Biebelried

Landwirtschaft im Wandel: Immer weniger Tierhalter

Hier standen bis vor drei Jahren noch 40 Kühe, dann haben Reinhold Hoh und seine Frau Irmtrud aufgegeben. Sie sind nicht die Einzigen im Landkreis Kitzingen wie Wolfgang Pfrang und Claus Schmiedel vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Kitzingen wissen. Auch BBV-Obmann Alois Kraus kann nicht sagen, wie es auf seinem Hof einmal weitergeht, wenn er in Rente ist. Fotos: Ralf Dieter
Foto: Ralf Dieter | Hier standen bis vor drei Jahren noch 40 Kühe, dann haben Reinhold Hoh und seine Frau Irmtrud aufgegeben. Sie sind nicht die Einzigen im Landkreis Kitzingen wie Wolfgang Pfrang und Claus Schmiedel vom Amt für ...

Die Richtung ist unverkennbar. Und der Trend wird sich weiter verstetigen. Davon sind alle am Tisch überzeugt. Die Zahl der tierhaltenden Betriebe im Landkreis Kitzingen wird weiter abnehmen. Dabei hat sie sich in den letzten zehn Jahren schon halbiert.

Treffpunkt bei Irmtrud und Reinhold Hoh in Biebelried. Drei Generationen lang wurden auf dem Hof Kühe gehalten. Zuletzt 40 Stück. Vor drei Jahren war Schluss. „Das hat weh getan“, erinnert sich Irmtrud Hoh. Durch einen leeren Stall zu laufen, sei schlimm. „Der ganze Lebensablauf verändert sich“, bestätigt ihr Mann. Die meisten Gespräche am Tisch hatten sich um die Tiere gedreht, die Kühe hatten den Tagesrhythmus bestimmt. Warum haben sie dann so eine Entscheidung getroffen?

„Die Betriebe werden weniger, die Herden größer und die Milcherzeugung stagniert.“
Claus Schmiedel, Amt für Landwirtschaft

„Es gibt immer einen Strauß an Gründen“, weiß Claus Schmiedel aus vielen Gesprächen mit Landwirten. Schmiedel ist Fachberater am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Kitzingen. Er weiß: Oft fehlt es an einem Nachfolger, oft auch am Mut und am Willen, in die Zukunft zu investieren. Das hat mehrere Ursachen. Unter anderem werden die Auflagen immer höher und das Ansehen des Berufsstandes hat in Teilen der Bevölkerung gelitten.

Zwei Güllegruben haben die Hohs im Lauf der Zeit gebaut, wegen der neuen Düngeverordnung hätten sie eine weitere errichten müssen. Wird die Milch um 7 Uhr abgeholt, muss sie vorher auf sechs Grad runter gekühlt werden. Und wie lange ein Anbindestall noch genehmigungsfähig ist, sei eh fraglich. „Immer neue Regelungen, immer neue Verordnungen und Fragezeichen“, fasst Hoh die Stimmungslage in den letzten Jahren zusammen. Sein Sohn habe dennoch und trotz eines Unfalls Interesse gezeigt. Eine wirtschaftliche Abwägung brachte die Entscheidung. Ein fester Arbeitsplatz erschien sicherer und lukrativer als ein Leben als Landwirt. „Wir wollten nicht dafür verantwortlich sein, dass er kaum noch Freizeit in seinem Leben hat“, ergänzt Reinhold Hoh. Er ist nicht der Einzige, der so denkt.

391 Betriebe mit Milch- und Mutterkühen gab es im Jahr 2009 im Landkreis Kitzingen. 2019 waren es nur noch 140. Die Zahl der Tiere ist von 6800 auf 5300 gesunken. Ähnliche Entwicklung bei Mastschweinen und Zuchtsauen. Hier ist die Zahl der Betriebe von 320 auf 151 beziehungsweise von 143 auf nur noch 44 gesunken. Die Zahl der Tiere sank um rund 2000. „Die Betriebe werden weniger, die Herden größer und die Milcherzeugung stagniert“, fasst Schmiedel die Statistik zusammen.

Sein Kollege Wolfgang Pfrang beobachtet eine ähnliche Entwicklung bei den Kursen für die Nebenerwerbslandwirte. Waren vor zehn Jahren noch rund 80 Interessierte da, sind es jetzt nur noch die Hälfte. Erschreckend sei, dass mittlerweile auch solche Betriebe aufhören, die eigentlich zukunftsfähig sind. Alois Kraus nickt bei diesen Worten. Der Obmann des Bayerischen Bauernverbandes im Kreis Kitzingen kennt das Problem. „Es ist schlimm“, sagt er. „Aber viele Kollegen wollen nicht, dass sich ihre Kinder so ein Leben antun.“

In den 70er- und 80er-Jahren habe man als Landwirt noch gut von seiner Arbeit leben können. Dann veränderte sich das Szenario. „Im Zentrum der Macht steht längst der Lebensmitteleinzelhandel“, sagt Wolfgang Pfrang. Eine einzige der großen Handelsketten in Deutschland generiere pro Jahr so viel Umsatz wie die gesamte deutsche Landwirtschaft im gleichen Zeitraum an Produktionswert schaffen kann. Die Macht des Handels sei nirgends so groß wie in Deutschland, bestätigt Kraus. Springt ein Abnehmer für die produzierte Milch ab, hat der Landwirt ein großes Problem. Bevor er die Mengen vernichtet, verkauft er sie lieber für einen niedrigeren Preis.

Ein Blick in die Zukunft birgt wenig Hoffnung. „Der Strukturwandel wird sich weiter vollziehen“, prognostiziert Schmiedel. Sollte die Anbindehaltung verboten werden, gibt es sogar einen Strukturbruch, warnt Kraus. Einige Kollegen sehen in der Direktvermarktung oder in der Spezialisierung auf Nischenprodukte wie Heumilch einen gangbaren Weg. „Ferien auf dem Bauernhof könnte auch eine alternative Einnahmequelle sein“, meint Kraus. Das Kernproblem sei damit aber nicht gelöst. „Eigentlich müsste man dem Lebensmitteleinzelhandel die Macht nehmen“, sagt er und Reinhold Hoh nickt. Auch die Politik könne einiges dazu beitragen. „Wenn jedes Produkt nur 200 Kilometer weit gefahren werden dürfte, wäre schon einiges gewonnen“, meint er. Der Kampf gegen den Klimawandel könne schließlich auch eine Chance für regionale Produkte und damit für die Landwirte vor Ort sein. Wer für die Artenvielfalt kämpft, der müsse auch für den Erhalt kleinbäuerlicher Strukturen in der Region kämpfen, meint Kraus. „Bei mir sausen die Schwalben durch den Hof, die Spatzen sitzen auf den Mauern und die Amseln suchen im Mist nach Larven“, erzählt er mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

„Viele Kollegen wollen nicht, dass sich ihre Kinder so ein Leben antun.“
Alois Kraus, BBV-Obmann

Wie lange das noch so sein wird? Der BBV-Obmann runzelt die Stirn. Auch ihn treiben die Sorgen um die Hofnachfolge um. 60 Kühe hat er in seinem Stall in Biebelried. Wenn er in Rente geht, werden sie wahrscheinlich nur noch im Nebenerwerb betreut.

Die Zahl der Milchviehhalter sinkt seit Jahren. Die erzeugte Milchmenge bleibt einigermaßen konstant. Die Herden werden größer.
Foto: Ralf Dieter | Die Zahl der Milchviehhalter sinkt seit Jahren. Die erzeugte Milchmenge bleibt einigermaßen konstant. Die Herden werden größer.
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