KARLSTADT

Amichai-Lesung: „Nicht von jetzt, nicht von hier“

Ergriffen waren die Zuhörer in der Hohen Kemenate in Karlstadt von der musikalisch umrahmten Lesung aus dem Roman „Nicht jetzt, nicht von hier” des renommierten und aus Würzburg stammenden israelischen Autoren Jehuda Amichai. Im Bild (von links) Wolfgang Tröster, Eva Maselli, Marliese Stumpf und Georg Schirmer.
Ergriffen waren die Zuhörer in der Hohen Kemenate in Karlstadt von der musikalisch umrahmten Lesung aus dem Roman „Nicht jetzt, nicht von hier” des renommierten und aus Würzburg stammenden israelischen Autoren Jehuda Amichai. Im Bild (von links) Wolfgang Tröster, Eva Maselli, Marliese Stumpf und Georg Schirmer. Foto: Robert Emsden

Bei einer szenischen Lesung, initiiert von der Stadtbibliothek und vom Förderverein „Ehemalige Synagoge Laudenbach“, präsentierten Wolfgang Tröster, Eva Maselli, Marliese Stumpf und Georg Schirmer Auszüge aus Jehuda Amichais Roman „Nicht von jetzt, nicht von hier“. Bibliotheksleiterin Sina Köhlnhofer begrüßte in der Hohen Kemenate 70 Gäste, darunter Elisabeth Stein-Salomon, Initiatorin des Kulturprojektes „Würzburg liest“.

Der Autor Amichai

Jehuda Amichai, 1924 als Ludwig Pfeuffer in Würzburg geboren, emigrierte 1935 nach Palästina und lebte von 1937 bis zum Tod 2000 in Jerusalem. Er war einer der renommiertesten israelischen Schriftsteller. Seine Bücher wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt. In Deutschland fanden seine Werke zunächst kaum Beachtung. Sein einziger Roman „Nicht von jetzt, nicht von hier“, der 1959 nach einer Deutschlandreise entstand, erschien 1963 und wurde 1982 mit dem hoch dotierten Israel-Preis ausgezeichnet. Erst viele Jahre später wurde eine deutsche Übersetzung des Werkes herausgegeben.

Würzburger Kulturpreis

Mit dem Projekt „Würzburg liest“ erschien eine Neuausgabe des Romans sowie eine Sammlung von Amichais Texten und Gedichten. 1981 wurde Amichai mit dem Kulturpreis seiner Geburtsstadt Würzburg ausgezeichnet und 2005 eine Straße im dortigen Ringpark nach ihm benannt.

In eindrucksvoller Weise wurden in Karlstadt Passagen aus dem stark autobiographisch geprägten Werk präsentiert – die ergreifende Geschichte des jungen Jerusalemer Archäologen Joel, der in einer Art Mission der Vergangenheitsbewältigung einen Sommer lang in seine noch weitgehend zerstörte Geburtsstadt „Weinburg“ (Würzburg) zurückkehrt.

In einem Traum begegnet Joel immer wieder seiner Jugendliebe Ruth, die im KZ ermordet wurde. Emotional hin- und hergerissen ist Joel einerseits von der Sehnsucht, die Schauplätze seiner Kindheit aufzusuchen, andererseits von dem Drang, an den während des Naziregimes für die Judendeportationen Verantwortlichen Rache zu üben.

Spannungsreich und an alternierenden Schauplätzen vermischen sich Wirklichkeit und Imagination und gelangen mithilfe einer anschaulichen und suggestiv-bildreichen Sprache am Ende zum Fazit: „Die Vergangenheit lässt sich nur bewältigen, indem man sie in die Gegenwart integriert“.

Jiddische Lieder

Musikalisch wurde die Lesung von jiddischen Liedern umrahmt, die Violinistin Maria Hussong und Georg Schirmer (Klavier und Gesang) darboten, bei denen Schwermut und Melancholie vorherrschten, aber der typische bissige Humor nicht zu kurz kam. Köstlich das vielsagende Lied von der „Frau Schmitt“, die bei allem mitmacht, was der Zeitgeist so hergibt und sich eines unbeschwerten Lebens freut – weitab jeglicher Gewissensbisse.

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