Marktheidenfeld

Allgegenwärtige Pfarrer und jüdische Nachbarn

Zur dritten Auflage ihrer Zeitzeugengespräche in der Stadtbibliothek konnten am Freitag der Vorsitzendes des Historischen Vereins und Moderator Michael Deubert und die Leiterin der Bibliothek Susanne Wunderlich rund 40 interessierte Zuhörer begrüßen. Unter diesen befanden sich einige Teilnehmer früherer Runden und Gäste aus der polnischen Partnerstadt Pobiedziska. Zeitzeugen waren diesmal Altbürgermeister Georg Fertig aus Altfeld und Bäckermeister Walter Otter aus Urspringen.
Georg Fertig (links) und Walter Otter in der Marktheidenfelder Stadtbücherei. Foto: Martin Harth

Zur dritten Auflage ihrer Zeitzeugengespräche in der Stadtbibliothek konnten am Freitag der Vorsitzendes des Historischen Vereins und Moderator Michael Deubert und die Leiterin der Bibliothek Susanne Wunderlich rund 40 interessierte Zuhörer begrüßen. Unter diesen befanden sich einige Teilnehmer früherer Runden und Gäste aus der polnischen Partnerstadt Pobiedziska. Zeitzeugen waren diesmal Altbürgermeister Georg Fertig aus Altfeld und Bäckermeister Walter Otter aus Urspringen.

Schreckensbild vom Urspringer Kindergarten

Die beiden Männer hatten viel zu berichten. Anhand seiner schriftlichen Notizen entwarf Walter Otter ein kleines Schreckensbild über seine Kindergartentage in Urspringen. Der Kindergarten glich unter der Führung von katholischen Ordensfrauen eher einer autoritären Bewahranstalt als einer kindgerechten, pädagogischen Einrichtung. Allgegenwärtig war im Dorf der Pfarrer. Als Messdiener verbrachte Otter viele Stunden in der Kirche und musste sich die damals lateinische Liturgie einpauken.

Nachdenklich war auch sein Erleben des Kriegsverlaufs, als er zum Beispiel nach Stalingrad in der Kirche zum "Heldengedenken" ein Propagandagedicht vortragen musste. Für ein gewisses Amüsement sorgte der Bäckermeister mit seinen Betrachtungen zum Tiefgang der katholischen Ohrenbeichte, die den Pfarrer schließlich zum Allwissenden im Dorf machte.

Beschwerlich war der Fußweg von Altfeld nach Michelrieth

Nicht ganz so nah war da zum Glück die Autorität des Michelriether Pfarrers in Altfeld, meinte Georg Fertig. Beschwerlich war der Fußweg ins Nachbardorf zum Konfirmationsunterricht. Mit einer Größe von 15 Hektar bewirtschafteten seine Eltern eine Landwirtschaft, die eine Grundversorgung selbst in Kriegszeiten stets gut sichern konnte. Sein Sohn bewirtschaftet das Ackerland noch heute im Nebenerwerb als Hobby. Altfelds landwirtschaftliches Glück seien zunächst zwei Flurbereinigungen gewesen, die den verbreiteten Streubesitz zu wirtschaftlichen Flächen zusammenbrachte.

Mit der Autobahn sei letztlich ein Wechsel gekommen. Heute spiele die Landwirtschaft mit zwei Vollerwerbshöfen nur noch eine untergeordnete Rolle. Viel Boden sei für die wirtschaftliche Fortentwicklung der gesamten Stadt Marktheidenfeld, wie gerade auf der Söllershöhe, in Anspruch genommen worden. Früher habe man in Altfeld einmal über 230 Kühe und 900 Schweine in den Ställen gezählt.

Otters Elternhaus von den Anwesen acht jüdischer Familien umgeben

Ein nicht einfaches Kapitel der Ortsgeschichte Urspringens schlug Walter Otter mit dem Thema der jüdischen Vergangenheit auf. Sein Großvater hatte einst seine Bäckerei von einer jüdischen Familie erworben. Sein Elternhaus war umgeben von den Anwesen acht jüdischer Familien. Juden hätten im Grunde gut integriert inmitten der christlichen Mehrheit gelebt, auch wenn es sicher manche Neider im Ort gegeben habe. Nie habe er gesehen, dass eine jüdische Frau auf dem Feld arbeiten musste. Die Juden seien sicher auch etwas anders gewesen, aufgeschlossener gegenüber Neuem. Lebhaft erzählte Otter vom Sabbat-Festmahl bei Nachbarsleuten und deren schönem Grammophon.

In der NS-Zeit kam jedoch ein fanatischer Antisemit als Dorflehrer und NSDAP-Ortsgruppenleiter in den Ort. Otter: "Ich habe eine schlechte Schule gehabt." Man habe wenig gelernt und stattdessen ständig "deutsche Siege" feiern müssen. "Das war ein Nachteil für mein ganzes Leben."

Otters Mutter wollte in Progromnacht den jüdischen Nachbarsleuten beistehen

Bald waren die jüdischen Kinder aus der Schule verschwunden. In der Pogromnacht im November 1938 wurde Otters Mutter bedroht, als sie ihren jüdischen Nachbarsleuten beistehen wollte. Auch Urspringener Männer seien an den Plünderungen im Ort direkt beteiligt gewesen und er habe am folgenden Tag selbst die Zerstörungen und Verwüstungen gesehen. Otter dachte im Gespräch an die jüngsten Kinder, die im April 1942 mit ihren Eltern unter über 40 jüdischen Bürgern aus Urspringen in die NS-Todeslager abtransportiert wurden.

Georg Fertig erinnerte sich mit dem Marktheidenfelder Bernhard Freimark an einen jüdischen Viehhändler, der auf dem elterlichen Hof in Altfeld verkehrte. Mit Stoffen habe der Textilhändler Levi aus Marktheidenfeld in Altfeld hausiert und seine stets zu kurzen Hosen seien schließlich daraus geschneidert.

Drei Wirtshäuser habe es einst in Altfeld gegeben und dort seien im Jahreslauf die traditionellen Feste gefeiert worden. Mit dem "Pärleslauf" habe der Fasching seit jeher eine große Tradition gehabt. Die einstigen ländlichen Handwerke wie Schmied, Wagner oder Schneider gebe es nicht mehr. Lebenswert machten den Stadtteil seine aktiven Vereine wie der große Sportverein, die regen KKS-Schützen mit ihrem Schützenhaus, der CVJM oder der außergewöhnliche Flugsportclub, mit dem den Altfelder Altbürgermeister bis heute eine ganze Menge besonders verbindet.

Zur Person
Walter Otter wurde am 13. August 1931 als Sohn der Bäckerleute Karl und Dorothea Otter in Urspringen geboren. Nach der Schulzeit absolvierte er eine Bäckerlehre. 1956 heiratete er seine Frau Luzia. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor. Otters Leidenschaft gilt der Musik. So prägte der heutige Ehrendirigent den Musikverein Urspringen und dessen Blaskapelle von der Gründung an. Von 1978 bis 1990 und nochmals von 1996 bis 2002 gehörte Otter dem Gemeinderat an. Sein Sohn Albrecht führt die Bäckerei in vierter Generation fort.
Georg Fertig, der "Schulze Schorsch", wurde am 8. August 1925 in Altfeld geboren. Seine Eltern Georg und Babette Fertig führten eine Landwirtschaft. Nach Schule und landwirtschaftlicher Ausbildung in Würzburg wurde der 18-Jährige in die Wehrmacht zum Einsatz an der West- und Ostfront als Soldat eingezogen und geriet in Kriegsgefangenschaft. 1954 heiratete er sein Frau Elsbeth, die drei Kinder zur Welt bringen sollte. 1961 übernahm Fertig den elterlichen Hof und wurde 1964 zum Bürgermeister von Altfeld gewählt. Mit großer Weitsicht führte der Altbürgermeister seine Heimatgemeinde durch die Gemeindegebietsreform schließlich im Jahr 1976 zur Stadt Marktheidenfeld.

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