KITZINGEN

St.-Martin-Schule Kitzingen: Wertvolles Berufsleben

Gemeinsame Werte sind ihnen wichtig: Norbert Zinsmeister und Heike Schlee gehen nach einem erfüllten Berufsleben in den Ruhestand. Fotos: Ralf Dieter
Gemeinsame Werte sind ihnen wichtig: Norbert Zinsmeister und Heike Schlee gehen nach einem erfüllten Berufsleben in den Ruhestand. Fotos: Ralf Dieter Foto: Ralf Dieter

Es ist eine Phase des Übergangs in der St.-Martin-Schule und der Heilpädagogischen Tagesstätte in Kitzingen. Mit Heike Schlee und Norbert Zinsmeister gehen zwei langjährige Führungskräfte in die Familienzeit beziehungsweise in den Ruhestand.

Sie blicken dankbar und zufrieden auf ein erfülltes Berufsleben zurück. Ihren Nachfolgern wünschen sie vor allem eines: Mehr Zeit für die eigentliche pädagogische Arbeit und dafür weniger Bürokratismus.

„Ich habe keinen einzigen langweiligen Tag erlebt.“
Norbert Zinsmeister, Schulleiter

Pressetermin im Garten der St. Martin-Schule. Hier wird sichtbar, was sich in den letzten Jahren zum Guten verändert hat. „Früher sollten unsere Kinder hier Sport treiben“, erinnert sich Heike Schlee und deutet auf einen kleinen Fußballplatz mit rotem Kunststoffbelag, der seine beste Zeit längst gesehen hat. Weg aus dem öffentlichen Blickfeld, raus aus der Wahrnehmung. So erlebten Schlee und Zinsmeister den Umgang mit behinderten Kindern am Anfang ihrer Berufskarriere. „Da hat sich zum Glück einiges verändert“, sagt Zinsmeister, der die Schule in den letzten 15 Jahren leitete. Die Integration macht Fortschritte. Das heißt aber nicht, dass alles rund läuft.

Etwa 100 Schüler werden in der Einrichtung der Lebenshilfe Kitzingen unterrichtet. Im Kindergarten werden 24 Kinder betreut. Elf Schulklassen gibt es mittlerweile. Von der Grundschule über die Mittelstufe bis hin zur Berufsschule. Die Betreuung ist intensiv. Es gibt Fachkräfte, Schulbegleiter, Logopäden, Ergo- und Physiotherapeuten. „Da hat sich in den letzten Jahren vieles getan“, sagt Heike Schlee. Eines hat sich in all den Jahren nicht verändert: Die Zusammenarbeit mit den Eltern ist ein Schlüssel für den Erfolg. „Viele erleben in ihrem Alltag immer noch Ablehnung“, bedauert Zinsmeister. Oft werden die Kleinen an den regulären Kindergärten nach der Krippe-Phase nicht mehr weiter betreut. „Weil die Kapazitäten fehlen, weil die Erzieherinnen schlichtweg überfordert sind“, weiß Heike Schlee. An der St. Martin-Schule sollen Kinder und Eltern von Anfang an das Gefühl haben, willkommen zu sein. Die Kinder sollen sowohl eine Gemeinschaft erleben als auch eine Tagesstruktur erfahren. „Bezugspersonen sind da ganz wichtig“, betont Schlee.

107 Menschen sind rund um die Einrichtung angestellt. „Die allerwenigsten in Vollzeit“, sagt Geschäftsführer Manfred Markert. Heike Schlee hat vor 35 Jahren in der Frühförderstelle angefangen, war später im sozialpädagogischen Fachdienst tätig und leitet seit 15 Jahren die Tagesstätte. Alle 124 Kinder werden dort betreut – so individuell wie möglich. Standardverfahren gibt es an der St. Martin-Schule nicht. „Jedes Kind hat eine andere Geschichte, für jedes Kind suchen wir gemeinsam mit den Eltern den richtigen Weg“, erklärt Zinsmeister. Kein Wunder, dass er nach 37 Berufsjahren bei der Lebenshilfe konstatiert: „Ich habe keinen einzigen langweiligen Tag erlebt.“

Bei der individuellen Herausforderung ist eines klar: Die Mitarbeiter brauchen Freiräume, damit sie sich um jeden einzelnen Fall kümmern können. „Leider müssen wir seit ein paar Jahren immer häufiger Listen ausfüllen, Meldungen erstellen und Dokumentationen bearbeiten“, bedauert Zinsmeister. Der Bürokratismus frisst viele der wertvollen Arbeitsstunden auf. „Als Schulleiter bin ich vom Gestalter zum Verwalter mutiert“, sagt er. Sein Wunsch an die Politik lautet deshalb auch, den Schulen mehr Vertrauen entgegen zu bringen. „Unsere Lehrer machen das schon.“

Als Lebensabschnittsbegleiter bezeichnet der scheidende Schulleiter sich und seine Kollegen. Das Ziel lautet immer, die Schutzbefohlenen zu einem selbstständigen Leben hinzuführen. Die gewachsenen Kontakte zu anderen Einrichtungen im Landkreis sind dabei eine große Hilfe. Schüler des Kitzinger und Münsterschwarzacher Gymnasiums waren in den letzten Jahren regelmäßig für Praktika da, mit Kindern aus der Grundschule Siedlung besteht ein gemeinsames Chorprojekt und am Ende eines normalen Schuljahres gibt es ein inklusives Sportfest im Sickergrundstadion. „Unsere Schüler sind sichtbarer und präsenter in der Öffentlichkeit geworden“, freut sich Zinsmeister. In diesem Schuljahr war aber auch an der St. Martin-Schule alles anders. „Manche Eltern konnten mit den Corona-Bestimmungen wunderbar umgehen, andere hatten richtig Probleme“, berichtet Zinsmeister.

„Zur Ruhe sind wir in der Corona-Zeit sicher nicht gekommen.“
Heike Schlee, Leiterin Tagesstätte

Die Schule hat alsbald eine Notbetreuung eingerichtet, die Erzieher hielten engen Kontakt mit den Eltern, boten ihnen in besonders prekären Momenten individuelle Hilfe an. Im Unterschied zu den Regelschulen wurden die Förderschulen am Anfang aber schlichtweg vergessen. Keine Anweisungen aus München, keine Vorgaben. „Das hat sich im Lauf der Zeit verändert“, erinnert sich Heike Schlee und spricht von einer Flut von Verordnungen, die beinahe täglich neue Aktivitäten bedingten. „Zur Ruhe sind wir in der Corona-Zeit sicher nicht gekommen“, sagt sie und lacht. Jetzt aber schon. Am 31. Juli hatten beide ihren letzten Arbeitstag. Mit Cornelius Breyer (Schulleiter) und Susanne Belschner (Leiterin der Tagesstätte) sind die Nachfolger längst gefunden. Sie werden den Übergang gestalten. Ihre Vorgänger wünschen ihnen vor allem viel Zeit für das wichtigste in ihrem Beruf – das Wohlergehen der Kinder und ihrer Eltern.

Nach 15 Jahren als Schulleiter hat Norbert Zinsmeister alle Hände voll zu tun beim Packen.
Nach 15 Jahren als Schulleiter hat Norbert Zinsmeister alle Hände voll zu tun beim Packen. Foto: Ralf Dieter
Berufliche Heimat in den letzten Jahrzehnten: Norbert Zinsmeister und Heike Schlee vor der St. Martin-Schule in Kitzingen.
Berufliche Heimat in den letzten Jahrzehnten: Norbert Zinsmeister und Heike Schlee vor der St. Martin-Schule in Kitzingen. Foto: Ralf Dieter

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