Kitzingen

Wenn das Gefühl von Sicherheit fehlt

Ritual: Die Handwaschung gehört zu den Regeln des jüdischen Glaubens. Alexander Shif hält sich an die überlieferten Traditionen.
Foto: ralf Dieter | Ritual: Die Handwaschung gehört zu den Regeln des jüdischen Glaubens. Alexander Shif hält sich an die überlieferten Traditionen.

Videokameras nehmen jeden Besucher auf, die Eingangspforte ist immer besetzt. Das jüdische Gemeinde- und Kulturzentrum „Shalom Europa“ ist kein Hochsicherheitstrakt, aber es ist gut gesichert. Es ist ein Teil von Würzburg und doch besonders. So wie die Menschen, die hier ein- und ausgehen.

Rund 1000 Mitglieder hat die jüdische Gemeinde in Unterfranken. Die meisten leben im Großraum Würzburg. Etwa 95 Prozent sind aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen. Alexander Shif kam 1998 aus St. Petersburg. Heute ist er der Leiter der Jugendgruppe im „Shalom Europa“. Nach 17 Jahren ist er in Deutschland heimisch geworden. Und dennoch fühlt er sich nicht ganz sicher. Erst recht nicht seit den Anschlägen von Paris und Kopenhagen.

„Paris hat uns gezeigt, wie einfache Menschen durch das Internet beeinflusst werden können“
Alexander Shif, Leiter einer jüdischen Jugendgruppe

„Seitdem hat sich etwas verändert“, sagt Shif. Er beobachtet das auch bei anderen Gemeindemitgliedern. Eine schleichende Angst, eine Sorge. „Paris hat uns gezeigt, wie einfache Menschen durch das Internet beeinflusst werden können“, sagt er. „Die Propaganda macht sie zu Attentätern und Mördern. So etwas kann überall passieren, auch in Würzburg.“

Der 49-Jährige traut sich dennoch mit der Kippa, dem Symbol des jüdischen Glaubens, auf die Straße. Die wenigsten Gemeindemitglieder tun das. Wenn er mit seiner Jugendgruppe einen Ausflug macht, dann bitten ihn Eltern sogar, die Kippa nicht zu tragen. „Sie haben Angst um ihre Kinder“, sagt Shif. „Viele Eltern wollen nicht, dass ihr Glaube bekannt wird, dass die Leute wissen, dass sie jüdisch sind.“

Alexander Shif lebt seinen Glauben. Das war nicht immer so. In St. Petersburg ist er aufgewachsen. Eine jüdische Gemeinde hat es dort offiziell nicht gegeben. Dafür Geheimtreffen. „Wie im Spionagefilm“, sagt er und muss schmunzeln. In Privatwohnungen haben sich die Juden aus St. Petersburg getroffen, teilweise waren 50 Menschen in einer Drei-Zimmer-Wohnung zusammengepfercht, um jüdischer Musik zu lauschen. „Juden wurden nicht verfolgt, aber es wurde immer schlecht über sie gesprochen“, erinnert er sich. In seinem Personalausweis stand „Jude“ nicht unter Glaubenszugehörigkeit, sondern unter Nationalität.

Shif hat einen Ausreiseantrag gestellt, zwei Jahre auf Anerkennung gewartet. In Deutschland hat er als IT-Kaufmann gearbeitet, wurde arbeitslos, ging für zehn Monate nach Israel, um endlich seine Religion zu verstehen, seine Wurzeln zu suchen. 2007 kam er zurück nach Deutschland. „Weil es hier zu wenige engagierte Juden gibt.“ Seither arbeitet er mit jüdischen Jugendlichen, ist Ansprechpartner für Besucher im „Shalom Europa“. Er versucht, den Menschen das Judentum zu erklären, die Besonderheiten eines Volkes, das seit 2000 Jahren in der Diaspora lebt und dennoch überlebt hat. Die Besonderheiten einer Religion, die nicht missionarisch wirken will, aber offen für Fragen und Neugierige ist. Eine Religion, für die der persönliche Kontakt wichtiger ist als prunkvolle Gebäude. Menschen, die sich an uralten Regeln orientieren und doch ihren Platz in einer modernen Welt finden. Menschen, die nicht selten eine innere Zerrissenheit spüren. „Wir verstecken uns nicht“, sagt Shif. „Aber wir legen unseren Glauben auch nicht offen.“

„Es wäre schön, wenn niemand schief angeschaut wird, nur weil er anders ist.“
Alexander Shif, in Würzburg lebender Jude

Im „Shalom Europa“ erhalten derzeit zwölf Kinder Religionsunterricht. „Viele andere schicken ihre Kinder allerdings in den Ethik-Unterricht“, bedauert Shif. Eine Kippa tragen die wenigsten. Der 49-Jährige schon. „Sie lässt mich nicht vergessen, dass ich Jude bin“, begründet er seine Entscheidung. „Und sie zeigt der Welt, dass hier Juden leben. Warum sollte ich sie verstecken?“ Eine Antwort liefert er gleich mit. Weil Juden immer in Gefahr gelebt haben, weil sie immer das Gefühl hatten, sich schützen zu müssen. Weil es immer so etwas wie einen Antisemitismus gegeben hat.

Dem Judenhass kann der 49-Jährige sogar etwas Positives abgewinnen. „Er ist ein Grund, warum wir als Volk über die Jahrhunderte zusammengehalten haben“, erklärt er. Das Leben wäre ohne diese Vorbehalte und Anfeindungen für Juden natürlich ungleich leichter. Und deshalb hat Shif einen Wunsch, der gerade nach den Anschlägen von Paris und Kopenhagen aktueller denn je ist: „Es wäre schön, wenn niemand schief angeschaut wird, nur weil er anders ist. Wenn die Menschen so akzeptiert werden, wie sie sind.“

Kunstwerk: Die Jugendgruppe aus „Shalom Europa“ hat dieses Bildnis von Jerusalem geschaffen. Sehr zur Freude von Alexander Shif.
Foto: ralf dieter | Kunstwerk: Die Jugendgruppe aus „Shalom Europa“ hat dieses Bildnis von Jerusalem geschaffen. Sehr zur Freude von Alexander Shif.
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