PRICHSENSTADT

Zum Gedenken an jüdische Mitbürgerinnen: Erste Stolpersteine sind verlegt

Der Künstler Gunter Demnig (Mitte) verlegt die Stolpersteine, beobachtet vom Federführer der Aktion Wolf-Dieter Gutsch ... Foto: Guido Chuleck

Martha Löwenberger und Pauline Künstler sind jetzt in Prichsenstadt verewigt. Besser gesagt, das Gedenken an die ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen. Sie wurden im Dritten Reich von den Nationalsozialisten ermordet.

Damit sowohl sie, als auch viele weitere ermordete Prichsenstädter Juden nicht in Vergessenheit geraten, sind Martha Löwenberger und Pauline Künstler die ersten Stolpersteine gewidmet. Weitere werden in den nächsten Wochen und Monaten folgen. Der Arbeitskreis Stolpersteine des Vereins Alt Prichsenstadt hat es sich auf die Fahne geschrieben, diese Stolpersteine zu verlegen. Federführend dabei ist Wolf-Dieter Gutsch.

Lehren ziehen

In einer feierlichen Zeremonie verlegte der aus Köln angereiste Künstler Gunter Demnig die ersten Steine während die Jugendlichen Lisa Heming, Manuel Kohles und Lutz Ackermann die Biografien der jüdischen Mitbürgerinnen vorlasen. Ein Stolperstein, hatte der zweite Bürgermeister Alfons Saugel in seiner Begrüßung vor gut 40 Interessierten gesagt, solle auf die Vergangenheit aufmerksam machen. „Wir haben unsere Lehre aus dieser schrecklichen Zeit zu ziehen und unser zukünftiges Handeln danach auszurichten“, so sein Appell.

Ausschlaggebend sei der erste Satz des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Wenn das beachtet werden würde, könne man ein „erneutes Drittes Reich“ verhindern, und diese Zeit, so Saugel weiter, „dürfe sich nicht wiederholen“. Eine Zeit, die der Vorsitzende des Vereins Alt Prichsenstadt, Volker Mehlert, als die eines „krankhaften und grausamen Regimes“ bezeichnet hatte, dass das Leben unbarmherzig vernichtet habe.

Zur feierlichen Verlegung waren neben der Vorsitzenden des Fördervereins Alte Synagoge Kitzingen, Margret Löther, auch die stellvertretende Landrätin Doris Paul und der Landtagsabgeordnete Otto Hünnerkopf erschienen. Auch viele Kreisräte unterschiedlichster Parteien waren unter den Besuchern.

Schriftliche Grüße kamen von Josef Schuster, dem Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland. „Stolpersteine verdeutlichen, dass jene Menschen, die grausam ermordet wurden, mitten unter uns gelebt haben und dass deren Entrechtung und Verfolgung vor aller Augen passiert ist“, so Schuster in seinem Schreiben.

Zur Verlegung spielten die Musiker Hemo Waag aus Wiesentheid (Klarinette) und Rupert Bachmaier aus Kirchheim bei Würzburg (Gitarre) Klezmer-Musik. Nach jeder Steinverlegung sprachen die Anwesenden ein Kaddisch, ein jüdisches Totengebet.

Die Bewohner der Anwesen in der Luitpoldstraße und am Karlsplatz erklärten schriftlich, mit den Stolpersteinen neben ihren Eingangstüren einverstanden zu sein.

Die Biografien

Über die Kindheit und Jugend Martha Löwenbergers, geboren 1884 in Oettingen (Kreis Donau-Ries), ist nur wenig bekannt. Im Januar 1908 hat sie den aus Prichsenstadt stammenden Isaak Löwenberger geheiratet. Das Paar wohnt bei den Eltern des Bräutigams in Haus Nr. 83, jetzt Luitpoldstraße 17. Im Ersten Weltkrieg fällt Isaak Löwenberger, seine Frau ist für die Erziehung der Söhne Ludwig und Justin allein verantwortlich. 1933 gelang Ludwig die Flucht in die USA und Justin nach Israel, Martha lebt allein in Prichsenstadt und betreibt dort die kleine Landwirtschaft. Zumindest wird dies im Januar 1938 von dem damaligen Bürgermeister und NSDAP-Ortsgruppenleiter, Heinrich Sauer, noch so gemeldet.

Pauline Künstler (Karlsplatz 14), geboren 1870 in Prichsenstadt, ist jüngste Tochter des Metzgers Isaak Künstler und dessen Frau Bertha Künstler, geborene Fleischmann. Die Künstlers stammten aus Brünnau. Paulines Vater Isaak Künstler heiratet die aus Prichsenstadt stammende Bertha Fleischmann und übernimmt am Karlsplatz die Metzgerei seines Schwiegervaters Falk Fleischmann. Wahrscheinlich kauft Isaak für seine Töchter Sophie und Pauline das seinem Anwesen gegenüberliegende Haus, das die unverheirateten Schwestern bewohnen. 1929 stirbt Sophie Künstler. Die Schwestern lebten in bescheidenen Verhältnissen von den Erträgen eines halben Hektars landwirtschaftlicher Fläche. Im September 1942 wird Pauline nach Würzburg und weiter ins Lager Theresienstadt gebracht. Dort stirbt sie am 14. März 1943.

Zusammengetragen wurden die Biografien von Werner Steinhauser in seinem Büchlein „Juden in Prichsenstadt und Umgebung“ und Volker Bolesta, einem Kenner der Prichsenstädter Geschichte.

Ein Stolperstein erinnert nun in Prichsenstadt an Martha Löwenberger.

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