Hoheim

Schildkröten-Hilfe: In der Auffangstation landen die Notfälle

Sandra Malguth und ihre Helfer retten im Kitzinger Ortsteil Hoheim Landschildkröten in großem Stil und in großer Zahl. Ein aktueller Fall sticht negativ heraus.
Sandra Malguth leitet die Auffangstation für Landschildkröten in Hoheim. In der Hand hält sie "Batzi", eine Maurische Landschildkröte. Die Schildkröte im Regal im Hintergrund ist übrigens eine künstliches Exemplar. Foto: Michael Mößlein

Tierschicksale landen regelmäßig in der Auffangstation für Landschildkröten in Hoheim. Doch die Reptilien, die vor kurzem bei ihr gelandet sind, ragen unter dem üblichen negativ hervor, berichtet Sandra Malguth, die Leiterin der Station. Und das in mehrfacher Hinsicht.

Da wäre allein die Anzahl: sechs Griechische Landschildkröten auf einen Schlag. Die drei Weibchen und drei Männchen sind erst drei Jahre alt, wogen bei ihrer Ankunft in Hoheim allerdings bis zu 700 Gramm. "Normal wären 150 bis 200 Gramm", sagt Malguth. Die Tiere sind viel zu schnell gewachsen. Sie wurden falsch gefüttert: mit Salat, Tomaten, Gurken, Obst und Futter-Pellets, die für europäische Landschildkröten ungeeignet sind. Das viele Wasser im Kopfsalat hat dazu geführt, dass die Schildkröten nicht mehr aktiv getrunken haben – mit dem Ergebnis, dass ihre Nieren geschädigt wurden.

Zwei der sechs Griechischen Landschildkröten, die vor kurzem als Notfall in der Auffangstation für Landschildkröten in Hoheim landeten. Die Tiere sind nach jahrelanger nicht artgerechter Haltung schwer geschädigt. Foto: Michael Mößlein

Die sechs Griechen sind miserabel beieinander

Hinzu kommt eine große Anzahl Parasiten im Körper der Schildkröten, die aus einer aufgelösten Haltung im Landkreis Würzburg stammen. Und noch ein Versäumnis der Vorbesitzer hatte gravierende Folgen: Die Schildkröten erlebten bislang keine einzige Winterstarre, wie es für diese Tiere zwischen Mitte November und Mitte März normal und für ein gesundes Wachstum wichtig ist. Alles zusammen führte dazu, dass die sechs Griechen gesundheitlich miserabel beieinander sind und jetzt in der Auffangstation mühselig wieder aufgepäppelt werden. "Die Tiere wurden zu dem gemacht, was sie sind", ärgert sich Malguth über die nicht artgerechte Haltung, unter der die Schildkröten jahrelang litten. Lichtblick ist, dass die Schildkröten laut Tierarzt überleben werden und hoffentlich den schönsten Teil ihres langen Lebens noch vor sich haben.

Bei guter Haltung haben Griechische Landschildkröten eine Lebenserwartung, die mit der eines Menschen vergleichbar ist. Auch das ist ein wichtiger Grund dafür, sich ausführlich zu informieren, bevor man sich eine Schildkröte zulegt, findet Schildkröten-Expertin Malguth. Das fängt beispielsweise beim Futter an, und ist an sich nicht kompliziert: Alles, was an Kräutern bei uns auf einer Wiese von Natur aus wächst, ist für Schildkröten grundsätzlich in Ordnung, bis auf einige Ausnahmen, etwa Schöllkraut und Efeu, das für die Reptilien giftig ist. Tomaten und Gurken kommen bei uns in der Natur nun mal nicht vor.

Erdspieße mit Thermostaten überwachen die Temperatur

Auch für die Winterstarre gilt es, einige Regeln zu beachten, wie Malguth in ihrer Station in der Praxis erläutert: Sie und ihre sechs ehrenamtlichen Helfer bringen im Spätherbst alle rund 70 Schildkröten der Station plus weitere 30 Wintergäste in das größte Gewächshaus. Dort gibt es spezielle Wintergruben, wo die Schildkröten sich in der Erde vergaben. Erdspieße mit Thermostaten überwachen die Temperatur der Erde. Fällt diese unter fünf Grad, springen Heizmatten an, die dafür sorgen, dass die Erde frostfrei bleibt. Denn falls der Boden zu schnell friert, könnte es sein, dass die Schildkröten sich nicht schnell genug tiefer, in frostfreie Bereiche eingraben können und dann erfrieren.

Im größten Gewächshaus der Auffangstation werden den Winter über die Schildkröten so untergebracht, dass sie dort sicher die Winterstarre überstehen. Foto: Michael Mößlein

"Eigentlich ist das Klima hier in Deutschland für Schildkröten nicht geeignet", sagt Malguth. Deshalb ist das Wissen, das in Fachbüchern nachzulesen ist, und das sie regelmäßig samstags vormittags in Einsteiger-Kursen in der Auffangstation vermittelt, auch so wichtig.

"Die Tiere wurden zu dem gemacht, was sie sind."
Sandra Malguth, Leiterin der Auffangstation für Landschildkröten

Die Schildkröten-Station in Hoheim ist eine der wenigen bundesweit und genießt in Fachkreisen einen hervorragenden Ruf. Dort landen Schildkröten von weit her; die Station kooperiert etwa mit allen fränkischen Tierheimen, sagt Malguth. Allein in diesem Jahr hat sie an die 35 Schildkröten aufgenommen – und fast die gleiche Anzahl an neue Besitzer in ganz Deutschland vermittelt. Doch mittlerweile ist die Kapazitätsgrenze erreicht; es gibt eine Warteliste mit fast 60 Schildkröten, nur absolute Notfälle können noch zeitnah aufgenommen werden.

Die kleinsten Schildkröten der Station stammen aus einer Naturbrut Griechischer Landschildkröten von Mitte September. Acht Gramm wiegt das leichteste der Tiere, die Mitte September geschlüpft sind. Foto: Michael Mößlein

Die Helfer der Station arbeiten alle ehrenamtlich

Mehr Schildkröten können die beiden Quarantäne-Stationen (innen und außen) und die elf Gewächshäuser mit Freigehegen, in denen die Schildkröten leben, einfach nicht fassen. Auch das Personal aus Freiwilligen arbeitet am Limit. Allein die Stationsleiterin ist drei bis vier Stunden pro Tag und das komplette Wochenende mit der Pflege der Tiere und dem organisatorischen Drumherum, von Schulungen bis hin zur Dokumentation und Verwaltung, beschäftigt – alles nebenberuflich und ehrenamtlich wohlgemerkt.

"Eigentlich ist das Klima hier in Deutschland für Schildkröten nicht geeignet."
Sandra Malguth, Leiterin der Auffangstation für Landschildkröten

Ohne den Verein, der die Station finanziell unterstützt, wäre dies nicht zu tragen, schildert Malguth. Allein die notwendigen Untersuchungen nach der Aufnahme einer Schildkröte kosten 80 Euro, folgende Behandlungen weit mehr. Der gemeinnützige Verein wurde im Jahr 2012 gegründet, ein Jahr, nachdem sie die Station eröffnet hatte. Er zählt knapp 200 Mitglieder aus ganz Deutschland.

Die Afrikanische Spornschildkröte "Otto" ist die größte Schildkröte in der Auffangstation. Er ist 16 Jahre alt und in bestem Teenageralter. Die Schildkröte wiegt 45 Kilo – mit Luft nach oben. Unter UV-Licht- und Wärmelampen fühlt sich "Otto" wohl, denn er braucht ganzjährig mindestens 25 Grad. Foto: Michael Mößlein

Ein Schildkröten-Fan ist Malguth von Kindesbeinen an. Später hat ihr Mann ein Versprechen eingelöst: Wenn sie erst mal Haus und Hof hätten, dann bekäme sie eine Schildkröte ... So kam die 48-Jährige vor 23 Jahren zu "Daggy", ihrer ersten Schildkröte. Nach und nach hat sie sich ein immenses Fachwissen rund um Schildkröten angeeignet, von dem vor allem die Notfälle profitieren, die in der Auffangstation landen.

Die Kitzinger Auffangstation für Landschildkröten ist auf Spenden angewiesen, um Tieren in Not zu helfen. Spendenkonto: IBAN DE82 7905 0000 0046 9523 88.

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