Kitzingen

Teamlehrkräfte: Im Klassenzimmer ist alles möglich

Sarah Raith praktiziert lebendigen Deutschunterricht – ihre Achtklässler finden das klasse.
Foto: Julia Volkamer | Sarah Raith praktiziert lebendigen Deutschunterricht – ihre Achtklässler finden das klasse.

Plötzlich ist es mucksmäuschenstill in der Klasse. „Qui le sait“, fragt Wendy Moden nach – „Wer weiß es“? Die zierliche Französin steht vor der Tafel und schaut im Klassenzimmer umher. „J'attends“ – sie wartet. Bis sich zögernd eine Hand erhebt. Die Miene der Teamlehrkraft erhellt sich, erst recht, als die Schülerin die richtige Antwort gibt. „Merci“, sagt Madame Moden und kann wieder eine Aufgabe abhaken, die auf der Liste für die heutige Französisch-Stunde in der 10c/e des Armin-Knab-Gymnasiums steht. Geschrieben hat die Liste eine Lehrerin, die aus Corona-Gründen nicht selbst vor die Klasse treten kann. Sie ist Risikopatientin, und Wendy Moden ihre Vertretung.

Wenn Karin S. (Name von der Redaktion geändert) an solche Situationen denkt, juckt es sie in den Lehrerfingern. „Ich möchte rein in die Schule, ich will zu meinen Schülern“, sagt die Lehrerin, die nicht nur von Wendy Moden in Französisch, sondern auch von Sarah Raith in Deutsch vor ihren Klassen vertreten wird. Die 61-Jährige ist „sehr empfänglich für Viren und Bakterien“. Dieser Zustand und ein Beschluss des Kultusministeriums legten es ihr nahe, keinen Unterricht vor der Klasse zu halten. „Ich sitze am Schreibtisch und bereite für andere das vor, was ich den Schülern eigentlich so gern selbst vermitteln würde.“ Es beunruhigt sie, nicht einschätzen zu können, auf welchem Stand sie sind. „Wendy und Sarah können das einschätzen“, weiß Karin S. aber. Das beruhigt sie. Mit den Kolleginnen steht sie in engem Kontakt.

Viel Arbeit – und Dankbarkeit

„Wendy hat noch sehr wenig Unterrichtserfahrung. Für sie schreibe ich die Stunde detailliert auf“, sagt Karin S. über ihre Französisch-Vertretung. Diese brauche die Unterlagen auch, um sich ein bisschen daran festzuhalten. Dabei seien die Schüler begeistert von ihr. In der 9. und 10. Klasse seien die Sprachkenntnisse schon so fortgeschritten, dass sich Wendy überwiegend in ihrer Muttersprache bewegen könne. Tafelbilder, Lektionen und Hausaufgaben bereitet Karin S. vor, bespricht es mit ihr, wenn es in der Stunde Unklarheiten gab. „Wenn ich den Unterricht selber machen würde, hätte ich weniger mit Vor- und Nachbereitung zu tun“, sagt Karin S. – und ist doch so dankbar, dass Wendy den Weg ans AKG gefunden hat.

Wendy Moden stammt aus Paris und geht Lehraufträgen an der Uni Würzburg und der Volkshochschule nach – also in der Erwachsenenbildung. Gleiches gilt auch für Sarah Raith, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin des hochschuldidaktischen Weiterbildungsprogrammes ProfiLehre an der Uni Würzburg tätig ist. Sie arbeitet strukturiert, entwickelt im Unterricht mit den Jugendlichen ihren eigenen Stil. Als Vorbereitung genügen ihr Stichworte, sie sucht und findet eigenständig Möglichkeiten, die Inhalte, die Karin S. vorgibt, zu vermitteln. Was die beiden eint, ist die Motivation, sich als Teamlehrer zu bewerben. „Sie waren sich bisher nicht sicher, ob sie an die Schule wollen“, weiß Karin S. Das hat sich inzwischen geändert. „Mir ist klar geworden, dass ich mit Schülern arbeiten möchte“, sagt die Würzburgerin Sarah Raith. Das erziehungswissenschaftliche Studium hat sie beinahe abgeschlossen, steht kurz vorm Staatsexamen. „Die Tätigkeit als Teamlehrkraft lässt mich noch einmal praktische Erfahrung sammeln, die meine an der Universität erworbenen Fertigkeiten ergänzt.“ Karin S. ist jedenfalls von den pädagogischen Fähigkeiten ihrer Teammitglieder überzeugt. „Wir haben wirklich Glück mit unseren Teamlehrerinnen. Schon beim Vorstellungsgespräch hatten Frau Rahner und ich das Gefühl, dass die beiden gut zu uns passen.“

Monika Rahner kann das nur bestätigen. Gleich drei Teamlehrer konnte die Schulleiterin für ihr Gymnasium einstellen, auch wenn „die Rekrutierung schwierig“ gewesen sei. Das Ministerium habe diesen Lösungsansatz relativ kurzfristig entwickelt, es blieb wenig Zeit, geeignete Kandidaten zu finden. Im Fall von Sarah Raith und Wendy Moden haben persönliche Kontakte geholfen. Mit dem Ergebnis ist Monika Rahner sehr zufrieden. „Es läuft gut“, erklärt die Schulleiterin kurz und bündig. Sie stehe mit ihrer Lehrkraft in regelmäßigem Kontakt, die Schüler seien begeistert von den jungen „Lehrerinnen“ und auch von den Eltern gebe es bisher keine Rückfragen. Alles sei „sehr transparent“ abgelaufen. „Wir sind froh, dass es diese Lösung gibt.“ Die Teamlehrkräfte am Armin-Knab-Gymnasium hätten den „pädagogischen Impetus“, seien motiviert und schafften es auch, ihre Begeisterung auf die Schüler zu übertragen.

Monika Zeyer-Müller wird das gerne hören. Die Ministerialbeauftragte für Gymnasien im Bezirk Unterfranken sieht die Lösung der Teamlehrer als „sehr gute Möglichkeit, Unterrichtsausfall zu vermeiden“ – solange sichergestellt ist, dass „der Unterricht sowohl fachlich als auch pädagogisch professionell ausgestaltet wird“. Fachlehrer und Teamkräfte sollten sich aufeinander abstimmen, vor allem, wenn die Teamkraft die pädagogische Ausbildung nicht oder nur teilweise absolviert hat. Wichtig sei in diesem Zusammenhang auch, dass „die Schulleitungen und Fachlehrkräfte (...) auch die Eltern (...) in Kenntnis setzen und Rückmeldungen der Eltern und Schüler mit in die weitere Arbeit einbeziehen.“ Auch die Ministerialbeauftragte begrüßt den Einsatz von Wendy Moden und Sarah Raith – im Gegenteil. „Ich sehe unter den genannten Bedingungen den Einsatz der Teamlehrkräfte an den Gymnasien durchaus als Chance.“

So mancher Schüler sieht das inzwischen auch so. Die Achtklässler von Sarah Raith sind begeistert von ihrem Unterricht und loben die Teamlehrkraft in den höchsten Tönen, und die Zehntklässler hängen ihrer Vertretungslehrerin Wendy Moden förmlich an den Lippen. Und wenn sich im Unterricht immer wieder die Hände heben – wenn auch zögerlich – dann wissen die beiden Lehramtsanwärterinnen, dass sie alles richtig gemacht haben mit ihrer Bewerbung als Teamlehrkraft.

Teamlehrkräfte vor den Klassen

Teamlehrer in Bayern Das Kultusministerium hat im Sommer das Konzept der Teamlehrkräfte vorgestellt. Sie übernehmen den Präsenzunterricht einer Stammlehrkraft, die coronabedingt nicht vor der Klasse stehen kann. Den Unterricht bereitet die Stammlehrkraft vor und nach. Bewerben können sich Personen mit abgeschlossenem Lehramtsstudium (beide Examina), aber auch Personen mit einem anderen abgeschlossenen Hochschulstudium sowie Lehramtsstudierende höherer Fachsemester. Die Team-Lehrkraft erhält einen befristeten Arbeitsvertrag und wird nach Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst bezahlt. Bewerben kann man sich unter www.km.bayern.de Teamlehrer im Landkreis Laut Veit Burger vom Kitzinger Schulamt sind in den Grund- und Mittelschulen bislang keine Teamlehrer eingesetzt. Im Gymnasialbereich ist das Armin-Knab-Gymnasium die einzige Schule, die Teamlehrkräfte eingestellt hat. In Gaibach und Marktbreit bestätigten die beiden Schulleiter Bernhard Seißinger und Friedhelm Klöhr auf Anfrage, bis zuletzt keine Corona-bedingten Ausfälle kompensieren zu müssen. Das Egbert-Gymnasium in Münsterschwarzach kommt laut Schulleiter Reinhard Klos als staatlich anerkannte Privatschule „nicht in den Genuss eines Budgets für Teamlehrer“. Im Landschulheim Wiesentheid könne laut Schulleiter Achim Höfle lediglich eine Teilzeitkraft keinen Präsenzunterricht halten. Für diesen Ausfall habe man in Absprache mit dem Zweckverband bayrischer Landschulheime eine tragfähige Lösung erarbeitet, die keinen Einsatz eines Teamlehrers beinhalte.
Eine Muttersprachlerin im Französischunterricht? Für die Zehntklässler am Armin-Knab-Gymnasium und ihre Vertretungslehrerin Wendy Moden ist das durchaus „possible“. Fotos: Julia Volkamer
Foto: Julia Volkamer | Eine Muttersprachlerin im Französischunterricht? Für die Zehntklässler am Armin-Knab-Gymnasium und ihre Vertretungslehrerin Wendy Moden ist das durchaus „possible“. Fotos: Julia Volkamer
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