Marktbreit

Streit-Frage: Grabstein-Diebstahl oder legale Weitergabe?

Der Grabstein einer aufgelassenen Ruhestätte in Marktbreit landet als Zweitnutzung auf einem Nachbargrab. Die alten Besitzer empören sich über dieses Verhalten der Stadt.
Diesen Grabstein, den die Stadt Marktbreit als erhaltenswert einstuft, hat sie zur Weiternutzung einem neuen Besitzer überlassen. Das Familienrelief zeigt teils noch lebende Menschen. Die Hinterbliebenen verlangen nun die Rückgabe und empören sich über das Verhalten der Stadt. Foto: Michael Mößlein

Wem gehört ein Grabstein, nachdem eine Grabstelle aufgelöst worden ist? Und wer entscheidet, was mit dem Stein passiert? Über diese Fragen, die Gesetz und Pietät gleichermaßen berühren, streiten die Hinterbliebenen einer Marktbreiter Familie mit der Stadt. Der Streit reicht Jahre zurück. Ein gütliches Ende ist nicht in Sicht.

Unter dem Schutzmantel der Gottesmutter sind vier Kinder zu erkennen

Grabstein des Anstoßes ist der des angesehenen Marktbreiter Arztes Dr. Ludwig Diem (gestorben 1978), dessen früh, im Jahr 1926, verstorbener Frau Wally und dessen zweiter Ehefrau Maria (gestorben 1982). Gefertigt hat den Grabstein ein örtlicher Steinmetzbetrieb. Er beinhaltet im Zentrum ein Relief , das die Gottesmutter und im Schutz von ihrem Mantel vier Kinder zeigt. Deren Gesichtszüge sind lebensnah denen der vier Kinder der Familie nachempfunden; eines von ihnen lebt noch. Ein steinernes Kunstwerk mit sehr persönlicher Note also, das gut in den von aufwändig gestalteten Grabmalen geprägten ältesten Teil des Marktbreiter Friedhofs passt.

Auf dem historischen Teil des Friedhofs von Marktbreit sind zahlreiche künstlerisch wertvolle Grabmäler zu finden. Foto: Michael Mößlein

Im Jahr 2008 kündigte die Stadt Marktbreit mit Ablauf der Liegedauer der zuletzt Bestatteten die Grabpacht, mit dem Hinweis, dass eine Verlängerung wegen Platzbedarfs im Friedhof nicht möglich sei, schildert Hermann Weinig aus Puchheim bei München, ein Familienmitglied, das die Hinterbliebenen in dieser Sache vertritt, den Ausgangspunkt. In einem Schriftstück der Stadt vom Oktober 2009 sichert die Stadt der Familie zu: Der Grabstein habe "in jedem Fall Erhaltungswert" und sollte "für eine weitere Nutzung auf der Grabfläche verbleiben". Laut Weinig verwarf die Familie deshalb Pläne, den Grabstein auf ein Familiengrab in Würzburg zu versetzen, im Glauben, das Grabmal werde in Marktbreit auf Dauer sicher und unverändert überdauern.

Dies blieb auch einige Jahre so, bis ein Mitglied der Familie im Jahr 2017 beim Besuch am ehemaligen Grab laut Weinig "völlig überrascht " feststellte: Der Grabstein ist verschwunden. Nach einer Suche wurde er ein paar Meter entfernt entdeckt – zumindest der Aufsatz mit dem schmucken Relief. Die ursprüngliche Namenstafel fehlte. Der Grabstein stand auf einem fremden Grab.

Nach Ablauf der Pachtzeit muss ein Grab geräumt werden 

Dies ist die Situation eines bis heute ungelösten Streits um das Grabmal. Vereinfacht gesagt behaupten die Hinterbliebenen der Familie Diem, die Stadt habe den Grabstein ohne ihr Wissen, ungefragt und ohne Rechtsgrundlage an Dritte veräußert. Sie berufen sich auf die schriftliche Zusicherung der Stadt aus dem Jahr 2009, dass der Grabstein bleibe, wo er ist. Auf der anderen Seite sieht sich die Stadt Marktbreit im Recht, den Grabstein weitergegeben zu haben. Mit Auflösung der Grabstelle seien die bisherigen Pächter verpflichtet, diese komplett zu räumen. Bleibe ein Grabstein zurück, dann gelte er laut Bürgerlichem Gesetzbuch (Paragraf 959) als "herrenlos" und dürfe in den Besitz eines anderen übergehen. So erklärt es Bürgermeister Erich Hegwein auf Nachfrage dieser Redaktion.

Auf dem historischen Teil des Friedhofs von Marktbreit: Die Stadt erhält künstlerisch und stadtgeschichtlich wertvolle Grabmale am Rande des Friedhofs in einem separaten Bereich. Foto: Michael Mößlein

Nach seiner Aussage habe die Stadt den Grabstein an eine Unternehmerfamilie weitergegeben, ohne Entgelt. Auf diese Weise sollte der Grabstein, dem die Stadt historischen Wert zumisst, auf dem alten Friedhof erhalten werden. Etwa 40 bis 45 solch wertvoller Grabsteine habe die Stadt kartiert, die teilweise über Patenschaften erhalten werden. Dass jemand die Offerte der Stadt, einen alten, herrenlosen Grabstein für ein neues Grab weiterzunutzen, annimmt und die alten Namen entfernt, käme sehr selten vor.

Der Bürgermeister erinnert sich an keine Handvoll Fälle. Die Stadt nimmt dafür kein Geld. Die neuen Besitzer müssen nur die Versetzung und gegebenenfalls die Sanierung des Grabsteins zahlen. Hegwein sieht darin die Chance, das Gepräge des historischen Friedhofs zu erhalten und weitere Lücken in den Grabreihen zu verhindern.

Die Stadt Marktbreit möchte weitere Lücken in den Grabreihen des historischen Friedhofs vermeiden. Foto: Michael Mößlein

Die neue Friedhofssatzung, die der Stadtrat in Kürze verabschieden soll, werde dieses Vorgehen laut Bürgermeister besser als in der aktuell geltenden Satzung regeln. Die aktuelle Satzung unterstellt künstlerisch und geschichtlich wertvolle Grabdenkmäler dem besonderen Schutz der Stadt, regelt jedoch nicht deren Übereignung an Dritte.

Den Hinterbliebenen der Familie Diem ist es nach Auskunft von Hegwein angeboten worden, die Grabpacht gegen Zahlung der Gebühren zu verlängern, was diese jedoch abgelehnt hätten. Weinig bestreitet dies: Die Stadtverwaltung hätte seinen Angehörigen eine Verlängerung der Grabpacht sogar ausgeschlagen. Schriftliche Dokumente hierzu gibt es nicht. Aussage steht gegen Aussage. Dies gilt auch für die Weitergabe des Grabsteins – für Weinig ein Unding. Die Stadt hätte dies dokumentieren müssen, meint er. Dies ist aber nicht geschehen, wie Bürgermeister Hegwein zugibt: Es sei zur Weiternutzung des Grabsteins nichts schriftlich festgehalten worden. Die vormaligen Besitzer wurden auch nicht gesondert über die Weitergabe des aus Sicht der Stadt herrenlosen Grabsteins informiert.

Auch ein Jurist trägt nicht zur Klärung des Falls bei

Weinig hatte zwischenzeitlich einen Juristen mit dem Fall betraut, was jedoch ebenfalls zu keiner Klärung des Falls beigetragen hat. "Unser Ziel ist es weiter", sagt Weinig, "den Grabstein zurückzuerhalten." Die Familie sei auch bereit, den neuen Besitzern einen Ersatz-Grabstein zu bezahlen. Doch diese lehnen eine Rückgabe ab und meinen, den Grabstein ordnungsgemäß erworben zu haben. Deren Angebot, auf dem Grab eine Tafel mit den Namen der verstorbenen Diems anzubringen, lehnen wiederum deren Hinterbliebene ab.

Eine augenscheinlich verfahrene Situation, in der auch das Landratsamt Kitzingen nicht weiterhelfen kann. Weinig hatte die Kreisbehörde als Rechtsaufsicht um Klärung gebeten. Doch da es sich um eine zivilrechtliche Angelegenheit handelt, ist das Landratsamt nicht zuständig, erklärt man dort auf Nachfrage.

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