MARKTHEIDENFELD

Abschiebungsbescheid trotz gelungener Integration

Fahimullah Khan ist im Jahr 2014 von Afghanistan nach Deutschland gekommen. Nun hat er den Bescheid bekommen, dass er in sein Heimatland abgeschoben werden soll. Dagegen will er Klage einlegen. Foto: Laura-Sophie Lang

Fast zwei Wochen ist es nun her, da bekam Fahimullah Khan einen Brief, dessen Inhalt er immer noch nicht begreifen kann. Der Brief kommt vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf). „Die Flüchtlingseigenschaft wird nicht zuerkannt“ und „Der Antrag auf Asylanerkennung wird abgelehnt“, heißt es darin. Innerhalb von 30 Tagen soll Fahimullah Khan das Land nun verlassen, es sei denn er reicht Klage gegen den Bescheid ein. Und genau das wird er diese Woche tun.

Mehrere Stationen durch Deutschland

Fahimullah Khan ist 20 Jahre alt. Vor etwa drei Jahren verließ er als 16-Jähriger ganz alleine sein Heimatland Afghanistan und reiste auf dem Landweg nach Deutschland. „Ich wusste damals nicht, was mit mir passieren würde“, erzählt Fahimullah Khan. Drei bis vier Monate habe die Reise gedauert. Dann kam er schließlich in Frankfurt am Main an, wo auch einige seiner Tanten und Onkel schon seit vielen Jahren leben. Doch bleiben konnte er dort nicht. Es ging nach Gießen, dann nach München, anschließend nach Würzburg, bis er dann in Neustadt bei Lohr landete.

Was von diesem Zeitpunkt an passierte, könnte man als Musterbeispiel für gelungene Integration bezeichnen. Deutsch sprechen lernte er in kürzester Zeit, er besuchte die Mittelschule und konnte schnell in den normalen Unterricht wechseln. „Dort habe ich direkt Freunde gefunden“, erzählt er. Seinen Mittelschulabschluss machte er dann 2016, den qualifizierten Hauptschulabschluss dazu in diesem Jahr. Seit September arbeitet er nun als Maschinenbediener bei der Firma Warema und ist deshalb nach Marktheidenfeld gezogen. Nebenbei machte er auch noch seinen Führerschein und hat sich ein Auto gekauft, damit er mobiler ist. Einige Praktika kann er auch noch auf seinem Lebenslauf vorweisen.

Er dachte, er hätte endlich seinen Frieden gefunden

Der 20-Jährige hat sich hier ein Leben aufgebaut, hat sich integriert und viele Freunde gefunden. Umso überraschender kam der Bamf-Bescheid für ihn. „Ich habe so lange gewartet, habe meine Abschlüsse und den Führerschein gemacht, habe selbst vielen Menschen geholfen und dann bekomme ich so einen Brief“, sagt er verständnislos. Er sei in letzter Zeit endlich an einem Punkt angekommen, wo er sich dachte: „Ich bin erwachsen geworden und habe das alles geschafft, jetzt geht das Leben endlich weiter.“ Er dachte, er hätte endlich seinen Frieden gefunden.

Fahimullah Khan will jetzt gegen seine Abschiebung kämpfen. Und damit steht er nicht allein. Der ehemalige Lohrer Stadtrat Franz Wolf ist über die Jahre zu einer Art Betreuer für ihn geworden. Er macht sich stark für den 20-Jährigen. „Ich bin jetzt in der Rolle, ihm wieder Mut zu machen“, sagt Wolf, „man hängt da ja auch mit der Seele drin.“

Natürlich drängt sich die Frage auf, warum das Bamf von Fahimullah Khan überhaupt die Ausreise fordert. Im Schreiben heißt es, der Antragsteller könne sich nicht auf das Asylgrundrecht berufen, da er auf dem Landweg eingereist ist. Außerdem stufe das Bundesamt Khan nicht als Flüchtling ein. Nach Definition befindet sich ein Flüchtling „aus begründeter Furcht vor Verfolgung wegen seiner Rasse, Religion, Nationalität, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen seiner politischen Überzeugung“ außerhalb seines Heimatlandes. Das sei bei Khan nicht der Fall.

Bamf zweifelt Geschichte des jungen Mannes an

In seiner Anhörung im November 2016 gab er an, nach Deutschland geflüchtet zu sein, da die Taliban in sein Dorf kamen und ihn zwangsrekrutieren wollten. Als er sich dem verweigerte, sei er auch zusammengeschlagen und mit einem Bajonett verletzt worden. Sein Vater sei nach seiner Flucht von den Taliban geschlagen worden und anschließend zu Tode gekommen. Das Bamf zweifelt das jedoch an. Derartige Vorkommnisse seien zwar nicht auszuschließen, es handle sich dabei aber um seltene Fälle, da sich „die Menschen in aller Regel eher freiwillig den Taliban anschließen“. Außerdem habe Khan eine Gefährdung und Verfolgung durch die Taliban „zum Beispiel in Kabul nicht zu befürchten.“

Franz Wolf zweifelt jedoch nicht an, was der junge Afghane ihm im Bezug auf die Taliban geschildert hat. „Man kriegt im Laufe seines Lebens ein Gefühl dafür, ob jemand lügt oder nicht“, sagt Wolf dazu. Er sei bei der Anhörung dabei gewesen, habe miterlebt, wie der Junge unter Tränen seine Geschichte erzählt habe. „Für meine Begriffe ist es pervers, dass jemand, der seine Arbeit wahrnimmt, der perfekt integriert ist, abgeschoben werden soll“, findet Wolf.

Hilfe soll auch aus Berlin kommen

Franz Wolf ist Mitglied der SPD, deshalb hat er auch dem Bundestagsabgeordneten für den Landkreis Main-Spessart Bernd Rützel den Fall geschildert und ihn um Hilfe gebeten. „Wenn dieser junge Mann kein Beispiel für gelungene Integration ist, dann weiß ich auch nicht mehr“, sagt Rützel dazu. Er wolle sich dem Fall annehmen und auch noch mal mit dem Bamf sprechen. Außerdem wolle er Außenminister Sigmar Gabriel den Fall vorlegen. Denn das ganze sei ein sehr politisches Thema. „Natürlich kann sich der Außenminister nicht um den Fall Khan im Einzelnen kümmern. Aber das Thema kann noch einmal einen Anstoß dafür geben, sich die Situation in Afghanistan genauer anzuschauen“, erklärt Rützel.

Fahimullah Khan erzählt, dass viele seiner Bekannten ihm erst nicht geglaubt hätten, als er ihnen von dem Bescheid erzählte. Franz Wolf hofft nun auch auf die Unterstützung der Arbeitskollegen bei Warema. „Die Arbeit macht mir wirklich Spaß und alle Kollegen sind sehr nett“, erzählt Khan. Und nicht nur bei sich selbst hat Khan für eine gelungene Integration gesorgt. Vielen Flüchtlingen, die nach ihm nach Deutschland kamen, habe er geholfen, sich zurecht zu finden, habe selber als Dolmetscher ausgeholfen.

„Wenn jemand meine Hilfe braucht, helfe ich“, sagt Fahimullah Khan. Jetzt ist er aber erst einmal selbst auf Hilfe angewiesen.

„Für meine Begriffe ist es pervers, dass jemand, der perfekt integriert ist, abgeschoben werden soll.“
Franz Wolf, ehemaliger Stadtrat in Lohr

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