Kitzingen

Wo die Maschine die Niere ersetzt

Auch wenn der Grund ihrer Begegnung ein ernster ist, Zeit für ein Späßchen bleibt immer: Alfred Reitmeier kommt schon seit sieben Jahren dreimal pro Woche zur Blutwäsche ins Nierenzentrum Kitzingen zu Dr. Haiko Ehrich.
Foto: Daniela Röllinger | Auch wenn der Grund ihrer Begegnung ein ernster ist, Zeit für ein Späßchen bleibt immer: Alfred Reitmeier kommt schon seit sieben Jahren dreimal pro Woche zur Blutwäsche ins Nierenzentrum Kitzingen zu Dr. Haiko Ehrich.

Was Alfred Reitmeier am nächsten Dienstag macht? Er weiß es genau: Das Gleiche wie jeden Dienstag in den vergangenen sieben Jahren. Und jeden Donnerstag. Und jeden Samstag. Er fährt ins Nierenzentrum Kitzingen. Vier Stunden lang reinigt die Maschine dort sein Blut Dass mit seinen Nieren etwas nicht stimmt, weiß der 82-Jährige seit seinem 17. Lebensjahr. Als er zur Bundeswehr sollte, wurde festgestellt, dass der Eiweißverlust zu hoch war. Gekümmert hat das den jungen Mann nicht. Dass er Diät leben sollte, hat er ignoriert. Lange ging das gut. Irgendwann aber war die Niere so stark geschädigt, dass sie ihrer Funktion nicht mehr nachkommen konnte. Er brauchte eine Nierenersatztherapie.

Lebenswichtiges Entgiftungsorgan

Die Niere ist ein Entgiftungsorgan, wir haben zwei, die rechts und links der Lendenwirbelsäule in Höhe der zwölften Rippe liegen. Jede wiegt zwischen 120 und 200 Gramm, ist zehn bis zwölf Zentimeter lang und fünf bis sechs Zentimeter breit. Nicht groß, nicht schwer, doch für unseren Körper von unermesslicher Bedeutung. Rund um die Uhr filtern sie unser Blut, immer wieder, immer wieder. Etwa sieben Prozent des Körpergewichts sind Blutvolumen, erklärt der Nephrologe Dr. Haiko Ehrich, einer der beiden ärztlichen Leiter des Kitzinger KfH-Nierenzentrums anlässlich des Weltnierentags am 14. März. Ein 100 Kilo schwerer Mensch hat also etwa sieben Liter Blut. 1,25 Liter laufen pro Minute durch die Nieren, hochgerechnet 1800 Liter Blut pro Tag. Mehr als sieben Badewannen voll.

Alfred Reitmeier liegt in einem der 21 Betten, den linken Arm auf der blauen Decke ausgestreckt. Zwei Kanülen führen über den sogenannten Shunt in seinen Arm, eine rot gekennzeichnet, die andere blau. Durch die erste fließt das Blut aus dem Körper hinein in den Dialysator, der neben einem großen Kasten mit einem Computerbildschirm hängt. „Das ist jetzt meine Niere“, sagt der 82-Jährige und deutet auf das längliche, rohrförmige Gerät.

Dreimal pro Woche

Es gibt verschiedene Nierenersatztherapien. Die Hämodialyse, bei der das Blut außerhalb des Körpers in einer Dialysemaschine gereinigt wird, ist eine davon. Dreimal pro Woche kommen die Patienten ins Nierenzentrum, Minimum vier Stunden hängen sie an den Maschinen. Arbeiten gehen die allerwenigsten. „Ein Mensch mit vollständigem Nierenversagen ist zu 100 Prozent erwerbsunfähig“ erklärt der Nephrologe Ehrich. „Aber wer arbeiten will, der kann natürlich arbeiten.“

Die meisten Patienten in Kitzingen tun das nicht mehr, viele haben das Rentenalter schon erreicht. Was auch etwas über das Krankheitsbild aussagt: In 50 Prozent aller Fälle von Nierenversagen ist Diabetes mellitus der Grund. Der Typ-2-Diabetes, früher als Alterserkrankung angesehen, betrifft heute auch zunehmend jüngere Menschen. 20 Prozent der Patienten haben chronische Nierenentzündungen immunologischer Herkunft. „Das sind nichtinfektiöse Entzündungen der kleinen Nierenkörperchen.“ Nephronen heißen diese mikroskopisch kleinen Funktionseinheiten, jede Niere enthält bis zu einer Million davon.

20 Prozent der Dialysefälle gehen auf Bluthochdruck zurück, der nicht richtig eingestellt ist. Die restlichen Fälle von Nierenversagen gehen auf genetische Erkrankungen wie Zystennieren und andere Ursachen zurück (jeweils fünf Prozent).

Eine Nierenersatztherapie ist auch die Peritonealdialyse. Sie findet im eigenen Körper statt. Dabei übernimmt das Bauchfell die Reinigungsfunktion, die Waschlösung wird in die Bauchhöhle eingeleitet und regelmäßig gewechselt. Das kann man zuhause machen, viermal täglich etwa 20 Minuten, oder nachts über eine längere Zeitspanne. Zudem muss der Patient intellektuell und körperlich in der Lage sein, selbst die Verantwortung für die Dialyse zu übernehmen, erklärt Haiko Ehrich. Dritte Alternative ist eine Transplantation. Sie läuft entweder über die Warteliste oder über die Lebendspende eines Familienmitglieds, eines Verwandten oder einer vertrauten Person. Etwa 20 Prozent der Spenden sind heute Lebendspenden, 55 Hämodialysepatienten sind derzeit im Kitzinger Zentrum in Behandlung, etwa fünf werden für eine Transplantation vorbereitet. Bauchfelldialysepatienten gibt es hier derzeit nicht.

Der 82-jährige Alfred Reitmeier hat schon alle drei Ersatztherapien hinter sich. Ab 1994 haben seine Nieren nicht mehr gearbeitet. In den ersten Jahren hat er zuhause Bauchfelldialyse gemacht. 1998 bekam er eine neue Niere. „Die hat zwölf Jahre gehalten“, sagt er. „Das war eine schöne Zeit.“ Nachdem auch dieses Organ versagte, kam er an die Dialysemaschine. Wenige Meter von ihm entfernt liegt auch Ludwig Lenhart schon seit mehreren Stunden auf dem Bett, den Arm an die Maschine angeschlossen. Die Patienten kennen sich, man plaudert, macht ein Späßchen. Insgesamt aber geht es ruhig zu, viele haben Kopfhörer auf, hören Radio oder schauen Fernsehen, einige schlafen oder dösen. „Die Zeit herumzubringen, ist das schwierigste“, findet Lenhart. Die Dialyse an sich tut nicht weh – nur wenn der Körper über den Shunt an die Maschine angeschlossen wird, ist es unangenehm. Der Shunt ist eine operative Verknüpfung zwischen einer tiefen Arterienschlagader und einer oberflächlichen Vene, meist im Arm. Dass Ludwig Lenhart zur Dialyse muss, ist auch die Folge seines Rheumas. Er hatte schon als junger Mann Probleme mit Knochen und Gelenken, Wasser in den Beinen. Erst musste er die Fußballschuhe an den Nagel hängen, seit 2005 kann er seinen Beruf als Schlosser nicht mehr ausüben. Der Tablettenkonsum wegen des Rheumas hat dazu beigetragen, dass die Nieren immer schlechter funktionierten. Seit dreieinhalb Jahren kommt er nun zur Dialyse.

Nach vier Stunden ist das Blut gereinigt, die Patienten werden wieder nach Hause gefahren. „Am Nachmittag bin ich erst mal platt“, sagt der 62-Jährige. Dann muss er sich hinlegen. Am nächsten Tag geht es ihm dann deutlich besser. „Dann kann ich wieder Treppen steigen, leichter schnaufen und ich hab' mehr Appetit.“ Ein Stück Lebensqualität, die es ohne Dialyse nicht gäbe.

„Das größte Problem ist die Zeit“, sagt Ludwig Lenhart. Die vier Stunden, in denen das Blut gewaschen wird, ziehen sich manchmal ganz schön in die Länge.
Foto: Daniela Röllinger | „Das größte Problem ist die Zeit“, sagt Ludwig Lenhart. Die vier Stunden, in denen das Blut gewaschen wird, ziehen sich manchmal ganz schön in die Länge.
54 Minuten noch, dann ist es geschafft: Der Computer zeigt wichtige Messwerte, aber auch, wie lange die Dialyse noch dauert.
Foto: Daniela Röllinger | 54 Minuten noch, dann ist es geschafft: Der Computer zeigt wichtige Messwerte, aber auch, wie lange die Dialyse noch dauert.
So fing es einst an: Dr. Haiko Ehrich, einer der beiden ärztlichen Leiter des Nierenzentrums Kitzingen, zeigt Patient Alfred Reitmeier Bilder und Berichte vom Bau des Zentrums 1990/91.
Foto: Daniela Röllinger | So fing es einst an: Dr. Haiko Ehrich, einer der beiden ärztlichen Leiter des Nierenzentrums Kitzingen, zeigt Patient Alfred Reitmeier Bilder und Berichte vom Bau des Zentrums 1990/91.
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