchtlinge im Streit umgebracht worden. „Er lebt“, stellte er klar.

Nachtaktion: Mainstockheimer zogen vor die Asylbewerberunterkunft. Foto: Wagner

Über 7000 Flüchtlinge leben derzeit in Unterfranken in 300 dezentralen und 30 zentralen Einrichtungen. In Kitzingen sind es laut Landrätin Tamara Bischof über 520 Menschen in 29 dezentralen Einrichtungen – aber keine bereitete den Behörden auch nur annähernd so viel Kopfzerbrechen wie die in Mainstockheim. „So etwas habe ich in 38 Dienstjahren noch nicht erlebt“, sagt Hemm, der beim Polizeipräsidium bereits Neonazi-Aufmärsche in Schweinfurt und Würzburg entschärft hatte.

24 Männer waren offiziell in der Löwenwirtsgasse untergebracht, Asylbewerber aus Albanien und dem Kosovo. Dass einige bis in den Morgen feierten, störte allenfalls Nachbarn, die zu der Zeit nicht schlafen konnten oder zur Arbeit mussten. Aber dann entfaltete das Verhalten von einem halben Dutzend Bewohnern immer mehr Außenwirkung.

Zunächst waren es kleine Vorfälle, die jeder für sich kaum der Rede wert schienen: Mal ging es um kostenloses Trainieren in einem Fitness-Studio, mal um das Betatschen eines Mädchens im Schwimmbad mit anschließenden Fausthieben für den zu Hilfe eilenden Freund, mal um eine zertrümmerte Bar und Prügeleien in der Öffentlichkeit.

Die Beschaulichkeit trügt: In Mainstockheim im Landkreis Kitzingen sorgte die Auseinandersetzung mit Asylbewerbern aus dem Kosovo für Unfrieden. Foto: Günter Streit

Dazu kam, dass sich in der Unterkunft Landsleute der Flüchtlinge aufhielten und Streit provozierten, die gar nicht offiziell hier untergebracht waren. Die vier Auffälligsten wurden am Freitag in andere Unterkünfte verlegt, waren aber am Sonntag schon wieder in Mainstockheim – genau rechtzeitig, um in Kitzingen mit der Gruppe türkischer und deutscher junger Männer in Streit zu geraten. Dabei wurde der 15-Jährige durch Messerstiche und einen Stein verletzt.

Dies und die im Internet kursierenden Aufrufe ließen vermuten, dass die Unterkunft auch am Sonntag wieder – wie in einigen Nächten davor – das Ziel einer immer weiter anwachsenden Versammlung grimmiger Bürger werden würde, die ihrem Unmut über die Flüchtlinge Luft machen wollten. Zunächst schienen diese Befürchtungen wahr zu werden. Vor dem massiven Aufgebot der Polizei in Mainstockheim zogen zeitweise bis zu 300 Menschen auf.

Dabei zeigte sich freilich: Die meisten kamen nicht aus fremdenfeindlichen Motiven, sondern aus Neugier. Ankündigungen im Internet wirkten offenbar wie bei einem Event motivierend auf Fahrer mit Kennzeichen aus den Landkreisen Main-Spessart, Schweinfurt und Rhön-Grabfeld. „Die wenigsten kommen, weil sie sauer sind“, sagte ein Polizist kopfschüttelnd. „Die kommen, weil sie erleben wollen, ob etwas passiert, was sie aus der Langeweile reißt.“

Unter den 300 waren nach Schätzung von Mainstockheims Bürgermeister Karl-Dieter Fuchs allenfalls 50 aus Mainstockheim, aber auch zehn „Späher“ aus dem rechten Lager in Kitzingen, die rasch des Ortes verwiesen wurden. Ansonsten war kein Hinweis auf fremdenfeindliche Gesinnung zu erkennen. Es wurden keine Fahnen geschwenkt oder Parolen gebrüllt. Gegen Mitternacht hatte sich die Menge wieder zerstreut. Zu dem Zeitpunkt hatte die Polizei unter Mitwirkung des Bürgermeisters aber bereits eine andere Aktion begonnen: das Ausräumen der Asylbewerber-Unterkunft. Wie schon am Freitag stellten die Beamten fest, dass hier Flüchtlinge nächtigten, die dort nicht gemeldet waren. Sie mussten die Unterkunft verlassen.

Am Morgen wurden auch die restlichen 20 legal hier untergebrachten Asylbewerber weggebracht. Die 24 Asylbewerber werden getrennt und in andere Landkreise verlegt, sollen dort auch bleiben. „Wir werden mehr Kontrollen durchführen müssen“, meinte Hemm. Schäden in der Mainstockheimer Unterkunft sollen behoben werden, erst dann können die Räume wieder von Asylbewerbern bezogen werden – sofern der Eigentümer einverstanden ist. „Jetzt haben die Mainstockheimer aber erst einmal ein Anrecht auf Ruhe“, meinte Landrätin Bischof. Wann die Unterkunft wieder belegt wird, lasse sich derzeit nicht sagen. „Die Notwendigkeit, die Unterkunft sofort wieder zu belegen, sehe ich nicht.“ Der Landkreis habe noch Kapazitäten in anderen Bereichen nicht völlig ausgeschöpft. Die Zusammensetzung der Bewohner soll künftig jedenfalls besser geregelt werden.

„Die Situation wird entzerrt, das ist genau der richtige Weg“, meinte der Leitende Polizeidirektor Hemm. Landrätin Bischof appellierte an die Bevölkerung, weiter aufgeschlossen gegenüber Flüchtlingen zu sein. „Es wäre völlig falsch, jetzt alle Asylbewerber über einen Kamm zu scheren“, sagt Maruška Hofmann-Sircelji gegenüber dieser Redaktion. Die 70-Jährige kümmert sich seit Jahren ehrenamtlich sehr intensiv um die Asylbewerber im Landkreis. Sie ist am Sonntagabend von einem längeren Auslandsaufenthalt zurückgekommen. Vorher war sie immer wieder im Mainstockheimer Asylbewerberheim gewesen, um mit den dort untergebrachten jungen Männern zu reden. „Das ist das Wichtigste: Man muss mit den Leuten Klartext reden!“

Eine gute Kommunikation ist auch für den evangelischen Ortspfarrer, Claus Deininger, ausschlaggebend. „Eines der größten Probleme ist: Die Kommunikation läuft über die Menschen, nicht mit den Menschen zusammen“, bedauert er. Die Kontakte, die er zu den Asylbewerbern hatte, seien „ausgesprochen positiver Natur“ gewesen.

Das sieht auch Helene Bausenwein so. Sie ist die Ehefrau von Pfarrer Michael Bausenwein. Beide engagieren sich im Helferkreis für die Asylbewerber, die Helene Bausenwein als „sehr verschieden“ beschreibt. Bis die Asylanträge bearbeitet sind, dauere es in vielen Fällen einfach zu lange, kritisiert Bausenwein. Die jungen Männer seien lange Zeit sich selbst überlassen, es fehle ein Hausmeister oder Ansprechpartner, der regelmäßig vor Ort ist. „Ab einer gewissen Anzahl von Menschen bräuchte man eine hauptamtliche Kraft. Das können die Ehrenamtlichen nicht abfangen, auch wenn sie sehr engagiert sind.“

Bürgermeister Karl-Dieter Fuchs hatte bereits in der Bürgerversammlung vor vier Wochen deutliche Kritik am bürokratischen Verlauf der Asylverfahren geäußert. „Die Sonntagsreden der Politiker kotzen mich an.“ Aus dem Versprechen, Wirtschaftsflüchtlinge schnell zurückzuführen, sei nichts geworden. So müssten die Bewerber einzeln nach Zirndorf fahren. „Warum kann ein Sachbearbeiter sich nicht seinen Laptop unter den Arm klemmen und seinen Hintern nach Mainstockheim bewegen?“, fragte er. Fuchs betont, dass die Eskalation der Gewalt nichts mit Mainstockheim zu tun habe, sondern durch Vorfälle außerhalb begründet sei. „Es gibt keine Fremdenfeindlichkeit in Mainstockheim.“

Die Caritas in Würzburg bewertet das besonnene Vorgehen der Polizei in Mainstockheim als „gut und sinnvoll“, so Sebastian Schoknecht, zuständig dort für die Öffentlichkeitsarbeit. Grundsätzlich hält er es für wichtig, dass Anwohner von Flüchtlingsunterkünften rechtzeitig informiert werden. „Dann zeigen sich gute Erfolge, bilden sich Helferkreise. Blöd ist es, wenn Menschen das Gefühl haben, überrumpelt zu werden.“

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) wollte sich auf Nachfrage dieser Redaktion nicht zu den Auseinandersetzungen in Mainstockheim äußern: Ganz offensichtlich handle es sich dabei um eine „Privatfehde“ zwischen türkischstämmigen Einheimischen und den aus dem Kosovo stammenden Asylbewerbern, erklärte ein Sprecher des Münchner Innenministeriums: „So etwas kommt leider vor, hat aber mit einem ausländerfeindlichen Hintergrund nichts zu tun.“

Versuche polizeibekannter Rechtsradikaler, die Auseinandersetzung für eigene politische Zwecke zu nutzen, seien von der Polizei unterbunden worden. Die Auseinandersetzungen in Mainstockheim hätten „nichts mit der Flüchtlingsproblematik zu tun“ und seien aus diesem Grund auch für den Innenminister „nicht der geeignete Anlass über Fremdenfeindlichkeit zu sprechen“. Einsatzleiter Hemm machte zu der Räumung deutlich: „Das ist kein Nachgeben, sondern die Lösung der Situation, die der Lage angepasst ist.“

Herrmann hatte vor zwei Wochen nach dem Brandanschlag auf eine geplante Flüchtlingsunterkunft im oberbayerischen Landkreis Pfaffenhofen fremdenfeindliche Angriffe auf Asylbewerber oder Brandanschläge auf Asyl-Einrichtungen als „indiskutabel“ bezeichnet: „Für jeden, der sich in unserem Land aufhält, gilt, dass wir ihn in seiner Menschenwürde schützen“, bekräftigte der Minister damals.

Die Grünen-Rechtsexpertin Katharina Schulze kritisiert deshalb das Schweigen Herrmanns zu den Auseinandersetzungen in Mainstockheim: „Wenn 300 Menschen gewaltbereit vor eine Asylunterkunft ziehen, dann kann man nicht mehr von einer Privatfehde sprechen.“ Auch eine mögliche Beteiligung türkischstämmiger Einheimischer ändere daran nichts, findet Schulze: „Fremdenfeindlichkeit ist nicht tolerierbar, egal, von wem sie ausgeht.“ Zwar sei erfreulich, dass die Polizei vor Ort schnell und richtig gehandelt habe, aber: „Auch der Innenminister wäre gut beraten, solche Situationen nicht mehr zu verharmlosen.“

 

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