GEMÜNDEN

Alkohol gestohlen: Trauer im Wodka ertränkt

Er hat Entzugserscheinungen und kein Geld. Meist hat er es auf billigen Wodka abgesehen. Er hat knapp zwei Promille im Blut. Was für normale Konsumenten das Delirium bedeutet, ist für ihn gerade einmal Betriebstemperatur. Wodka geht besonders schnell ins Blut, ist gut verträglich, hat wenig Zusatzstoffe. Er ist Alkoholiker.

Weil der 57-jährige Mann aus dem Landkreis zwischen 2013 und 2015 mehrfach versucht hatte, Alkohol aus Supermärkten zu klauen, musste er sich nun am Amtsgericht vor Richter Christian Spruß verantworten. Der Tatvorwurf: Diebstahl geringwertiger Sachen in sieben Fällen sowie Sachbeschädigung in einem Fall: Einmal hatte er im Supermarkt eine Flasche Wodka geöffnet, halb leer getrunken und anschließend wieder in ein Regal gestellt. Gleichzeitig ließ er Tabak mitgehen. Weit ist er jeweils nicht gekommen. Er wurde noch in den Supermärkten auf frischer Tat ertappt. Inzwischen hat er diverse Hausverbote.

Seit 2009 ist der gelernte Dreher ohne Job, seine Firma hatte ihm gekündigt. Seit seiner Jugend ist er Alkoholiker. Im Monat hat er etwa 108 Euro von einer Wiedereingliederungsmaßnahme zur Verfügung. Der Alkoholismus machte ihn früh zum Straftäter. Körperverletzung, Diebstahl, Straßenverkehrsgefährdung: Die Liste seiner Delikte ist lang, er bringt es auf 25 Einträge ins Bundeszentralregister, auch Hafterfahrung hat er schon gesammelt. Der erste Eintrag stammt aus dem Jahr 1977.

Immer wieder war er in Behandlung, 2009 schien eine Besserung in Sicht, doch gänzlich trocken war er nie. 2013 wurde er rückfällig. „Meine Frau lag im Sterben“, schilderte der 57-Jährige die Ursache. „Ich war in einem Loch, da habe ich mich in den Alkohol geflüchtet.“ Auch seine Frau sei Alkoholikerin gewesen, sie starb an den Folgen des Trinkens, erzählte er. „Sie hatte Leberkrebs.“ Ob er Kinder habe, fragte Richter Spruß. Ja, einen 16-jährigen Sohn von einer anderen Frau; sie hätten keinen Kontakt.

Vor Gericht war der Mann geständig, er machte einen erschöpften Eindruck. Die Aussagen der vier geladenen Zeugen wurden nicht benötigt. Es gab keinerlei Zweifel: Der 57-Jährige hat die Taten begangen. Blieb die Frage nach der Schuldfähigkeit. Dr. Detlev Blocher, psychiatrischer Gutachter, attestierte dem Mann eine Alkoholsucht. „Dafür muss man kein Psychiater sein, um das zu erkennen.“ Die Delikte stünden im Zusammenhang mit seiner Krankheit, der Arzt sprach von „Beschaffungskriminalität“. Der Mann habe den Alkohol stehlen wollen, um seinen Pegel aufrecht zu erhalten. Der Entzug bringe unangenehme Symptome, etwa epileptische Anfälle, mit sich, erklärte Dr. Blocher.

Auch in Zukunft seien deshalb Straftaten von dem Mann zu erwarten, wenngleich keine Gewaltdelikte. Für einen Alkoholkranken sei der 57-Jährige in einer überraschend positiven Konstitution; der Psychiater bezeichnete ihn als „kooperativ“ und „geistig rege“. Gewalttätig sei der Mann schon viele Jahre nicht mehr.

Obgleich bei dem 57-Jährigen von einer verminderten Schuldfähigkeit ausgegangen werden müsse, und der Wert der gestohlenen Ware zudem nur gering sei, plädierte die Staatsanwältin auf eine Freiheitsstrafe von einem Jahr ohne Bewährung. „Ich kann Ihnen keine positive Sozialprognose geben“, sagte sie. „Sie sind massiv vorbestraft und die Grundumstände bestehen fort; mit weiteren Taten ist zu rechnen“, begründete sie ihr Plädoyer.

Der Verteidiger sprach sich hingegen für eine Freiheitsstrafe von einem Jahr mit Bewährung aus und verwies auf die positive Entwicklung seines Mandanten während der letzten Therapie. „Daran muss man festhalten“, sagte er. Schaden habe an dem Diebstahl keiner genommen, so der Anwalt des Mannes. „Wir reden hier vielleicht von insgesamt 50 Euro.“

Richter Christian Spruß folgte dem Plädoyer des Rechtsanwalts. Das Urteil: ein Jahr Freiheitsstrafe, für vier Jahre zur Bewährung ausgesetzt. „Aufgrund Ihrer Vorstrafen sind wir von einer ein- oder zweijährigen Bewährungsstrafe schon lange weg“, erklärte der Richter. Allerdings wolle er dem 57-Jährigen „so gerade noch“ eine positive Sozialprognose geben.

„Er befand sich in einer emotionalen Ausnahmesituation“, sagte Spruß mit Blick auf den Tod der Ehefrau. „Das ist ein sehr trauriges Schicksal. Er kann einem nur leidtun“, begründete der Richter sein Urteil. „Man will sich nicht ausmalen, was er durch seinen Alkoholismus im Leben alles verpasst hat und wie tief ihn das runtergezogen hat.“

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