Wiesentheid

Sieht aus wie Marmor – ist aber Stuck

Der Stuckateur ist am Werk: Nach der Winterpause ist wieder Betrieb auf der Baustelle Mauritiuskirche. Stuckateur  Peter Kurowski aus Pfronten unterhält sich mit Pfarrer Peter Göttke (links) und Kirchenpfleger Paul Schug (rechts) über seine Arbeit.
Foto: Andreas Stöckinger | Der Stuckateur ist am Werk: Nach der Winterpause ist wieder Betrieb auf der Baustelle Mauritiuskirche. Stuckateur Peter Kurowski aus Pfronten unterhält sich mit Pfarrer Peter Göttke (links) und Kirchenpfleger Paul ...

Seit beinahe drei Jahren sind die Türen der Wiesentheider Mauritiuskirche geschlossen. Diesen Sonntag, 20. März, ab 14 Uhr, öffnen sie sich wieder für alle Interessierten, damit sie sich ein Bild über den Stand der aufwändigen Sanierung des Gotteshauses machen können. Pfarrer Peter Göttke und Kirchenpfleger Paul Schug werden dabei Erläuterungen zum Stand der Renovierung geben.

Als nächster Schritt der aufwändigen Innensanierung wird in Kürze die Restaurierung der Deckenfresken im Kirchenschiff beginnen. Die Vergabe für die mehrere tausend Quadratmeter umfassende Fläche erfolgt demnächst. Deswegen steht nahezu das komplette Kirchenschiff voller Gerüstteile, die nicht an den Wänden befestigt werden dürfen. Dank des Gerüstes ließ sich die Decke der Barockkirche aus nächster Nähe unter die Lupe nehmen. „Es wurden weniger Schäden festgestellt, als man befürchtet hatte“, fasst Pfarrer Göttke das Ergebnis zusammen. Gleichzeitig wurde die alte Dämmung im Dach ausgebaut, alles gereinigt und ersetzt.

In der Kirche sind derzeit eine Kirchenmaler-Firma und ein Stuckateur am Hochaltar zu Gange. Die Kirchenmaler aus Bütthard waschen mit einer speziellen Seife behutsam die Säulen, Figuren und Verzierungen am Hochaltar ab, die danach um einiges heller werden. Wie die griechischen Bildhauer vor mehr als 2000 Jahren gehe man hier vor, sagt Stuckateur Peter Kurowski aus Pfronten im Allgäu. Er ergänzt fehlende und schadhafte Teile an den mit Stuck-Marmor verkleideten Säulen.

Um das Ganze möglichst originalgetreu wieder herzustellen, hat sich der auf Restauration spezialisierte Kurowski intensiv mit der Arbeitsweise der um 1730 dafür zuständigen Künstler auseinandergesetzt. So mit der von Christian Mayer, der am Altar gearbeitet hat und später in der Hofkirche in Würzburg tätig war und wohl der Wessobrunner Schule zuzuordnen ist. Im oberbayerischen Kloster Wessobrunn wurden einst viele Kunsthandwerker ausgebildet. „Das war ein Profi. Man sieht, dass hier Routiniers am Werk waren“, sagt Kurowski beinahe ehrfurchtsvoll. „Diese Präzision damals, das ist Wahnsinn“, ist er von seinen Vorgängern begeistert.

Die Holzstufen am Hochaltar sind abgebaut, sie werden restauriert. Stuckateur Kurowski lässt den Blick schweifen. „Grundsätzlich ist der Altar für seine Größe und sein Alter in sehr gutem Zustand im Vergleich zu anderen Kirchen aus der Zeit“, hat er festgestellt. Alles habe einen gemauerten Aufbau, nur die obersten Teile sind aus Holz verkleidet.

Der Untergrund hat auch in der Mauritiuskirche schon einiges erlebt, was für den Altar und die Säulen nicht einfach gewesen sei. So lag der Boden im Chorraum einst um eine Stufe höher, er wurde abgesenkt. Eine Betondecke und eine Fußbodenheizung wurden um 1896 eingebaut, was Folgen hat: Ein Stein arbeite in seinem Inneren, genauso wie Holz, erklärt der Stuckateur.

Wenn Kurowski am Stuckmarmor Stellen ausbessert, dann geschieht das nicht nur mit der alten Technik, sondern auch mit speziellem Material, möglichst originalgetreu. „Stuckmarmor ist teurer als Marmor, weil er als Handwerk hergestellt wird“, erklärt er. Verschiedene Schichten mischt er gekonnt zusammen, bis es passt. Zunächst schaut er, wie das Original gemacht wurde. Unterste Schicht ist eine Haftgrundierung, dann folgt eine selbst angemischte Masse, in die Farben gegeben werden.

„Das ist wie ein Teig, wie beim Kuchenbacken. Der wird dann zusammen geschoben“, sagt Kurowski. Abschließend werde die Oberfläche verschliffen.

Zu tun haben wird Stuckateur Kurowski noch einiges in der Wiesentheider Kirche. „Es sind unzählige Risse hier. Der Sandstein in den Säulen ist viel stabiler, als die Beschichtung, die darauf ist“, hat er fest gestellt. Kurowski mag seinen Beruf wegen der Abwechslung. Immer auf Achse ist er. So schaffte er unter anderem am Schloss im norwegischen Oslo. Derzeit eben in Wiesentheid, wo die auf fast fünf Millionen Euro geschätzte Sanierung der Kirche wohl auch noch das nächste Jahr in Anspruch nehmen wird.

In Wiesentheid geben 2000 Pfeifen den guten Ton an       -  Die umfangreiche Sanierung der Mauritiuskirche in Wiesentheid ist so gut wie abgeschlossen. Wenn in gut zwei Monaten das Gotteshaus mit der Altarweihe wieder geöffnet wird, dann erklingt dort natürlich wieder die Orgel. Auch sie wurde bis auf das Gehäuse nahezu komplett erneuert. Derzeit sind die Mitarbeiter des Orgelbauers an einer Filigran-Arbeit: Sie intonieren die Pfeifen und Töne. Per Hand und nach dem Gehör, einzeln, jede der rund 2000 Pfeifen für sich.   Die Orgel auf der Kirchenempore wurde vor vier Jahren, als die Renovierung der Kirche begann, ausgelagert und in die Werkstatt der Firma Weishaupt nach Westerndorf bei Augsburg gebracht. Lediglich das Gehäuse musste aus Gründen des Denkmalschutzes in Wiesentheid bleiben, alles andere wurde erneuert. Seit einem Jahr arbeiteten die Orgelrestauratoren in der Werkstatt an der speziellen Technik des Instruments. Dazu kommen rund 300 Stunden für die Konstruktion, bis die die Fachleute die Orgel wieder in das etwas aufgebesserte Gehäuse vor Ort einfügten. Jetzt sind Albert Naß und Benjamin Lindemayer dabei, um den Pfeifen den letzten Schliff zu geben. Von der kleinsten, nur acht Millimeter großen, bis zur größten Pfeife mit 4,80 Meter Länge, alle werden getestet und eingestellt, was ihre Lautstärke und den exakten Ton betrifft. Dazu brauchen die beiden erfahrenen Orgelbaumeister möglichst Ruhe, außer ihnen arbeitet derzeit kaum ein anderer Handwerker im Gotteshaus. „Intonieren, das ist viel mehr als nur Stimmen. Das ist der Klang der Orgel. Wir intonieren fünf Wochen und in einem Tag ist die Orgek dann gestimmt“, erläutert Naß.  Um dahin zu kommen, wo sich das Wesentliche abspielt, sollte man ziemlich schlank sein,  einigermaßen klettern können, und keine Platzangst haben. An der Seite der Orgel führt eine senkrechte Leiter nach oben, wo erst noch ein Durchlass folgt. Albert Naß wartet oben. Ziemlich eng geht es dort zu. Der Orgelbauer zeigt einen Platz, auf dem man sich vorsichtig ein bisschen bewegen und fotografieren kann. Ist man auch nur ein kleinwenig unvorsichtig, fallen die ersten, kleinen Holzteile am Boden um. Ein provisorisches Holztischlein mit vielleicht 20 Zentimetern Breite hat Naß oben zwischen den Pfeifen, auf denen er mit Werkzeugen wie ein Feinmechaniker an den Zungenpfeifen minimale Veränderungen macht. Diese Zungenpfeifen funktionieren ähnlich wie eine Klarinette, „sie müssen richtig ansprechen“, führt Albert Naß aus. „Stimmung“, ruft er kurz, dann betätigt Kollege Lindenmayer die jeweilige Taste unten, um den Ton anzuspielen. „Zu laut! Die muss ich etwas leiser kriegen“, sagt er und baut die Pfeife wieder aus, entnimmt den winzigen Innenteil. Die Zunge darin, das ist ein Blättchen aus Messingblech mit 0,09 Millimeter Durchmesser. Deren Biegung müsse exakt passen. „Ist sie zu sehr gebogen, spricht sie nicht an. Ist sie zu flach, dann ist der Ton zu hoch, das ist nicht schön.“ Die Grenzen heraus kitzeln, das sei das gewisse Etwas. Die meisten Pfeifen sind aus Metall, genauer gesagt, einer Zinn-Bleilegierung mit hohem Zinnanteil. Eine teure Angelegenheit, ein Kilo Zinn koste laut Fachmann etwa 22 Euro. Einige Pfeifen sind dagegen aus Holz, die großen meist aus Fichte oder Tanne, die kleineren aus härterem Holz. Günstiger und stabiler sei das, so Naß. Klang und Ansprache werde rein nach Gehör eingestellt, Erfahrungswerte seien das, „da wird nichts gemessen“, so der Fachmann. Erst ganz am Ende, beim Stimmen, werde ein Computer angeschlossen, um alles abzugleichen. Die größeren Pfeifen seien schwerer zu intonieren, da das menschliche Gehör bei tiefen Tönen eher Unterschiede wahrnimmt, weshalb unsaubere Töne schneller auffallen würden. Später wird der gesamte Bereich am Arbeitstisch mit Orgelpfeifen oder -teilen bestückt sein. Vor die Pfeifen kommen so genannte Schwelltüren, ein wenig Platz wird im Inneren gelassen, damit später das Instrument regelmäßig gepflegt werden kann.  27 Register besitzt die Orgel in Wiesentheid, mit rund 2000 Pfeifen habe sie für die Fachleute wie Naß eine mittlere Größe. „Das ist keine kleine Dorforgel.“ Er hat auch schon welche mit 4000 und mehr Pfeifen intoniert. In seinen 35 Berufsjahren ist er dazu beinahe auf der ganzen Welt unterwegs gewesen. In Peru, häufig in Spanien, wo er unter anderem im Kloster Montserrat bei Barcelona an tätig war. Als Orgelbauer müsse man hellhörig sein. Man sollte musikalisch sein, eine Ahnung von Kirchenmusik haben, meint Naß. „Was für Register hat Bach besonders genutzt? Wie müssen die zueinander klingen“, das sollte man verstehen, erläutert er die Kunst. Das Orgelspiel beherrscht er natürlich auch. Wenn ein Instrument fertig ist, dann sei das immer ein besonderer Moment. „Es ist immer Herzblut mit dabei, nie Routine. Es beschäftigt einen über einen langen Zeitraum. Schon beim Ausbau der Orgel stellt man sich vor, wie sie in einigen Jahren klingen könnte“, beschreibt Benjamin Lindemayer seine Gedenken. Seit 15 Jahren ist auch er mittlerweile im Geschäft. Spätestens im Oktober kann er sich dann mit seinem Kollegen Naß über den Klang der Wiesentheider Orgel freuen.
Foto: Grafik | Die umfangreiche Sanierung der Mauritiuskirche in Wiesentheid ist so gut wie abgeschlossen. Wenn in gut zwei Monaten das Gotteshaus mit der Altarweihe wieder geöffnet wird, dann erklingt dort natürlich wieder die Orgel.
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