Kitzingen

Reichspogromnacht: Die Verantwortung für die Schuld bleibt

An der Erinnerungstafel an der Alten Synagoge gedachte Oberbürgermeister Siegfried Müller mit Bürgern der Reichspogromnacht von 1938. Foto: Gerhard Bauer

Zum Gedenken an die Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 hielt Oberbürgermeister Siegfried Müller vor rund 60 Teilnehmern an der Gedenktafel der Alten Synagoge die Gedenkansprache.

In einem Rückblick auf die Tage vor 81 Jahren präsentierte das Stadtoberhaupt eine verheerende Bilanz. In vierstelliger Zahl seien deutschlandweit Synagogen zerstört, tausende Geschäfte und Betriebe demoliert, unzählige Wohnungen verwüstet und etwa 30 000 jüdische Mitbürger in Konzentrationslager deportiert worden.

Im Kleinen hätten sich auch hier furchtbare Szenen abgespielt, als Nazi-Anhänger unter dem Beifall der Bevölkerung Geschäfte jüdischer Familien plünderten und zerstörten. In der Folge seien zahllose Kinder, Frauen und Männer deportiert worden. Niemand der Anwesenden sei damals dabei gewesen, die Verantwortung für diese Schuld bleibe jedoch.

Tatenlos zugesehen

Mit der Reichspogromnacht sah Müller den Übergang von der rechtlichen Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung in eine offene Verfolgung geschaffen. Ein Weg, der schließlich zum Holocaust geführt hat. Mit Scham erfülle bis heute, dass viele weggeschaut oder tatenlos zugesehen haben.

Wer indes heute Nachrichten aufmerksam verfolge, müsse erkennen wie zwingend notwendig das Gedenken an die Schande von 1938 ist: Menschen jüdischen Glaubens werde geraten sich besser nicht mit der Kippa in der Öffentlichkeit zu zeigen, das Nürnberger Christkind werde wegen seines Migrationshintergrundes im Netz angefeindet, gewählte Volksvertreter wählten immer offener antisemitische und nationalsozialistische Ausdrucksweisen.

Müller rief dazu auf, sich daran nicht zu gewöhnen sondern dieser Entwicklung beherzt und mit Zivilcourage entgegen zu treten. Das mache deutlich, dass Rechtsstaat und Demokratie keine Errungenschaften sind, die, einmal erworben, selbstverständlich sind. Demokratie sei eine stets gefährdete Staatsform, die nicht nur durch die Verfassung verteidigt werden müsse.

Respekt und Fairness

Der Rechtsstaat setze voraus, dass sich seine Bürger mit Respekt, Fairness und Wohlwollen begegnen, für einander Verantwortung übernehmen und sich auch im Streit um Wahrheit und Wahrhaftigkeit bemühen. Müller forderte, "klare Kante" zu zeigen und sich stark für Toleranz, Respekt und Mitgefühl zu machen. Als vor 81 Jahren die Synagogen brannten sei es dazu bereits zu spät gewesen.

Er sei froh und dankbar, dass Deutschland trotz aller Nazi-Gräuel wieder zur Heimat für Menschen jüdischen Glaubens geworden sei. Die Täter von einst lebten nicht mehr und die Nachgeborenen trügen keine persönliche Schuld, sie hätten aber die Verantwortung für die Geschichte unserer Nation.

Offizielle Wahrnehmung wichtig

Nach der Gedenkansprache trafen sich die Teilnehmer im Gebetsraum der Synagoge, wo Rabbiner Elias Dray aus Berlin/Amberg das Totengebet für die Opfer der Schoa sprach. Auf Einladung des Fördervereins ehemalige Synagoge diskutierten Rabbiner Elias Dray und die Politologin Elke Gryglewski zum Thema Antisemitismus – Herausforderung für eine Erziehung zu Respekt und Toleranz, die Diskussion wurde von Altoberbürgermeister Bernd Moser moderiert.

Einleitend unterstrich die Vorsitzende des Fördervereins Margret Löther, dass die offizielle Wahrnehmung des Gedenktages sehr wichtig sei. Wie dem Gespenst Antisemitismus, das sich wie ein Gerücht rasend schnell verbreite, beizukommen sei, war eine Frage an die Podiumsrunde. Dray bekannte, dass er Antisemitismus als Jugendlicher in Amberg nicht tiefgreifend erlebt habe, dass sich die Zeiten jedoch wie in Berlin veränderten.

Gryglewski sprach von einem latenten Antisemitismus, der mit dem Staat Israel und dem Nahen Osten eng verknüpft sei und im Internet stärker als früher wahrgenommen werde. Daher habe die Enthemmung stark zugenommen, auch, weil sich viele Betroffene nicht trauen, Anzeige zu erstatten.

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