Kitzingen

Besuche im Seniorenheim: ein schwieriges Spannungsfeld

Abstand halten, Masken tragen: So ist der Besuch in allen Seniorenheimen geregelt. Bei den weiteren Umsetzungen der Vorschriften gibt es von Haus zu Haus aber unterschiedliche Nuancen.
Foto: Johannes Kiefer | Abstand halten, Masken tragen: So ist der Besuch in allen Seniorenheimen geregelt. Bei den weiteren Umsetzungen der Vorschriften gibt es von Haus zu Haus aber unterschiedliche Nuancen.

Die Situation entspannt sich. Sie bleibt aber komplex. Vor allem für das Pflegepersonal und die Angehörigen. Viele von ihnen wollen ihre Lieben in den Seniorenheimen häufiger besuchen, als das derzeit möglich ist.

Die Bayerische Infektionsschutzmaßnahmenverordnung regelt die Besuchsmöglichkeiten in den bayerischen Seniorenheimen. Letztendlich gibt sie einen Rahmen vor, an dem sich die Einrichtungen orientieren können. „Jede Einrichtung hat etwas andere Voraussetzungen“, erklärt Rene Kinstle, Pandemiebeauftragter der Diakonie und Leiter des Hauses Mühlenpark in der Kitzinger Siedlung. Das Ziel dabei laute immer, das Infektionsrisiko im Haus möglichst gering zu halten. Für den Mühlenpark heißt das: Maximal drei Besucher pro Stunde, die sich mit ihren Angehörigen in der Cafeteria treffen. Aufs Zimmer darf man nicht. Bewohner wie Besucher müssen eine Maske tragen, eine Trennscheibe zwischen den beiden gibt es nicht. „Sie sollten sich aber nicht anfassen“, sagt Kinstle. Spontane Besuche sind im Mühlenpark nicht möglich. Ohne Termin geht nichts. Und ein negativer Corona-Test muss vorgewiesen werden.

„Wir dürfen nicht den Eindruck aufkommen lassen, dass alles nicht so schlimm ist.“
Jochen Keßler-Rosa, Geschäftsführer Diakonie

„Wir tragen die Verantwortung für das Leben vieler Menschen“, erinnert Jochen Keßler-Rosa, Geschäftsführer der Diakonie in Schweinfurt, die sieben Häuser in Mainfranken unterhält. Es sei wichtig, das Bewusstsein hochzuhalten, dass Corona noch längst nicht vorbei sei. „Wir dürfen nicht den Eindruck aufkommen lassen, dass alles nicht so schlimm ist“, sagt er. Gleichzeitig müssten für emotional wichtige Momente auch vertretbare Lösungen gefunden werden. Alleine sterben müsse niemand – und wenn es eine besondere Situation erfordert, dürfe man auch den Körperkontakt suchen.

Von einem komplexen und schwierigen Spannungsfeld spricht Ulrike Hahn, Bereichsleiterin Senioren & Rehabilitation bei der AWO in Unterfranken. Einerseits wolle man möglichst viele Besuche in den Seniorenheimen ermöglichen. Andererseits wolle man auf keinen Fall wieder Quarantänemaßnahmen bei Mitarbeitern und Isolierungsmaßnahmen von Bewohnern riskieren, weil sich Mitarbeiter oder Bewohner mit Corona angesteckt haben. Zwei Mitarbeiter der AWO sind an Corona verstorben, in einigen Einrichtungen waren es bis zu einem Viertel der Bewohner. „Da sind Traumata bei Mitarbeitern und Führungskräften entstanden“, sagt Hahn. „Schon deshalb sind viele Einrichtungsleitungen vorsichtig.“

Auf der anderen Seite seien soziale Kontakte für die Bewohner essenziell. Eine Isolation innerhalb der Wohngruppen müsse verhindert werden – und die Besuche von Angehörigen seien wichtig. Möglichst viele Freiheiten innerhalb der gesetzlichen Rahmenbedingungen gewährt die AWO deshalb. Besucher müssen sich nicht unbedingt anmelden, dürfen mit einem Negativ-Test auch spontan kommen. In Ausnahmefällen ist auch ein Schnelltest vor Ort möglich. Besuchszeiten im Freien sollen gefördert werden.

Mittlerweile sind die allermeisten Bewohner in den Seniorenheimen geimpft. „Das entspannt uns emotional sehr“, bekennt Helmut Witt vom Haus der Pflege in Sickershausen. Von 14 bis 17 Uhr ist Besuchszeit – an sieben Tagen in der Woche. Den Vormittag hält Witt ganz bewusst frei – für Beschäftigungen innerhalb der Wohngruppen. „Sonst bleiben diejenigen Bewohner auf der Strecke, die keinen Besuch empfangen“, erklärt er. Auf eine halbe Stunde ist ein Besuch zurzeit beschränkt, die Wohnbereiche sind noch tabu. In der Cafeteria können sich Bewohner und Angehörige setzen – an Tischen mit Plexiglasscheiben. Oder sie gehen ins Freie. Was dort passiert, liegt nicht mehr in der Hand der Mitarbeiter. „Natürlich besteht da ein gewisses Risiko“, weiß Helmut Witt, weshalb er den Appell von Jochen Keßler-Rosa an alle Angehörigen nur unterstützen kann: „Seien Sie auch dann vorsichtig, wenn Sie Ihre Angehörigen mit auf einen Spaziergang nehmen.“ In den Einrichtungen der AWO sind Besuche auf den Einzelzimmern grundsätzlich möglich. Auch dort setzen die Verantwortlichen auf die Vernunft der Angehörigen. Ganz bewusst, wie Ulrike Hahn erklärt. „Wir müssen den Menschen die Angst davor nehmen, dass sie ihre Angehörigen in unseren Häusern nicht besuchen können“, fordert sie. Eine Angst, die gefährliche Konsequenzen hat. Hahn kennt Menschen, die mit der häuslichen Pflege ihres demenzkranken Partners völlig überfordert sind, aber aus Sorge, ihn nicht mehr oder viel zu selten im Seniorenheim besuchen zu können, weiter über ihre Grenzen gehen. Auch deshalb werden die Regelungen so flexibel wie möglich gehalten.

„Da sind Traumata bei den Mitarbeitern und Führungskräften entstanden.“
Ulrike Hahn, Bereichsleiterin Senioren AWO über Corona-Folgen

Wie in allen Bereichen des öffentlichen Lebens hoffen auch die Verantwortlichen in den Seniorenheimen jetzt auf eine möglichst hohe Impfbereitschaft in der Bevölkerung. Je mehr Bewohner, Besucher – aber auch Mitarbeiter – geimpft sind, desto sicherer wird das Leben in den Seniorenheimen. „Und desto offener müssten dann auch die Besuchsregelungen gehandhabt werden“, wünscht sich Ulrike Hahn. Bis dahin werden aber noch einige Wochen ins Land gehen.

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