Kitzingen

Seniorenheim St. Elisabeth: Endlich Zeit zum Aufatmen

Die langjährige Heimleiterin Elisabeth Müller und ihre Nachfolgerin Bianca Hahn stehen im Atrium des Hauses und schnaufen – trotz Maske – durch. Die letzten vier Wochen waren für alle Bewohner, Angehörigen und Mitarbeiter im Seniorenheim St. Elisabeth sehr fordernd.
Foto: Ralf Dieter | Die langjährige Heimleiterin Elisabeth Müller und ihre Nachfolgerin Bianca Hahn stehen im Atrium des Hauses und schnaufen – trotz Maske – durch.

Das Aufatmen ist beinahe mit Händen zu greifen. Vier Wochen lang mussten Bewohner und Mitarbeiter im Seniorenheim St. Elisabeth in Kitzingen durch harte Zeiten gehen. Jetzt ist Corona besiegt. Und so soll es auch bleiben.

Elisabeth Müller hätte sich einen anderen Abschied gewünscht. Seit beinahe 26 Jahren arbeitet sie im Seniorenheim im Herzen der Stadt, seit 16 Jahren als Heimleiterin.

„Natürlich muss diese Trauer erst einmal verarbeitet werden.“
Elisabeth Müller, Heimleiterin bis heute

An diesem Donnerstag ist ihr letzter Arbeitstag. „Die letzten Wochen waren für uns alle sehr anstrengend“, sagt sie. 14 Bewohner sind verstorben, 21 Mitarbeiter und fast 50 Bewohner waren zwischenzeitlich positiv auf Covid-19 getestet worden. Ein großer Pandemiebereich ist eingerichtet worden, die meisten Senioren durften ihre Zimmer rund vier Wochen nicht verlassen. „Seit Anfang der Woche dürfen sie wieder in den Garten“, sagt Bianca Hahn und die Freude ist ihr auch mit Maske anzusehen. Seit dem gestrigen Mittwoch dürfen die Bewohner auch wieder den Wintergarten benutzen und gemeinsam essen. „Natürlich unter strengen Sicherheitsvorkehrungen“, betont Hahn, die Elisabeth Müller als Heimleiterin beerbt.

Während sich Müller in den letzten Wochen vor allem um die Organisation gekümmert hat, um die Zusammenarbeit mit Gesundheitsamt, Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit und Bayerischem Roten Kreuz, war Hahn an „vorderster Front“, mitten drin im Pandemiebereich. „Wahnsinnig anstrengend“, bilanziert sie. Acht Stunden in voller Schutzmontur hinterlassen ihre Spuren – aber nicht nur physisch. Es gab Kolleginnen, die während ihrer Schicht nichts getrunken und gegessen haben – aus einer diffusen Angst vor einer Ansteckung heraus. „Dabei ist man nach einer halben Stunde völlig verschwitzt“, weiß Hahn.

14 Menschen sind in diesen vier Wochen in St. Elisabeth gestorben – so viele wie normalerweise in einem ganzen Winter. „Unsere Pflegekräfte sind mit dem Ableben der Bewohner vertraut“, sagt Elisabeth Müller. „Aber natürlich muss diese Trauer erst einmal verarbeitet werden.“ Zumal die christliche Bestattungskultur, die in St. Elisabeth normalerweise gepflegt wird, wegen Corona ausgesetzt werden musste. „Wir konnten mit den Bewohnern nicht mehr in Kontakt kommen, wir durften sie nicht mehr für den letzten Weg herrichten“, nennt Müller zwei Beispiele. Normalerweise steht im Erdgeschoss ein Kondolenzbuch mit Bildern von den Verstorbenen, in der hauseigenen Kapelle kann ihrer gedacht werden. All diese gewohnten Rituale konnten aus Angst vor einer Ansteckung nicht durchgeführt werden. „Das Sterben war in diesen Tagen sehr steril“, bestätigt Hahn und nickt traurig.

Immerhin: Die Angehörigen durften ihre Sterbenden auf dem letzten Weg begleiten, wenn sie in voller Schutzmontur in den Pandemiebereich gehen wollten. „Dieses Angebot haben alle Betroffenen angenommen“, sagt Müller, die sich über die Rückmeldungen der meisten Angehörigen gefreut hat.

Nach einer anfänglichen Phase, in der Unverständnis und Verärgerung überwog, kippte die Stimmung. „Wir haben in den letzten Tagen viel Verständnis und Unterstützung erhalten“, freut sich Bianca Hahn und dankt vor allem dem BRK und Rene Kinstle vom Seniorenhaus Mühlenpark, der zwei Mitarbeiter für neun Tage zur Verfügung stellte. Manche Angehörige brachten Kuchen, Handcreme oder andere Aufmerksamkeiten für die Kolleginnen mit.

Die haben die Anspannung und den Druck der letzten Wochen noch nicht verarbeitet. „Abschalten ist ganz schwer“, sagt Elisabeth Müller, die aus Gesprächen mit Mitarbeitern weiß, dass viele seit den letzten Wochen mit Schlafproblemen zu kämpfen haben. „Das Erlebte muss ordentlich aufgearbeitet werden“, wünscht sie sich. Entsprechende Weichenstellungen sind schon während der schlimmsten Tage getroffen worden.

Das Team der Notfallseelsorge des BRK und Bruder Isaac von der Abtei Münsterschwarzach haben Gesprächsangebote für Bewohner und Mitarbeiter unterbreitet, waren in den letzten vier Wochen fast immer vor Ort.

„Aber wir hatten ja gar keine Zeit sie zu nutzen“, sagt Bianca Hahn. „Und keine Kraft.“ Das Angebot soll in den kommenden Tagen und Wochen – je nach Bedarf - aufrecht erhalten werden.

Jetzt gilt es erst einmal, frischen Wind ins Heim zu lassen, ein Stück weit Normalität zu erlangen.

„Wir haben in den letzten Tagen viel Verständnis und Unterstützung erhalten.“
Bianca Hahn, neue Heimleiterin

Die hygienische Grundreinigung des Hauses erfolgte am Dienstag, die Bewohner dürfen nicht nur wieder gemeinsam essen, es sollen auch auch wieder therapeutische Angebote gemacht werden. Besuche von Physiotherapeuten, Logopäden, von der Fußpflege, dem Friseur und anderen Dienstleistern sind angedacht. „Natürlich unter strengsten Auflagen“, betont Hahn. Regelmäßige Tests sind vorgesehen, die AHA+L Regeln müssen eingehalten werden. Auch Angehörige sollen – vermutlich ab der kommenden Woche – wieder ins Haus dürfen. „Aber nur mit einem vorherigen Test“, so Müller. Neu-Aufnahmen sind auch wieder möglich. Interessenten müssen allerdings einen negativen Corona-Text vorweisen und eine zweiwöchige Quarantänezeit auf einem Einzelzimmer einhalten.

Elisabeth Müller wird das nicht mehr erleben. Sie wird sich heute, so gut es eben geht, von den Bewohnern verabschieden. „Ein bisschen traurig bin ich schon, dass mein Abschied so ausfallen muss“, sagt sie. Aber irgendwann – da sind sich die neue und die alte Heimleiterin einig – wird der Abschied nachgeholt. „Wenn der ganze Spuk endlich mal vorbei ist“, sagt Müller und lächelt.

So sah es noch vor zwei Wochen aus. Mittlerweile sind die Pandemiebereiche im Inneren des Hauses aufgehoben worden, die Bewohner dürfen wieder ihre Zimmer verlassen. Archiv
Foto: R. Dieter | So sah es noch vor zwei Wochen aus. Mittlerweile sind die Pandemiebereiche im Inneren des Hauses aufgehoben worden, die Bewohner dürfen wieder ihre Zimmer verlassen. Archiv
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