Kitzingen

Naturschützer Engelhardt: „Da müssen wir alle ran“

Manfred Engelhardt: „Der Begriff der Nachhaltigkeit mit seiner Umsetzung ist noch nicht tief genug verwurzelt.“
Foto: R. Wagner | Manfred Engelhardt: „Der Begriff der Nachhaltigkeit mit seiner Umsetzung ist noch nicht tief genug verwurzelt.“

Das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ war vor eineinhalb Jahren das beherrschende Thema in den Medien. Seit etwas mehr als einem Jahr ist es in ein Gesetz eingeflossen. Und was hat sich seither vor Ort getan? Ein Gespräch mit dem Vorsitzenden des Bund Naturschutz im Kreis Kitzingen, Manfred Engelhardt.

Wie fällt Ihre Bilanz zur Umsetzung des Volksbegehrens aus?

Engelhardt: Das Glas ist halb voll – und damit auch halb leer. Es gibt positive Veränderungen, aber es gibt auch Kommunen und andere Akteure, die recht säumig an das Thema herangehen. Insgesamt geht mir angesichts des weiterhin galoppierenden Artenschwunds die Umsetzung nicht schnell genug.

Woran liegt das?

Engelhardt: Die beharrenden Kräfte mit der Priorität der Ökonomie vor der Ökologie erschweren den Wandel. Der Begriff der Nachhaltigkeit mit seiner Umsetzung ist noch nicht tief genug verwurzelt.

Haben Sie ein Beispiel?

Engelhardt: Viele Verhaltensweisen der Land Nutzer sind auf den – als Ziel durchaus nachvollziehbaren – kurzfristigen Profit ausgerichtet. Das betrifft den ungebrochen fortschreitenden Landverbrauch für Verkehrs-, Siedlungs- und Gewerbeflächen genauso wie die Landwirtschaft, die mit den angewandten effizienten Produktionsmethoden Fauna und Flora oft genug verdrängt. Denken Sie auch an die Vorgärten, in denen keine Pflanze mehr zu sehen ist, dafür aber Steine und Beton. Es ist gut, dass es hier langsam ein Umdenken gibt, dass es auch Kommunen gibt, die so etwas untersagen. Aber das ist letztendlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Warum?

Engelhardt: Die Gärten machen etwa zwei Prozent der Fläche im Freistaat Bayern aus, die landwirtschaftlich genutzte Fläche 42 Prozent.

Die Bauern müssen es richten?

Engelhardt: Der Umgang mit den Folgen des Klimawandels und dem Artenschwund ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Da müssen wir alle ran. Auch die Landwirte.

Stoßen Sie da auf offene Ohren?

Engelhardt: Es gibt eine gewisse Tendenz zu mehr Nachhaltigkeit. Teilflächen werden umgestellt, Gewässerrandstreifen entstehen, Blühflächen werden angelegt. Das ist erfreulich.

Aber?

Engelhardt: Es sind vor allem Bereiche tangiert, die nicht wirklich einschneidend sind. Verstehen Sie das nicht falsch. Es ist schön, dass der Anteil an Blühflächen gestiegen ist. Aber wir brauchen tiefer gehende Veränderungen.

Zum Beispiel?

Engelhardt: Den möglichst weitgehenden Verzicht auf Pestizide, den Anbau nach ökologischen Richtlinien. Im Moment sehen wir vor allem dort Erfolge, wo der Staat regulierend eingreift, also Ausgleichszahlungen vornimmt. Hoffentlich wird trotz der Corona-Krise immer genug Geld für die Bekämpfung der Folgen des Klimawandels und des Verlustes an Arten zur Verfügung stehen.

Im neuen Naturschutzgesetz wurde eine Fülle von Maßnahmen verabschiedet. Welche haben für Sie Priorität?

Engelhardt: Die reduzierte Nutzung von Pestiziden und der Anstieg der Ökolandfläche auf 30 Prozent bis ins Jahr 2030. Das kann aber nur funktionieren, wenn es auch Absatzmöglichkeiten für diese Produkte gibt. Das Bewusstsein der Bevölkerung muss deshalb noch wachsen.

Und der Handel muss mitziehen.

Engelhardt: Ja, das ist alles miteinander verzahnt. Immerhin gibt es jetzt auch bei vielen Discountern und Supermärkten Ecken, in denen ökologisch produzierte Produkte angeboten werden. Ich bin diesbezüglich vorsichtig optimistisch.

Gibt es auch Entwicklungen, die Sie pessimistisch sehen?

Engelhardt: Der Flächenverbrauch, der in Bayern trotz gewisser Anstrengungen der Regierung zur Zeit bei 10,8 Hektar pro Tag liegt, macht mir große Sorgen. Immer noch werden neue Bau- und Gewerbegebiete ausgewiesen, anstatt die Leerstände in den Zentren der Städte und Gemeinden zu nutzen. Auch etliche Gemeinden und Städte im Landkreis entwickeln weiter, als gäbe es kein Morgen.

Der Artenschutz wird im Landkreis Kitzingen schon wegen der extremen Trockenheit zu einer großen Herausforderung.

Engelhardt: Die Entwicklungen sind in manchen Bereichen tatsächlich schon so weit, dass wir manche Arten an etlichen Stellen nur noch retten können, wenn wir unterstützend eingreifen. Aber macht es wirklich Sinn, in besonders niederschlagsarmen Jahren ausgetrocknete Tümpel per Tank mit Wasser zu füllen, um die Kreuzkröte und andere Amphibien zu retten?

Sagen Sie es uns.

Engelhardt: Ich bin da unentschieden.

Für die Kröten und Molche ist die Trockenheit ein Thema. Für die Obstbauern und Winzer aber auch.

Engelhardt: Wir haben das Glück, über den Rhein-Main-Donau-Kanal Wasser aus dem Süden des Freistaates zu bekommen. Aber klar, das Thema wird uns weiter beschäftigen. Die Iphöfer versuchen mit ihrem Leitungsprojekt mit großem Aufwand das aus meiner Sicht Unvermeidliche hinauszuzögern, in Volkach ist ein Reservoir am Fuß der Weinberge angelegt worden. Die Speicherung und Nutzung am Ort vorhandener Ressourcen erscheint mir zielführender. Um den sparsameren Umgang mit dem knapper werdenden Wasser werden wir alle nicht herumkommen.

Welche Maßnahmen in der Region Kitzingen sollten in den kommenden Monaten verstärkt angegangen werden?

Engelhardt: Wir sollten den Flächenverbrauch reduzieren. In Wiesentheid haben der BN und der LBV einen Vorschlag für den pfleglicheren Umgang mit den Grün- und Naturflächen gemacht und sind dabei auf gute Resonanz seitens der Stadt gestoßen. Diese Idee sollte im ganzen Landkreis Anklang finden. Man sollte den Biotopverbund voranbringen und unsere Streuobstbestände schützen. Letztendlich hängt alles mit allem zusammen. Ich bin froh, dass das Landratsamt personell aufstocken konnte, dass die Untere Naturschutzbehörde jetzt einen Fachreferenten mehr zur Verfügung hat. Letztendlich gibt es durch das Gesetz mehr Regeln. Und damit steigen auch die Ansprüche an die Kontrollen und Empfehlungen.

Seit drei Jahrzehnten kämpft Manfred Engelhardt für den Natur- und Artenschutz. Hier im Bild mit Ulrike Geise und Klaus Petter bei einer Delegiertenversammlung des Bund Naturschutz.
Foto: Toni Mader | Seit drei Jahrzehnten kämpft Manfred Engelhardt für den Natur- und Artenschutz. Hier im Bild mit Ulrike Geise und Klaus Petter bei einer Delegiertenversammlung des Bund Naturschutz.
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