Iphofen

Frauentragen: Wie ein Brauch aus Oberbayern nach Iphofen kam

Nicht durch den Dornwald, sondern von Haus zu Haus zieht Maria in Iphofen. Ein bayerischer Brauch führt in Franken zu speziellen Begegnungen und mancher Träne.
Nach einer Andacht in der Michaelskapelle beginnt die Reise. Familie Thomas-Holzheimer trägt die Madonnenfigur nach Hause.
Foto: Julia Lucia | Nach einer Andacht in der Michaelskapelle beginnt die Reise. Familie Thomas-Holzheimer trägt die Madonnenfigur nach Hause.

Jeden Tag hat Maria ein anderes Zuhause. Immer ist ihr ein Ehrenplatz sicher. Stets ist sie herzlich willkommen. Kein schlechter Empfang für jemanden, der nichts sagt und nichts mitbringt. Aber Maria ist auch nicht irgendwer. Maria ist die Madonnenfigur, die der katholische Familienkreis durch  Iphofen  im Landkreis Kitzingen schickt. Was in Südbayern in der Adventszeit schon lange Tradition hat, gibt es in  Iphofen  seit 2016. Die Idee dazu hatte Susanne Kornacker, die den Brauch in einer Pfarrgemeinde in München kennen lernte. „Damals war ich sehr skeptisch“, erinnert sie sich. „Wir haben auch nicht mit gemacht.“ Wer lässt schon gerne Menschen, die er nicht kennt in sein Haus, seine Wohnung.

Johanna und Franziska Holzheimer (von links) tragen mit ihrer Mutter Susanne Thomas die Madonna durch Nacht und Regen.
Foto: Julia Lucia | Johanna und Franziska Holzheimer (von links) tragen mit ihrer Mutter Susanne Thomas die Madonna durch Nacht und Regen.

Kuss und Schirm für Maria

Diese Angst gibt es in Iphofen weniger, wenigstens vom Sehen kennt man sich. "Es ist spannend mit Leuten in Kontakt zu kommen, mit denen man sich sonst nicht daheim treffen würde", erklärt Susanne Thomas in der Michaelskapelle. Diakon Jörg Kornacker überreicht ihrem Sohn Klemens die schlichte Holzfigur. Mit einer Andacht wird Maria auf die Reise zu den Iphöfer Familien geschickt. Vorsichtig hält Klemens sie in den Armen. In einem unbeobachteten Moment küsst er der Statue liebevoll auf den Kopf. Eine Nacht wird die Madonna bei Familie Thomas-Holzheimer auf einem geschmückten Platz im Wohnzimmer stehen, dann zieht sie weiter. 

Es regnet. Klemens' vierjährige Schwester Franziska hält schützenden ihren Kinderschirm über die Madonna. Auf dem Weg zur nächsten Familie soll sie nicht nass werden. "Der Gedanke des Aufbruchs und des Weges spielt beim Frauentragen eine zentrale Rolle", erklärt Susanne Kornacker, die mit ihrer Familie Gastgeberin ist. Aber auch das Innehalten im schon lange nicht mehr besinnlichen Advent sei wichtig. Bei jeder Übergabe entstehen spezielle Momente. Gerade für Kinder sei die Madonna etwas besonderes. "Für sie ist sie fast wie ein Familienmitglied", beschreibt sie ihre Erfahrungen. Auch ihrer Tochter Maria fiel es im ersten Jahr schwer, sich von der Figur ihrer Namenspatronin zu trennen.

Maria Kornacker (von links), Johanna Holzheimer, Felix Kornacker und Franziska Holzheimer bei der Übergabe.
Foto: Julia Lucia | Maria Kornacker (von links), Johanna Holzheimer, Felix Kornacker und Franziska Holzheimer bei der Übergabe.

Angeschnallt auf dem Beifahrersitz

Seit drei Jahren geht die Madonna von Haus zu Haus und hat dabei schon einiges erlebt – wie die Fahrt zu einem Begräbnis. Kornacker erzählt: Im vergangenen Jahr kam einer Übergabe eine Beerdigung dazwischen. Die Zeit war knapp und es blieb der Gastgeberin nichts anderes übrig, als die Figur mit zu nehmen. "Maria saß angeschnallt auf dem Beifahrersitz und fuhr nach Würzburg", erzählt Kornacker. Abends wurde sie selbstverständlich auf einen geschmückten Platz gestellt. Den bekommt Maria auch bei den Kornackers im Fenster.

"Die Mutti kommt."
Ordensschwester Merin zur Ankunft der Marienfigur

"Die Mutti kommt", ruft Schwester Merin im Iphöfer Altenbetreuungszentrum (ABZ). Die Schwester des Ordens der Carmeliterinnen ist Stationsleiterin und empfängt mit der Bewohnerin Waltraud Brombierstäudl die Marienfigur. "Wir verehren die Mutter Gottes. Sie ist auch unsere Mutter", erklärt die indische Schwester. Sie strahlt über das ganze Gesicht, als Maria Kornacker die Figur ins Haus trägt. "Meine Mutter wollte sie in eine Tasche stecken", sagt Maria. "Das geht ja gar nicht."

Maria Kornacker reicht Waltraud Brombierstäudl die Madonnenfigur.
Foto: Julia Lucia | Maria Kornacker reicht Waltraud Brombierstäudl die Madonnenfigur.

Geheimnisse und ein Marienlied

Aufzugfahren ist aber erlaubt und so fahren Maria, Waltraud Brombierstäudl und die Figur in den ersten Stock. Auf dem Weg ins Zimmer kommen sie beim sonntäglichen Musizieren vorbei. Spontan wird die Madonna mit dem Ave Maria begrüßt. Die 90-Jährige schluckt bewegt. In ihrem Zimmer ist schon ein Platz für die Madonna gerichtet – neben dem Foto ihres verstorbenen Mannes.  Eine Träne rollt Waltraud Brombierstäudl über die Wange. "Ich freue mich so und bin so aufgeregt", sagt sie mit zittriger Stimme. Trotzdem lässt sie es sich nicht nehmen, ein Marienlied, das sie vor fünf Jahren geschrieben hat, vorzulesen.

"Heute Abend werde ich mit ihr reden", verrät sie Maria Kornacker beim Abschied. Was sie der Figur aus ihrem langen Leben erzählt, bleibt ihr Geheimnis. Dass die Reise der Madonna am 24. Dezember endet dagegen nicht. Schwester Merin und ihre drei Mitschwestern werden die Figur in die Christmette tragen. In einem Jahr macht sie sich dann wieder auf den Weg. 

Frauentragen: ein alter Brauch
Das Frauentragen ist ein altchristlicher Brauch und wird heute vor allem im alpenländischen Raum praktiziert. Die vorweihnachtliche Zeit steht im Zeichen des Weges und des Aufbruchs: Gott und Mensch sind unterwegs zueinander.  Mit dem Frauentragen wird das nachempfunden, in dem eine Figur oder ein Bild der (schwangeren) Maria jeden Tag von einer Familie zur nächsten getragen. Sie bleibt eine Nacht in einem Haus und wird am folgenden Tag zum nächsten Haushalt gebracht. 
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