KITZINGEN

Vogelschutz: Mehr Wildnis wagen

Auch wenn die Bäume fast kahl sind: Streuobstwiesen bieten vielen Tieren eine Heimat. „Sie sind der Biotoptyp mit dem höchsten Artenvorkommen“, erklärt LBV-Kreisvorsitzender Klaus Sanzenbacher. Doch es gibt immer weniger derartige Wiesen und auch ansonsten viel zu wenig „Wildnis“ in Feld und Flur, in den Gemeinden und in den Gärten der Bürger. Dem Artenschutz tut das nicht gut.
Auch wenn die Bäume fast kahl sind: Streuobstwiesen bieten vielen Tieren eine Heimat. „Sie sind der Biotoptyp mit dem höchsten Artenvorkommen“, erklärt LBV-Kreisvorsitzender Klaus Sanzenbacher. Doch es gibt immer weniger derartige Wiesen und auch ansonsten viel zu wenig „Wildnis“ in Feld und Flur, in den Gemeinden und in den Gärten der Bürger. Dem Artenschutz tut das nicht gut. Foto: Sebelka (Archiv)

Manches hat sich getan. Aber noch lange nicht genug. „Zum Schutz der heimischen Vogelwelt sind weiterhin erhebliche Anstrengungen nötig“, heißt es im Vogelschutzbericht 2019, den Deutschland im Dezember an die Europäische Kommission übermittelt hat. Auch Klaus Sanzenbacher, Kitzinger Kreisvorsitzender beim Landesbund für Vogelschutz, sieht weiterhin großen Handlungsbedarf und stellt dabei klar: „Es geht nur gemeinsam.“

Alle sechs Jahre müssen die Mitgliedsländer der Europäischen Union einen Bericht nach der Vogelschutz-Richtlinie vorlegen. Darin geht es um Bestandsgrößen, Vorkommen und Trends der Vogelarten. Über 20.000 Einzeldaten zu 251 Brutvogelarten, 68 überwinternden und 34 durchziehenden Vogelarten wurden übermittelt. Die Zahlen zeigen: In einigen Bereichen bessert sich die Situation, doch in vielen herrscht weiterhin Alarmstimmung. Laut Bericht nimmt bei einem Drittel der Brutvogelarten der Bestand zu, beim Storch beispielsweise. Bei einem weiteren Drittel dagegen nimmt der Bestand weiterhin ab, und das teils bedrohlich.

Ein Beispiel dafür ist der Kiebitz. In den letzten zwölf Jahren hat der Bestand in Deutschland dem Bericht zufolge um 31 bis 50 Prozent abgenommen und der Langzeittrend (seit 1980) fällt mit bis zu minus 93 Prozent noch alarmierender aus. Maßnahmen seien erforderlich und würden ergriffen, heißt es im Bericht, über den das Bundesumweltministerium und das Bundesamt für Naturschutz kürzlich gemeinsam informierten.

Auch der Kreisvorsitzende des LBV Klaus Sanzenbacher zählt den Kiebitz zu den Sorgenkindern in der Vogelwelt. „Er braucht Feuchtflächen, daher macht ihm die zunehmende Trockenheit zu schaffen, aber auch die Drainagen in der Landwirtschaft.“ Bedenklich ist die Entwicklung bei einer ganzen Reihe weiterer Arten. Sanzenbacher nennt die Feldlerche, den Ortolan, die Schafstelze sowie den Vogel des Jahres, die Turteltaube. „Die habe ich selbst noch nie gesehen“, bedauert er.

Gerade in der freien Feldflur sei ein starker Rückgang des Vogelbestandes zu verzeichnen. „Die Hecken zwischen den Feldern, die Feldraine mit Blumen, die gibt es nicht mehr“, so Sanzenbacher. Alles werde bis zum Rand bewirtschaftet. Die Zahl der Streuobstwiesen, die besonders vielen Tierarten eine Heimat bieten, geht zurück. „Sie sind der Biotoptyp mit dem höchsten Artenvorkommen. Wie ein Korallenriff an Land.“

Die Blühstreifen, die infolge des Volksbegehrens Artenvielfalt angelegt wurden, seien oft nur fünf Meter breit und damit zu schmal. „Unter zehn bis 15 Metern Breite bringt das nicht viel. Außerdem müssen heimische Pflanzen genommen werden.“ In der Nähe von Würzburg sei eine acht Hektar große Blühfläche angelegt worden, berichtet Sanzenbacher. 83 Vogelarten wurden dort über fünf Jahre gezählt. „Auf einer Vergleichsfläche waren es nur sechs.“

Sanzenbacher erkennt das Bemühen der Landwirte an, meint aber: „Das könnte insgesamt noch viel besser laufen“. Nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch bei den einzelnen Bürgern. „Jeder sollte in seinem Garten eine wilde Ecke haben“, fordert er. Nötig sei ein Mosaik an verschiedenen Lebensräumen. Je mehr Mosaiksteine es gebe, desto mehr Arten könnten existieren. „Varietas delectat“, zitiert er lateinisch. „Die Vielfalt erfreut – auch in der Natur.“

Handlungsbedarf sieht der LBV-Kreisvorsitzende auch bei den Kommunen. Um Vögeln und Insekten mehr Nahrungsquellen zu bieten, dürfe beispielsweise der Bewuchs in Gräben und auf Seitenstreifen von Wegen und Straßen nicht komplett gemäht werden, sondern müsste teilweise bis ins Frühjahr stehen gelassen werden. „Die Stadt Kitzingen macht das schon ganz gut, wie man zum Beispiel entlang der Panzerstraße sehen kann. Der Landkreis hat in der Beziehung noch Verbesserungspotenzial.“

Gemeinsames Vorgehen ist nach Ansicht des LBV-Kreisvorsitzenden ganz wichtig, wenn sich die Situation von Vögeln und Insekten verbessern soll. Als Beispiel für das „Miteinander für die Natur“ nennt er eine Pflanzaktion, die im Herbst 2019 in Sulzfeld stattfand. Alte Apfelsorten, Marillen, Birnen, Süßkirchen und ein Speierling wachsen nun oberhalb der Sulzfelder Weinberge. Ein Winzer hat das Grundstück zur Verfügung gestellt, der LBV hat die Obstbäume gezahlt, weiteres Saatgut für die Streuobstwiese kam von einem Saatenhändler aus Eichenbühl. Die Aussaat übernahm ein Repperndorfer Landwirt, die Löcher für die Bäume wurden vom Bauhof ausgehoben. „Ein gelungenes Beispiel für ein Joint Venture“, so Sanzenbacher.

Der LBV-Vorsitzende nennt weitere Beispiele, wie sich Kommunen einbringen könnten: Die Stadt könnte Landwirten die Pacht für städtische Flächen entsprechend verringern, wenn dort Blühstreifen angelegt werden, oder ganz auf eine Pachtzahlung verzichten, wenn dort Wildpflanzenmischungen statt Mais für die Biogaserzeugung angebaut werden. Auch könnte von den Kommunen vermehrt dauerhafte Blühflächen als Ausgleichsgleichsmaßnahmen angelegt und erhalten werden. „Firmen machen das auch schon.“

Sanzenbacher ärgert sich vor allem, wenn Umwelt- und Naturschutz auf dem Papier steht, sich aber in der Praxis wenig oder nichts tut. So sei beim Abriss der Häuser in der Breslauer Straße nichts für die Fledermäuse getan worden, die in den Gebäuden lebten, am Wilhelmsbühl würde ohne den Hinweis des LBV nicht an die Hirschkäfer gedacht, die dort leben, und auch auf die Schwalben am Bürgerzentrum hat Sanzenbacher ein Auge. „An dem Haus sind 13 Schwalbennester, da muss Ersatz geschafft werden, sonst ist das ein Verstoß gegen das Naturschutzgesetz.“ Dass der Umweltbeirat des Kitzinger Stadtrates in der zu Ende gehenden Periode nicht getagt habe, sei nicht tragbar. „Ich hoffe, dass dem Umweltschutz in der nächsten Legislaturperiode wieder der Stellenwert gegeben wird, der ihm zusteht.“

Stunde der Wintervögel vom 10. bis zum 12. Januar

Die Aktion: Wer flattert denn da durch den winterlichen Garten? Der LBV und sein bundesweiter Partner NABU rufen wieder zur „Stunde der Wintervögel“ auf. Vom 10. bis zum 12. Januar können bayerische Vogelfreunde zum 15. Mal eine Stunde lang Vögel beobachten, zählen und dem LBV melden. „Bei den zwei Rekordsommern in Folge mit anhaltender Dürre und Hitze stellt sich die Frage, welche Auswirkungen das auf die heimische Vogelwelt hat. Die Stunde der Wintervögel könnte erste Hinweise darüber geben“, sagt Annika Lange, die LBV-Citizen-Science-Beauftragte. Bei der letzten großen Vogelzählung im Januar 2019 beteiligten sich an der Aktion in Bayern 30.500 Naturfreunde, die knapp 828.000 Vögel zählten. Der Haussperling ergatterte damals den Spitzenplatz als häufigster Wintervogel in Bayerns Gärten, Feldsperling und Kohlmeise folgten auf Platz zwei und drei.

Wie es geht: Jeder kann eine Stunde lang die Vögel am Futterhäuschen, im Garten, auf dem Balkon oder im Park zählen und dem LBV melden. Von einem ruhigen Beobachtungsplatz aus wird von jeder Art die höchste Anzahl notiert, die im Laufe einer Stunde gleichzeitig zu sehen ist. Die Beobachtungen können im Internet unter

www.stunde-der-wintervoegel.de bis zum 20. Januar gemeldet werden. Zudem ist für telefonische Meldungen am 11. und 12. Januar jeweils von 10 bis 18 Uhr die kostenlose Rufnummer 0800 / 1157-115 geschaltet.

„Es geht nur gemeinsam“, sagt Klaus Sanzenbacher – und nennt die Pflanzaktion im vergangenen Herbst in Sulzfeld als gutes Beispiel. Winzer, LBV, ein Landwirt, ein Saatguthändler und die Gemeinde hatten zusammengewirkt.
„Es geht nur gemeinsam“, sagt Klaus Sanzenbacher – und nennt die Pflanzaktion im vergangenen Herbst in Sulzfeld als gutes Beispiel. Winzer, LBV, ein Landwirt, ein Saatguthändler und die Gemeinde hatten zusammengewirkt. Foto: Sanzenbacher

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