DETTELBACH

Über die FH zum Doktortitel: Rainer Koch macht es vor

Dr. Rainer Koch, erster bayerischer „Verbunddoktor”, mit Wissenschaftsministerin Marion Kiechle bei der Verleihung der Doktorwürde in München. Foto: steffen-leiprecht.de

Wer darf in Bayern den Doktortitel erwerben? Nur Absolventen einer Uni oder auch einer Fachhochschule (FH)? Der Streit darüber geht seit Jahrzehnten. Zwar verteidigen die Universitäten ihr alleiniges Promotionsrecht mit Zähnen und Klauen. Doch gibt es mittlerweile einen klaren Weg zum „Dr. FH“ – über die 2016 eingeführten Verbundpromotionen. Rainer Koch aus Dettelbach (Lkr. Kitzingen) hat am Mittwoch in München als erster Verbund-Doktor seine Promotionsurkunde erhalten.

Tandem aus Uni und FH betreut den Doktoranden

Bayerns neue Wissenschaftsministerin Marion Kiechle gratulierte und „erntete“ eine Frucht dessen, was ihr Vorgänger Ludwig Spaenle anschieben wollte: die bessere Zusammenarbeit zwischen Universitäten und Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW). Während die FHs praxisorientierter arbeiten, setzen Unis stark auf die Grundlagenforschung – und sehen hierin ihre Alleinstellung bei der Promotion gerechtfertigt.

Verleihung der Promotionsurkunde an den ersten bayerischen „Verbunddoktor“; Dr. Rainer Koch (2. von rechts) mit seinen D... Foto: steffen-leiprecht.de

Das Vorrecht behalten sie auch im Verbund mit einer FH. Die Doktorurkunde wird von der Uni ausgestellt, die beteiligte FH bzw. HAW ist aber darauf erwähnt. Der Doktorand wird, wie im Falle von Rainer Koch (37), von einem Tandem betreut: jeweils einer Professorin oder einem Professor aus Uni und FH.

Bayerisches Wissenschaftsforum und Verbundkollegs

Um dieses Zusammenspiel zu fördern, hat der Freistaat 2016 das Bayerische Wissenschaftsforum (BayWISS) gegründet– als Dachverband von Unis und HAWs. Darunter eingerichtet wurde zusätzlich ein Fachforum Verbundpromotion mit derzeit sechs Verbundkollegs zu verschiedenen Themen.

Auch wenn noch nicht alles rund läuft und es bei der Finanzierung hapern soll: Ministerin Kiechle sieht in dem Modell einen großen Gewinn. Über das gemeinsame Promotionsprogramm sei es nun möglich, „die Vorteile beider Hochschularten ,in einer Person‘ zusammenzubringen. Das ist eine große Chance für den Erkenntnisgewinn.“

Rainer Koch hat einen langen Atem, sportlich und beruflich

Im Landtag war die Kombilösung von allen Fraktionen begrüßt worden, gar von einem „Brautpaar“ aus Uni und HAW wurde gesprochen. Vielleicht wäre das Bild von großer und kleiner Schwester stimmiger – aber all das Kompetenzgerangel kann Rainer Koch egal sein.

Er hat einen langen Atem bewiesen. Als Extremsportler – er ist mehrfacher deutscher Meister im Cross- und Landschaftslauf und Vizemeister über 100 Kilometer – hat er die USA durchquert und ist 4500 Kilometer von Bari (Italien) ans Nordkap gelaufen. Den langen Atem zeigt er aber auch in seiner beruflichen Laufbahn.

Robotik-Labor in Nürnberg mitaufgebaut

Nach dem Abitur über die Berufsoberschule studiert er an der damaligen FH Nürnberg (heute TH) Elektrotechnik mit Schwerpunkt Energietechnik und Anlagen-Automatisierung. Mit dem Diplom in der Tasche fängt er als Ingenieur am Institut für Leistungselektronik an, nebenbei macht er an der TH Nürnberg seinen Master. Es lockt die Industrie – stattdessen bleibt er an der TH, um ein Labor für mobile Robotik mitaufzubauen. Und hierfür wird ein Doktorand gesucht.

Feste Verbundpromotionen gibt es zwar noch nicht, schon länger aber „kooperative Promotionen“ von FH-Studierenden gemeinsam mit einer Uni. Koch hat Glück: Sein Doktorvater Stefan May von der TH Nürnberg holt den ihm gut bekannten Professor Andreas Nüchter von der Würzburger Julius-Maximilians-Universität (JMU) mit ins Boot. Im Oktober 2014 meldet Koch die Promotion an, mit Gründung des Verbundkollegs Digitalisierung führt er sie 2017 dort weiter.

Mehr Expertenwissen durch doppelte Betreuung

Der Dettelbacher forscht als wissenschaftlicher Mitarbeiter teilweise am Institut in Nürnberg und vertieft als Student an der Graduiertenschule der Uni Würzburg sein Grundlagenwissen. Anfang 2018 gibt Koch seine Dissertation ab. Koch sieht Vorteile in dem Kombimodell: „Ich hatte eine doppelte Betreuung. Damit stand auch ein erweitertes Expertenwissen zur Verfügung.“

Der Neu-Doktor hat es genutzt für eine Arbeit, deren Erkenntnisse wertvoll sind für die Entwicklung von Robotern, Fahrassistenz oder autonomes Fahren. Titel der Dissertation: „Sensorfunktion zur präzisen Kartierung von transparenten und reflektierenden Objekten“.

Thema der Doktorarbeit: Wie Roboter sich besser orientieren

Dr. Rainer Koch, Bayerns erster „Verbunddoktor“ bei der Arbeit im Labor für mobile Robotik an der TH Nürnberg. Foto: Lucas Brisco

Übersetzt: Roboter orientieren sich mit Laserscannern und liefern dazu Karten. Fehler entstehen aber leicht bei spiegelnden oder durchsichtige Flächen wie Glasscheiben. Damit ein selbstfahrendes Auto nicht ins Schaufenster steuert oder kollidiert, hat Koch zu einer besseren Datenverarbeitung von Laserscannern geforscht.

Doktorvater May (TH Nürnberg) spricht von einer „hervorragenden Dissertation“ und lobt die Zusammenarbeit im Verbund mit der Uni Würzburg: „Eine Verbundpromotion gibt auch den beteiligten Hochschulen neue Impulse. Durch die Integration zweier unterschiedlicher Wissenschaftskulturen an der Uni Würzburg und TH Nürnberg entstehen neue wissenschaftliche Ideen und Initiativen.“

Seit Dezember bei Automobilzulieferer tätig

Und sein betreuender Kollege Prof. Andreas Nüchter aus Würzburg würdigt das Verbundkolleg als „exzellentes Programm für gemeinsame Forschungsarbeiten der beiden Hochschulformen.“ Ganz praktisch hat Rainer Koch auch durch eine finanzielle Förderung sowie Kurse, Tagungen und Seminare davon profitiert.

Seit Dezember arbeitet der 37-Jährige als Ingenieur beim Automobilzulieferer Valeo in Bietigheim. Dort entwickelt er Algorithmen für Laserscanner im Bereich der Fahrassistenz und autonomes Fahren – und setzt damit Promotionswissen in die Praxis um.

Erst Praxis – Habilitation nicht ausgeschlossen

Eine Rückkehr in die Wissenschaft? Eine Habilitation schließt Koch nicht gänzlich aus. Dafür müsste er ohnehin einige Praxiserfahrung vorweisen. Wer weiß – vielleicht verhilft er dann als Professor selbst einmal FH-Studenten zur Doktorurkunde.

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