Kitzingen

Schuster: "Kein Platz für Diskriminierung"

Für ein friedliches Miteinander: Die Jungen Josua (links) und Levin spielten bei einem Kippa-Spaziergang in Berlin mit einem Stofftier. Der Spaziergang sollte ein Zeichen gegen Antisemitismus setzen.
Foto: britta petersen | Für ein friedliches Miteinander: Die Jungen Josua (links) und Levin spielten bei einem Kippa-Spaziergang in Berlin mit einem Stofftier. Der Spaziergang sollte ein Zeichen gegen Antisemitismus setzen.

Seit fast vier Monaten ist Dr. Josef Schuster der Präsident des Zentralrats der Juden. Er hat das Amt in einer schwierigen Zeit angetreten. Am Mittwoch, 25. März, spricht er ab 19.30 Uhr in der Alten Synagoge in Kitzingen über das jüdische Leben in Deutschland heute.

Spüren und erleben Sie wieder so etwas wie einen Antisemitismus in Deutschland? Hat sich im Verhältnis der Deutschen und der Juden in den letzten fünf oder zehn Jahren etwas Signifikantes verändert?

Dr. Josef Schuster: Wissen Sie, ich möchte eigentlich nicht zwischen Deutschen und Juden unterscheiden. Denn Juden sind auch Deutsche. Aber festzustellen ist: Im Verhältnis der jüdischen und nicht-jüdischen Deutschen spielt inzwischen der Nahostkonflikt eine stärkere Rolle als früher. Und Antisemitismus ist in Deutschland ja leider kein neues Phänomen. In Umfragen werden seit Jahren bei rund 20 Prozent der Bevölkerung antisemitische Einstellungen festgestellt.

Wenn es einen neuen Antisemitismus gibt - woher stammt er? Oder war er nie gänzlich verschwunden?

Durch Migranten aus dem Nahen Osten und dem Maghreb ist der Nahost-Konflikt zu einem Teil auch nach Deutschland importiert worden. In diesen Ländern gibt es extremistische Gruppen und auch Medien, die den Hass auf Israel und Juden insgesamt schüren. Das spüren wir auch hier in Deutschland. Daneben gibt es einen Antisemitismus auch bis in die bürgerliche Mitte der Gesellschaft, der sich häufig als Kritik an Israel tarnt.

Fühlen sich Juden im Jahr 2015 in Deutschland sicher?

Sicherlich gibt es – so wie im Rest der Bevölkerung vermutlich auch – eine Verunsicherung durch die Anschläge in Paris und Kopenhagen. Der Terror ist uns damit sehr nahe gerückt. Dennoch fühlen sich Juden in Deutschland sicher und wollen weiterhin hier leben.

Wirkt die steigende Zahl muslimischer Mitbürger für die Juden hierzulande bedrohlich?

Definitiv nein. Mit der weitaus großen Mehrheit der Muslime in Deutschland leben wir doch in friedlicher Nachbarschaft. Bedrohlich erscheinen mir Bewegungen wie der Salafismus oder Dschijadisten, die nach Deutschland zurückkehren. Aber auch hier gilt: Diese Menschen sind nicht nur für Juden bedrohlich, sondern für alle.

Haben Sie jemals einem jüdischen Mitbürger empfohlen, das Land zu verlassen?

Nein, nicht aus Sicherheitsgründen.

Warum dann?

Wenn jemand zum Beispiel aus religiösen Gründen überlegt, nach Israel zu ziehen, oder damit seine Kinder in einer stärker jüdisch geprägten Umgebung aufwachsen, würde ich ihn im Zweifelsfall in diesem Beschluss bestärken.

Gibt es viele Juden, die sich mit diesem Gedanken tragen? Und wohin wollen sie gehen? Gibt es außer Israel ein Land, in dem sich Juden sicherer fühlen als in Deutschland?

Es gibt in Deutschland jedes Jahr rund 100 Juden, die nach Israel gehen. Das hat allerdings in der Regel nichts mit Ängsten um die Sicherheit zu tun, sondern hat familiäre oder religiöse Gründe. Und im Übrigen gibt es jedes Jahr auch Juden, die nach Deutschland ziehen, etwa junge Israelis, für die Berlin eine der angesagtesten Städte der Welt ist.

Nach den Anschlägen von Paris und Kopenhagen haben Sie gesagt, dass die jüdische Gemeinschaft weiterhin selbstbewusst ihr Leben in Deutschland gestalten wird. Tut sie das? Wie äußert sich das Selbstbewusstsein?

Das Selbstbewusstsein äußert sich zum Beispiel darin, dass wir in immer besserer Infrastruktur unsere Traditionen pflegen können, zum Beispiel mit neu eröffneten Synagogen wie gerade in Cottbus, oder mit neuen jüdischen Schulen, oder durch eine wachsende Zahl von Rabbinern, die in Deutschland ausgebildet wurden. Und erst im Februar haben wir mit 1000 jüdischen Jugendlichen in Köln die Jewrovision, eine große Jugendfreizeit mit Gesangswettbewerb, gefeiert.

Würden Sie von einer gelungenen und lebendigen Integration von Juden in Deutschland sprechen? Gibt es genug Berührungspunkte, Alltagsbegegnungen?

Wenn Sie so fragen, klingt es, als seien Juden Ausländer, die in die deutsche Kultur integriert werden müssten. Juden leben aber seit Hunderten von Jahren in Deutschland und haben das Land mitgeprägt. Sicherlich galt es seit 1990, die jüdischen Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion zu integrieren. Das haben die jüdischen Gemeinden selbst geleistet. Die Alltagsbegegnungen mit nicht-jüdischen Deutschen halten sich natürlich manchmal in Grenzen, weil die jüdische Gemeinschaft mit rund 100 000 Gemeindemitgliedern weiterhin sehr klein ist.

Sie haben jüdische Mitbürger davor gewarnt, in einigen Gegenden Deutschlands Symbole ihres Glaubens öffentlich zu tragen. Gleichzeitig sollten sie sich nicht aus Angst verstecken. Ein Widerspruch?

Nein, ich habe lediglich darauf aufmerksam gemacht, dass es Gegenden oder Situationen gibt, in denen wir unsere Kippa oder den Davidstern lieber verbergen, weil sie leider Übergriffe oder zumindest Anpöbeleien provozieren können. In den meisten Regionen Deutschlands können sich Juden aber unbehelligt als solche zu erkennen geben.

Was befürchten Sie in diesen „Problemgebieten“? Wo befinden sie sich?

Diese Viertel finden sich am ehesten in den Großstädten und sind häufig entweder von Rechtsextremen oder von Muslimen dominiert. Juden, die an ihrer Kleidung zu erkennen sind, müssen dort befürchten, beschimpft oder sogar körperlich angegriffen zu werden.

Welche Wünsche haben Sie an die deutsche Politik und Gesellschaft?

Mir ist wichtig, dass Antisemitismus als Problem der gesamten Gesellschaft begriffen wird. Eine Diskriminierung von Minderheiten, Rassismus und Antisemitismus darf in Deutschland keinen Platz haben. Dagegen müssen wir alle gemeinsam vorgehen. Das fängt schon bei unserer Wortwahl an und bei alten Vorurteilen, die vielen ihren Kindern unreflektiert weitergeben.

Ist ein Leben in Deutschland für Juden nur möglich, wenn ihre Einrichtungen umfassend geschützt werden?

Ja, das ist seit Jahrzehnten leider die Realität.

(huGO-ID: 20183736) Eine Muslimin mit Kopftuch und eine junge Frau mit Kippa nehmen am Samstag (15.09.2012) in Berlin gemeinsam an einer Demonstration teil. Der Kippa-Spaziergang, zu dem im Internet aufgerufen worden war, sollte ein Zeichen gegen Antisemitismus setzen und fand auch anlässlich des bevorstehenden jüdischen Festes Rosch ha-Schana (jüdischer Neujahrstag) statt.   Foto: Britta Pedersen dpa/lbn  +++(c) dpa - Bildfunk+++ FOTO Britta Pedersen
| (huGO-ID: 20183736) Eine Muslimin mit Kopftuch und eine junge Frau mit Kippa nehmen am Samstag (15.09.2012) in Berlin gemeinsam an einer Demonstration teil.
Präsident des Zentralrats der Juden: Dr. Josef Schuster ist es wichtig, dass Antisemitismus als Problem der gesamten Gesellschaft begriffen wird. Am Mittwochabend spricht er in der Alten Synagoge in Kitzingen.
Foto: daniel karmann | Präsident des Zentralrats der Juden: Dr. Josef Schuster ist es wichtig, dass Antisemitismus als Problem der gesamten Gesellschaft begriffen wird. Am Mittwochabend spricht er in der Alten Synagoge in Kitzingen.
Würzburg, Shalom Europa, Rabbinerseminar Berlin, Ordinationsfeier, Dr. Josef Schuster, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg und Unterfranken; Mitglied des Kuratoriums des Rabbinerseminars zu Berlin, hinten: frisch gebackene Rabbiner: Shlomo Aminov und Jakov Pertsovsky FOTO Theresa Müller
| Würzburg, Shalom Europa, Rabbinerseminar Berlin, Ordinationsfeier, Dr. Josef Schuster, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg und Unterfranken; ...
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