Hafenlohr

Ärztliche Versorgung in Hafenlohr: Ist ein MVZ die Lösung?

In vielen Dörfern gibt es keinen Arzt mehr, in der Gemeinde am Main ist noch einer da. Was aber wird dann? Eine Diskussion im vollbesetzten Sportheim zeigte Wege auf.
Zum Thema "Sicherstellung der ärztlichen Versorgung in Hafenlohr" referierten am Mittwochabend im vollbesetzten Sportheim Zahnarzt Dr. Axel Otto (am Rednerpult) und Hausarzt Dr. Josef Pullmann. Foto: Wolfgang Dehm

 Derzeit ist die ärztliche Versorgung Hafenlohrs mit Hausarzt und Zahnarzt gegeben. Allerdings wird sich Hausarzt Dr. Josef Pullmann voraussichtlich in einigen Jahren zur Ruhe setzen. Was dann?

Um die mittel- und langfristige Sicherstellung der ärztlichen Versorgung in Hafenlohr ging es bei einem Infoabend am Mittwoch im mit rund 60 Besuchern voll besetzten Sportheim; Veranstalter war die  Freie Wählergemeinschaft Hafenlohr/Windheim. Deren Vorstandsmitglied Harald Blum machte deutlich, dass in Deutschland in den ländlichen Gebieten mit einer zunehmenden Unterversorgung an Haus- und Fachärzten zu rechnen sei. Hausarzt Pullmann und Zahnarzt Dr. Axel Otto hätten sich bereiterklärt, ihre Sicht der Problematik darzustellen.

Nachfolger als Hausarzt zu finden ist allgemein schwierig

Laut Pullmann, der in Hafenlohr eine Hausarztpraxis betreibt und dies nach eigenen Angaben noch drei, vier oder fünf Jahre tun will, habe man im Hausarztbereich aktuell noch kein wirklich großes Problem; im Facharztbereich sehe es teilweise anders aus, zumal in naher Zukunft mit weiteren Abgängen zu rechnen sei.

Dies hänge vor allem damit zusammen, dass die Arbeit der Hausärzte immer mehr mit Bürokratie überfrachtet werde und infolgedessen viele Ärzte bequemere Wege suchten, als sich als Hausarzt zu betätigen. Einen Nachfolger zu finden sei derzeit kaum vorstellbar, wisse er von Kollegen. Eine Rolle spielt seiner Einschätzung nach auch, dass Ärzte in benachbarte Länder abwanderten, wo die Arbeitsmodelle deutlich besser seien.

Er persönlich habe noch nicht direkt gesucht, sagte Pullmann, möglicherweise gebe es aber eine junge Kollegin in Windheim, die gerade ihre Fachausbildung zum Allgemeinarzt begonnen habe. Ein Versprechen oder eine Zusage sei dies jedoch nicht. Ob es für seine Praxis überhaupt einmal einen Nachfolger geben werde, stehe in den Sternen.

Pullmann: Der persönliche Kontakt ist unersetzbar

Über die derzeitige Situation in Deutschland zeigte er sich nicht überrascht. Seinen Worten nach war es politisch gewollt, den Hausarzt abzuschaffen, weil man gedacht habe, alles online oder übers Telefon machen zu können. Was Pullmann allerdings ganz anders sieht: Der persönliche Kontakt zwischen Arzt und Patient sei unersetzbar.

Seiner Einschätzung nach hat dies mittlerweile auch die Politik erkannt, allerdings werde es ein langer und steiniger Weg werden, bis sich alles wieder einpendele. Als Erfolg versprechend sähe Pullmann, die Konditionen für niedergelassene Ärzte in Deutschland anzupassen an die in England, Skandinavien und der Schweiz.

"Wenn wir gute Rahmenbedingungen schaffen, klappt's vielleicht", meinte auch der Hafenlohrer Bürgermeister und CSU-Landtagsabgeordnete Thorsten Schwab, der noch einen weiteren Aspekt einbrachte. Zwar habe man derzeit in Deutschland so viele Allgemeinmediziner wie nie zuvor, aber viele von ihnen seien Frauen, die in Teilzeit arbeiteten. Ziel müsse sein, Gemeinschaftspraxen zu bilden.

Politik trägt Mitschuld am jetzigen Zustand

Laut Zahnarzt Otto, der in Hafenlohr ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) betreibt, haben die Politik der letzten Jahre und relativ restriktive Rahmenbedingungen dafür gesorgt, dass keine flächendeckende ambulante Versorgung mehr besteht.

"Wir brauchen mehr ambulante Versorgung", lautete sein Appell. Die häufigste Form der ambulanten ärztlichen Versorgung sei die Einzelpraxis, erläuterte er. Daneben gebe es die Berufsausübungsgesellschaft (Zusammenschluss mehrerer Ärzte in einer Praxis) sowie das MVZ. Während Einzelpraxis und Berufsausübungsgesellschaft durch die Ständevertretungen stark reglementiert seien, könne man in einem MVZ die Arbeit relativ frei gestalten.

Hausarzt und Zahnarzt unter einem Dach?

Ein MVZ ist laut Otto eine Betreibergesellschaft, unter der sich mehrere Ärzte, auch unterschiedlicher Fachbereiche, zusammenschließen können; sie können seinen Worten nach sowohl angestellt sein oder auch selbstständig arbeiten. Er könne in seinem MVZ also auch, falls sich dies eines Tages ergäbe, einen Hausarzt aufnehmen.

Katja Wagner-König, die Bürgermeisterkandidatin der Freien Wählergemeinschaft, dankte Pullmann und Otto für deren Informationen und Einschätzungen. Sie ging davon aus, dass die Sicherstellung der ärztlichen Versorgung in Hafenlohr nur über "den Weg MVZ" zu erreichen sei. Es sei "allerhöchste Zeit, dass dieses Thema angegangen wird". Ihr sei es wichtig, dass Themen wie die Ärzteversorgung diskutiert werden, "am besten öffentlich, dann finden wir auch für Hafenlohr und Windheim die beste Lösung".

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