Kitzingen

Nachdenken übers Gedenken

Etwa zehn bis 15 Bürger waren am Dienstag zur Kranzniederlegung an den Neuen Friedhof in Kitzingen gekommen. Wegen Corona fand die Gedenkfeier in aller Stille statt. Oberbürgermeister Stefan Güntner will auch künftig an den Feierlichkeiten festhalten. Die Erinnerung kann auch als Mutmacher dienen, meint er.
Foto: Robert Haass | Etwa zehn bis 15 Bürger waren am Dienstag zur Kranzniederlegung an den Neuen Friedhof in Kitzingen gekommen. Wegen Corona fand die Gedenkfeier in aller Stille statt.

Wir hatten nicht berichtet. Und haben etliche Anrufe bekommen. Die Frage lautet, wie lange ein Gedenktag lebendig erhalten werden kann – und in welcher Form. Am 23. Februar 1945 sind große Teile Kitzingens bei einem Luftangriff zerstört worden. Die Stadt gedenkt dem Tag und seinen Opfern seither mit einer Kranzniederlegung und Feierstunde am Neuen Friedhof. In all den Jahren haben wir am 23. Februar Zeitzeugen zu Wort kommen lassen, Bilder der Zerstörung abgedruckt. In diesem Jahr haben wir erst am 24. Februar ein Bild von der Feierstunde mit OB Stefan Güntner abgedruckt. Ein Fehler?

„Ich bin jedes Mal ergriffen über die Worte, die bei diesen Gedenkveranstaltungen gesprochen werden.“
Ralph Hartner, Hauptamtsleiter Stadt Kitzingen

„So ein Tag ist eine Chance“, sagt Ralph Hartner. „Wir können uns bewusst werden, in welchem Land wir leben, in welchem politischen System und darüber, wie es uns geht.“ Der Hauptamtsleiter der Stadt Kitzingen ist seit 21 Jahren bei den Gedenktagen präsent. Am 23. Februar, aber auch am 9. November, dem Tag der Reichspogromnacht, an dem auch in Kitzingen 1938 die Synagoge brannte. „Ich bin jedes Mal ergriffen über die Worte, die bei diesen Gedenkveranstaltungen gesprochen werden“, sagt Hartner und ist sich ganz sicher: Diese Tage wirken gegen die Geschichtsvergessenheit.

Zwischen 50 und 100 Bürger sind in normalen Zeiten vor Ort, alle haben sie irgendeinen Bezug zu den Gedenktagen. „Auch wenn die Zeitzeugen einmal gestorben sind, wirkt das Geschehen in die Familien hinein“, ist Hartner überzeugt. An solchen Tagen merke man, dass die Geschichte nicht irgendwo gespielt hat, sondern mitten drin im Leben der Kitzinger. Magda und Richard Düll waren mittendrin im Bombenhagel. Acht und neun Jahre jung waren sie damals, als sie im Keller Schutz gesucht haben, als sie mit Todesangst auf Bergen von Kartoffeln gelegen waren und ihnen die Lunge bei jedem Einschlag fast zerrissen wäre. „Wir denken immer an dieses Erlebnis“, sagt Richard Düll und wünscht sich: „Das Gedenken darf niemals verloren gehen.“

So sieht es auch Kitzingens Stadtheimatpfleger Dr. Harald Knobling. „Das Erinnern ist nicht zeitlich begrenzt“, meint er. Das ganze Leben bestehe aus Erinnern und mache letztendlich unsere Identität aus. Von 11 bis 11.15 Uhr läuten am 23. Februar alljährlich die Kirchenglocken in Kitzingen. Das „Kriegsläuten“ ist für Dr. Knobling ein wichtiges Symbol, eines, dass ihn immer wieder zum Nachdenken anregt. „Wir leben nun seit 76 Jahren ohne Krieg in Deutschland“, sagt er. Das sei keinesfalls selbstverständlich. Innerhalb von 70 Minuten haben an diesem Tag vor 76 Jahren 700 Menschen ihr Leben verloren. Zudem wurden bei dem Luftangriff 800 Häuser und über 2000 Wohnungen zerstört. In fünf Angriffswellen warfen 174 Bomber rund 2100 Sprengbomben über der Stadt ab.

Es schade nicht, sich dem bewusst zu werden, um nicht wieder die Fehler zu begehen, die vorangegangene Generationen gemacht haben. Das Gedenken an das Leiden sei wichtig. „Wir sollten aber auch das Leid miteinbeziehen, das andere Menschen durch uns Deutsche erfahren haben“, mahnt der ehemalige Kunstlehrer am AKG, der mit seinen Schülern vor drei Jahren einen Koffer als Symbol für die Deportation der Kitzinger Juden gestaltete.

Das Kunstwerk steht im Rosengarten, wo die Juden einst zusammengetrieben wurden, um in Richtung Bahnhof und von dort ins Konzentrationslager verbracht wurden.

Emilia Plomitzer und David Göllner machen in diesem Jahr Abitur am AKG. Sie sind im 21. Jahrhundert geboren worden, der Zweite Weltkrieg ist für sie im wahrsten Sinn des Wortes Geschichte. Trotzdem sagen beide, dass die Erinnerung an den 23. Februar sehr wichtig sei.

„Wir dürfen nicht vergessen, was damals passiert ist“, meint Emilia Plomitzer. In der Regel sei der 23. Februar in der Schule aber ein Tag wie jeder andere. Nur einmal habe ihr Geschichtslehrer vor zwei Jahren Bilder von der Zerstörung in Kitzingen gezeigt, eine ältere Dame habe einen Vortrag gehalten. Das sei ihr in Erinnerung geblieben. Der regionale Aspekt fehlt auch David Göllner. Die Zeit des Nationalsozalismus werde in der Schule sehr ausführlich behandelt. Aber hängen geblieben ist bei ihm vor allem der Besuch des Konzentrationslagers in Dachau in der achten Klasse. „Seither beschäftige ich mich mit dem Thema“, sagt der 17-Jährige, dessen Großeltern noch leben und ihm von der Zeit berichten. „So lange es Zeitzeugen gibt, sollten wir Videoaufzeichnungen von ihren Erzählungen machen“, wünscht er sich. So könne das Gedenken auch ins digitale Zeitalter überführt werden. Anhand von Animationen könnten auch künftige Generationen eine Vorstellung erhalten, was während des Zweiten Weltkrieges und am 23. Februar in Kitzingen passiert ist. „Wir müssen dieses Wissen weitergeben,“, fordert auch Emilia Plomitzer. „Auch unsere Kinder müssen mal aus der Geschichte lernen.“

Auch ein Mutmacher

Und das meint Oberbürgermeister Stefan Güntner zum Thema: „Ich bin der festen Überzeugung, dass das Gedenken immer wichtig bleiben wird. Die Erinnerung an jenen Tag müsste eigentlich jedermann vor Augen führen, wohin Fanatismus beziehungsweise Extremismus führen kann. Gerade in der jetzigen Zeit zeigt es aber auch, was alles im Nachgang geschafft wurde. Die Erinnerung an die damalige Zerstörung kann also auch als Mutmacher dienen. Wir haben zwar Gott sei Dank keine Kriegszeiten und die Stadt ist auch nicht komplett zerstört, aber für viele Menschen ist die Corona-Zeit eine sehr anspruchsvolle Zeit. Die Erinnerung an die damalige Zerstörung relativiert einerseits vielleicht auch bei dem ein oder anderen den Blick auf die aktuellen Herausforderungen, kann andererseits aber eben auch Mut machen, wenn man bedenkt, was die Bevölkerung damals geleistet hat. Wichtig wird sein, dass wir das Gedenken in Zukunft auch in die sozialen Medien bringen, damit wir auch die jüngere Bevölkerung erreichen.“
Eine Forderung, auch von jungen Menschen: Die Erinnerung lebendig halten, beispielsweise durch Vorträge an den Schulen. So wie es Marianne Räder und Ernst Hanft vor vier Jahren in der Grundschule in Kitzingen gemacht haben.
Foto: Ralf Dieter | Eine Forderung, auch von jungen Menschen: Die Erinnerung lebendig halten, beispielsweise durch Vorträge an den Schulen.
Zerstörung, wohin man blickte. Kitzingen nach dem  Luftangriff vom 23. Februar 1945.
Foto: Stadtarchiv, Doris Badel | Zerstörung, wohin man blickte. Kitzingen nach dem Luftangriff vom 23. Februar 1945.
Nichts mehr verpassen: Abonnieren Sie den Newsletter für die Region Kitzingen und erhalten Sie zweimal in der Woche die wichtigsten Nachrichten aus Ihrer Region per E-Mail.
Themen & Autoren
Kitzingen
Ralf Dieter
Geschichtslehrer
Juden
KZ Dachau
Konzentrationslager
Kriegszeiten
Reichspogromnacht
Schülerinnen und Schüler
Stadt Kitzingen
Stefan Güntner
Städte
Synagogen
Totengedenken
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (1)
Aktuellste Älteste Top