Kitzingen

Vom Bürokaufmann zum Hausarzt mit eigener Praxis in Kitzingen

Nach dem Einser-Abitur Medizin studieren ist der normale Weg. Doch Konrad Mittenzwei ist einen ganz anderen gegangen. Bis zur eigenen Praxis waren mehrere Umwege nötig.
Erfolgreicher Rollentausch von Chef und angestelltem Arzt: Konrad Mittenzwei (rechts) hat die Praxis von Dr. Wolfgang Dietrich in der Kitzinger Kaiserstraße übernommen, der ihm in Teilzeit als Mitarbeiter erhalten bleibt.
Erfolgreicher Rollentausch von Chef und angestelltem Arzt: Konrad Mittenzwei (rechts) hat die Praxis von Dr. Wolfgang Dietrich in der Kitzinger Kaiserstraße übernommen, der ihm in Teilzeit als Mitarbeiter erhalten bleibt. Foto: Barbara Herrmann

Das Schild an der Tür der Arztpraxis in der Kaiserstraße in Kitzingen ist schon getauscht: "Konrad Mittenzwei" statt "Dres. Dietrich" ist dort nun zu lesen. Wobei die Fachärzte für Allgemeinmedizin erst einmal nur die Plätze getauscht haben. Aus dem Angestellten Mittenzwei wurde der Chef – und umgekehrt. Dr. Wolfgang Dietrich, der die Praxis über 35 Jahre lang bis Ende 2018 zusammen mit seiner Frau Dr. Gabriele Dietrich und noch ein weiteres Jahr allein führte, arbeitet in Teilzeit angestellt weiter. Der 67-Jährige ist zudem noch Lehrbeauftragter für Allgemeinmedizin an der Uni Würzburg.

Ein so reibungsloser Übergang in einer Hausarzt-Praxis ist längst nicht mehr selbstverständlich. Zwar gilt der Landkreis Kitzingen mit 61 Hausärzten laut Versorgungsatlas der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern als gut abgedeckt, doch sind 23 davon über 60 Jahre alt. Eine eigene Praxis zu haben, scheint vielen Allgemeinmedizinern immer weniger erstrebenswert zu sein – und doch war es der Wunsch von Konrad Mittenzwei. Die Angst vor der Bürokratie ließ ihn von diesem Wunsch abkommen. Obwohl er sagt: "Ich habe Medizin studiert, um Hausarzt zu werden."

Umweg über Lettland

Um dieses Ziel zu erreichen, hat der 45-Jährige einige Umwege in Kauf genommen. Nach Mittlerer Reife und der Ausbildung zum Bürokaufmann arbeitet er parallel beim Bayerischen Roten Kreuz (BRK), bildet sich dort bis zum Rettungsassistenten weiter und bleibt hauptamtlich beim BRK hängen, wie er selbst sagt. Dem Abitur 2000 am Bayernkolleg folgt das Medizinstudium. Und auch das versiebte Examen kann Mittenzwei nicht stoppen: Er macht einen weiteren Umweg über Lettland, wo er das Studium erfolgreich beendet.

Der Familienvater landet bei seinem Kollegen Wolfgang Dietrich, den er seit 30 Jahren aus dem Rettungsdienst kennt. Und Mittenzwei lässt sich doch überzeugen, die Selbstständigkeit zu wagen. Einige Wochen nach dem Wechsel spricht der neue Chef von einem "harten Start". Vor allem die überbordende Bürokratie macht ihm wie befürchtet zu schaffen. Es seien "dieselben Mitarbeiter in derselben Praxis mit denselben Patienten", dennoch müsse jede Unterschrift neu beantragt werden.

"Jede Praxis ist voll, keine in Kitzingen wirbt damit, freie Plätze zu haben."
Dr. Konrad Mittenzwei, Facharzt für Allgemeinmedizin

Zwischen neuen Stempeln, der fehlenden Post-Kundenkarte für Briefmarken und dem Kampf mit der Telefonanlage zeigt sich Mittenzwei enttäuscht von der mangelnden Unterstützung der Stadt Kitzingen. 14 Monate lang habe er versucht, einen Parkausweis zu bekommen für Hausbesuche im Stadtgebiet. "Selbstverständlich gegen Bezahlung." Jetzt habe er aufgegeben. "Das ist wie ein Zeichen der Stadt, dass es sie nicht interessiert", kritisiert der Facharzt deutlich.

Das überrascht angesichts voller Wartezimmer – Versorgungsatlas hin oder her. Den Eindruck bestätigt Konrad Mittenzwei: "Jede Praxis ist voll, keine in Kitzingen wirbt damit, freie Plätze zu haben." Zudem fühle er sich seinen Großlangheimer Mitbürgern verpflichtet, die seit vergangenem Sommer keinen Hausarzt mehr vor Ort haben. Diese nimmt er noch in die Kartei auf, die mit 2500 Patienten gut gefüllt ist.

Zehn Dienste im Monat als Notarzt

Warum sich also den ganzen Stress antun? Der 45-Jährige lacht. "Der Job selber, ist der schönste, den's gibt. Du kriegst wahnsinnig viel zurück." Zudem habe er eine gut geführte Praxis übernommen, sie sei "top von den Angestellten". Drei medizinische Fachangestellte hat er übernommen, zudem eine weitere Kraft und seine Frau Pamela als Praxismanagerin mitgebracht.

Sind die ersten drei Monate überstanden und die schlimmste Bürokratie erledigt, so seine Hoffnung, möchte er wieder mehr Zeit für seine Söhne im Alter von zwei und acht Jahren haben. Diese hat er seit Jahresbeginn kaum gesehen. Denn zusätzlich geblieben ist sein Engagement als Notarzt, zehn Dienste à zwölf Stunden Bereitschaft leistet er im Monat. Geblieben ist auch seine Faszination für Biologie und Medizin, die ihm half, sein großes Ziel nicht aus den Augen zu verlieren: "Ich kann heute noch über den Regenwurm staunen."

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