Kitzingen

Was Barbara Becker zur bayerischen Impfstrategie sagt

Auch im Bayerischen Landtag wird die Corona-Impfstrategie heiß diskutiert. Barbara Becker ärgert sich über die Verzögerungen bei der Lieferung. „Jede Impfung schützt Menschenleben“.
Foto: Becker | Auch im Bayerischen Landtag wird die Corona-Impfstrategie heiß diskutiert. Barbara Becker ärgert sich über die Verzögerungen bei der Lieferung. „Jede Impfung schützt Menschenleben“.

Zu wenig Impfstoff, zu viel Bürokratie und immer wieder neue Anweisungen aus München. Die Kritik an der Impfstrategie reißt nicht. Fragen an Barbara Becker, CSU-Landtagsabgeordnete und Mitglied des Ausschusses für Gesundheit und Pflege.

Welche Schulnote geben Sie der bisherigen Organisation der Corona–Impfungen?

Barbara Becker: Die Strategie an sich ist gut: Wir haben eine nachvollziehbare Priorisierung bei den Impfwilligen. Der Freistaat hat die Impfzentren unserer Kommunen bestmöglich ausgestattet. Die Voraussetzungen, flächendeckend, schnell und in großem Umfang impfen zu können, sind geschaffen. Wir könnten täglich bis zu 38.000 Menschen in Bayern impfen. Auch die Impfplanung und Terminvergabe funktioniert passabel, die Verteilung des Impfstoffs durch den Freistaat ist organisiert. Nur der Impfstoff ist knapp. Hier liegt das Nadelöhr.

Wer ist schuld daran, dass zu wenig Impfstoff bei den Impfzentren ankommt?

Becker: Der Freistaat hat seine Hausaufgaben gemacht. Jetzt müssen Bund und Europäische Union dafür sorgen, dass die bestellten Impfstoffe auch kommen. Die Verzögerungen ärgern mich sehr, denn jede Impfung schützt Menschenleben. Weniger versprechen und mehr halten – diese Devise wäre auch für die Produzenten gut. Aber mit der Zulassung weiterer Impfstoffe wird die Versorgung besser.

Sind Sie mit der Zahl der bisher Geimpften im Freistaat zufrieden?

Becker: Zufrieden bin ich, wenn alle Impfwilligen geimpft sind. Aktuell haben rund 240.000 Menschen in Bayern ihre erste Impfdosis erhalten. Das ist ein erster, aber wichtiger Schritt. Rund zwei Drittel der Bewohnerinnen und Bewohner in Bayerns Pflegeheimen konnten bereits eine Erstimpfung erhalten und mehr als ein Drittel des Personals. Die Impfbereitschaft ist Gott sei Dank hoch.

Können Sie den Frust von Kommunen nachvollziehen, die Impfzentren fristgerecht aufgebaut und Personal bereitgestellt haben und nun nicht loslegen können?

Becker: Vor allem kann ich den Frust der Personen verstehen, die bereits einen Impftermin erhalten haben und deren Termin mehrfach verschoben wurde. Die Helfer/innen in den Impfzentren nutzen die Zeit, ihre Abläufe noch besser zu gestalten und vorbereitet zu sein, wenn wirklich genug Impfstoff zur Verfügung steht. Bayern hat genug Rückstellungen gebildet, um die Zweitimpfungen auch bei einem Lieferengpass durchführen zu können.

Zunächst sollen die über 80-Jährigen geimpft werden. Die landen oft in der telefonischen Warteschleife. Bei Anmeldungen per Mail muss jede Person eine eigene Email-Adresse angeben. Hätte es da nicht ein einfacheres Verfahren für die Senioren geben können?

Becker: Wir müssen es schaffen, die Datensicherheit und zugleich einfache Bedienbarkeit zu ermöglichen. Aus einem meiner Netzwerke kam eine gute Anregung, wie man mehrere Personen auf einer Mail-Adresse anmelden könnte. Die wird nun gerade programmiert. Zusätzlich kann man sich auch telefonisch anmelden. Da braucht man etwas Geduld, aber in der Regel klappt es hervorragend.

Ab wann rechnen Sie mit genug Impfstoff, um die Kapazitäten in den Impfzentren tatsächlich auszuschöpfen?

Becker: Ich bin zuversichtlich, dass wir im Laufe des Februars eine Entspannung bei der zur Verfügung stehenden Impfstoffmenge erleben und deutlich schneller vorankommen. Das ist jedoch davon abhängig, wie viele Impfdosen der Bund liefert. Ziel ist: Jeder, der geimpft werden will, wird geimpft werden.

Markus Söder hat eine Impfpflicht für Pflegekräfte ins Spiel gebracht. Sind Sie dafür? Oder sollte das Impfen generell freiwillig sein?

Becker: Die Corona-Impfung muss freiwillig bleiben. Statt Pflicht brauchen wir Aufklärung und Information.

Leiter von Senioreneinrichtungen berichten von immer neuen Anweisungen, die umgesetzt werden müssen und ständig für Unruhe sorgen. Sie hatten nach Ihrer Wahl unter anderem der überbordenden Bürokratie den Kampf angesagt. Ist dieser Kampf in Corona-Zeiten verloren?

Becker: Im Gegenteil. Das motiviert mich erst recht. Dass in einer Krise ständig neue Anpassungen, Anweisung und Regelungen kommen, ist anstrengend. Und es zeigt, dass wir ein lernendes System sind. Meine Energie für bessere Arbeitsbedingungen richtet sich auf Grundsätzliches: Anzahl der MDK-Kontrollen in den Heimen halbieren. 35-Stunden-Woche für Pflegekräfte, um den Beruf attraktiver zu machen. Das geht nicht über Nacht, aber wir müssen das angehen.

Und die Dokumentation?

Becker: Die müssen wir radikal vereinfachen. Wieso muss eine Pflegekraft angeben, ob es eine Filmtablette oder eine Kapsel war, die sie verabreicht hat? Weg damit! Dass manche Krankenkassen immer noch ausgedruckte Dokumente haben wollen, obwohl viele Pflegeheime alles in digitaler Form schicken, geht auch nicht. Da müssen Schnittstellen anders programmiert werden. Sonst geht das auf Kosten der Zeit für die Pflege.

Neue Maßnahmen werden in Pressekonferenzen verkündet, zwei Tage später erhalten Behörden, Schulen oder Senioreneinrichtungen die entsprechenden Unterlagen und Handlungsanweisungen. Der richtige Weg?

Becker: In den Pressekonferenzen wird ja immer auch der Tag angegeben, ab wann die neue Regelung gilt. Ab diesem Moment laufen bei uns Abgeordneten die Telefone heiß. Engagierte Praktiker/innen vor Ort steuern ihre Bedenken und vor allem Ideen bei. Das kann dann noch in die Handlungsanweisungen einfließen. Natürlich muss das alles rechtlich und finanziell geprüft werden. Diese Verzögerung von ein paar Tagen ist zwar anstrengend, aber aus meiner Sicht sinnvoll. Und es ist gelebte Demokratie.

Ist die Verlängerung des Lockdowns der richtige Weg? Ab welchem Zeitraum rechnen Sie wieder mit so etwas wie Normalität?

Becker: Nach dem ersten Lockdown war ich optimistisch, dass wir keinen zweiten brauchen. Vor Weihnachten hatten wir dann explodierende Infektionszahlen. Wir mussten die Infektionskette unterbrechen. In diesen Tagen sehen wir: Die Zahlen sinken wieder, wir sind auf einem guten Weg. Sollten die Neuinfektionen weiter sinken, sehe ich gute Chancen für erste Lockerungen. Ein erstes Zeichen war jetzt die Lockerung für Büchereien und Bibliotheken. Wenn uns zusätzlich zur Impfung auch das Entwickeln von Corona-Medikamenten gelingt, geht es wirklich aufwärts.

Zahlen und Daten

Am 27. Dezember haben in Bayern die Impfungen mit dem Impfstoff von BioN-Tech/Pfizer begonnen. Angeliefert wurden bisher nach Bayern 441.525 Impfstoffdosen, darunter 9.600 Impfdosen des Impfstoffs von Moderna.

Seit Beginn der Impfungen wurden in Bayern rund 240.000 Personen geimpft.

78 Prozent der Senioren- und Pflegeheime wurden für eine Erstimpfung besucht. 62 Prozent der Bewohner wurden bereits geimpft und 34 Prozent des Personals. Unter Einrechnung der Anmeldungen liegt die Quote bei den Bewohnern bei 77 Prozent und beim Personal bei 45 Prozent.

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Foto: A Brachs | Die Infrastruktur steht längst, wie hier an der Klinik Kitzinger Land. Was fehlt, sind ausreichende Mengen Impfstoff. Archiv
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