KITZINGEN

Vertriebene stehen für das vereinte Europa

Am Mahnmal vor dem Alten Friedhof legten (von links) Albina Baumann, Claus Lux, Gustav Patz und Volkmar Halbleib eine Blumenschale nieder. Foto: Gerhard Bauer

Der Bund der Heimatvertriebenen begeht alljährlich den Tag der Heimat zur Erinnerung an die Vertreibungen aus den Ostgebieten als Folge des Zweiten Weltkrieges.

Bei der Totenehrung am Mahnmal am Alten Friedhof erinnerte Albina Baumann an hunderttausende Opfer in einer gnadenlosen Zeit, die von den Angehörigen bis heute in den Herzen getragen werden. Gedenken gelte für alle, gleichgültig wo und wie sie ums Leben kamen, auch für Soldaten, die im Kampf fielen, in Kriegsgefangenschaft und in Arbeitslagern starben. Die Zahl der Opfer sei keine anonyme Masse, denn alle hätten Namen getragen. Gedenken bedeute erinnern und nicht anklagen.

Für die Geistlichkeit nannte Pfarrer Gerhard Spöckl die Zahlen von Krieg, Vertreibung und Gewalt erschreckend. Die Heimat verlassen zu müssen, präge jeden Menschen.

Im Sitzungssaal des Landratsamtes merkte Schirmherrin Landrätin Tamara Bischof an, dass die Reihen der Teilnehmer sich mehr und mehr lichteten. Das Wort Vertreibung kenne sie vom elterlichen Hof, wenn ehemals einquartierte Flüchtlinge zu Besuch kamen. Die Vertriebenen von damals seien ein Musterbeispiel, wie Integration gelingen konnte und stünden für ein vereintes Europa.

Der Vorsitzende des Kreisverbandes Claus Lux bezeichnete die Unrechtsdekrete, aufgrund deren Millionen Menschen ihrer Heimat beraubt wurden oder ermordet werden konnten, als historischen Ballast. Ihr formales Fortbestehen in einigen Nachbarländern sei nicht nur ein Affront gegen die Charta der Grundrechte der europäischen Union, es berge auch die Gefahr, dass mit dem Rechtsschein ein ideologisches Überbleibsel überlebe.

Die damalige Situation sei mit der Lage der Flüchtlinge von heute nicht vergleichbar, denn sie hätten eine andere Sprache und meist auch andere Religion. Gerade deshalb müsse diesen Menschen noch mehr Hilfe zugute kommen als den Vertriebenen von damals.

Für den Landtags-Abgeordneten Volkmar Halbleib (SPD) war die Übernahme der Festrede ein besonderes Anliegen, denn die Kenntnis um die Vertreibung und deren Zusammenhänge sei wichtig für das Zusammenleben in Europa. Dazu müssten die Themen allerdings wieder stärker ins Bewusstsein gerückt werden.

Die Vertreibung bezeichnete er als wesentlichen Einschnitt in die Lebensgeschichte jedes Einzelnen. Das müsse die Gesellschaft ebenso anerkennen wie die erbrachte Aufbauleistung in der neuen Heimat. Zu denken sei aber auch an jene, die die Heimat nicht verließen, sondern als Minderheiten zurückblieben. Halbleib unterstrich, dass zur Schicksalsgemeinschaft der Vertriebenen auch die Spätvertriebenen aus Rußland gehörten. Er rief dazu auf, die geschichtliche Wahrheit wahrzunehmen. Von den Nachbarn erwarte er, dass sie sich dem Thema Vertreibung stellen. In Tschechien habe die Zivilgesellschaft damit begonnen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Umso mehr sei zu beklagen, dass in osteuropäischen Ländern die 1989 eingeschlagene Entwicklung wieder umgekehrt werde.

Von der tschechischen Regierung wünschte er sich, dass zumindest die Straffreistellung infolge gewaltsamer Vertreibung mit vielen Opfern als unrechtmäßig eingestuft wird. Nach europäischem Rechtsverständnis könnten sie heute keine Gültigkeit mehr haben.

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