Lohr

Attacke an Lohrer Tankstelle: Jugendkammer sieht keinen Tötungsvorsatz

Am Ende war es Glück, dass ein 20-Jähriger sein Opfer beim Stichversuch mit einem Cuttermesser verfehlte. "Es hätte weitaus schlimmer ausgehen können", sagte der Vorsitzende Richter der Großen Jugendkammer am Landgericht Würzburg, Michael Schaller, in seiner Urteilsbegründung. Für die Attacke an einer Lohrer Tankstelle an Fasching 2019 verurteilte er ihn und seinen ein Jahr älteren Landsmann A. wegen gefährlicher Körperverletzung.

Während der mit zwei Wochen Jugendarrest und 120 Sozialstunden davonkommt und zudem ein Jahr Alkoholabstinenz nachweisen muss, verhängte das Gericht für K. eine Einheitsjugendstrafe von dreieinhalb Jahren verbunden mit einer Entziehungskur wegen seiner Alkoholsucht. Laut Gutachter trank K. nach seiner Flucht aus Afghanistan ohne seine Familie ab 2017 regelmäßig. Zunächst bis zu sechs Flaschen Bier am Tag, später auch Wodka.

Die Kammer sah es als erwiesen an, dass die beiden Angeklagten am Faschingsdienstag gegen 21.30 Uhr alkoholisiert zur Tankstelle kamen und dort Bierdosen kauften. Beim Verlassen seien sie aggressiv gewesen und hätten Leute angeschrien. Als sie ein 37-Jähriger aufforderte, ruhig zu sein und wegzugehen, eskalierte die Situation. Zunächst gab es verbale Scharmützel wie "Fuck you" oder "Verpisst euch", dann gingen die beiden auf den Mann los, zunächst nur mit Schlägen und Tritten.

Händereichen im Gericht

Als ihm ein Cuttermesser aus der Bauchtasche fiel, nahm dies K. an sich und schwang es in Richtung von Kopf und Hals des Opfers. »Der wollte mich abstechen«, war das Opfer im Zeugenstand überzeugt. Er habe Todesangst gehabt und nur durch das Einschreiten eines Passanten habe er überlebt. Letztlich kam er bei der Attacke glimpflich davon, erlitt eine Knieprellung und einen Bluterguss unter dem Auge. Im Gerichtssaal nahm er die Entschuldigung der beiden Angeklagten an und reichte ihnen die Hände.

Oberstaatsanwalt Boris Rauffeisen hatte für K. wegen der hohen Zahl an Vorstrafen eine Jugendstrafe von vier Jahren wegen versuchten Totschlages gefordert. "An dem Angeklagten prallt alles ab, was ihn abschrecken könnte", unterstrich er. Das bei der Tat gezeigte Aggressionspotenzial und die möglichen Folgen nannte er "erschreckend".

Verteidigerin Melanie Wirth sah keinen Tötungsvorsatz bei ihrem Mandanten. Sie sprach von einer "Hochgradig lebensgefährlichen Gewalthandlung". Die Situation habe sich auch durch die Provokationen des Opfers aufgeschaukelt, K. sei stark alkoholisiert gewesen – laut Gutachter hatte er zur Tatzeit bis zu 2,4 Promille – und habe das Messer nur "durch Zufall" an sich genommen und damit hantiert.

Zweifel am Vorsatz

Sie schlug deshalb eine Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung vor, wobei sie eine Jugendstrafe von einem Jahr und sechs Monaten nebst Entziehungskur für ausreichend hielt. Ihr Kollege Armin Wendel forderte für A. angesichts seiner positiven Sozialprognose – er hat die Mittlere Reife absolviert und ist gerade dabei, in Schweinfurt sein Abitur nachzuholen – 120 Sozialstunden, der Staatsanwalt forderte das Doppelte.

Dass K. nicht wie angeklagt auch wegen versuchten Totschlages verurteilt wurde, erklärte Richter Schaller mit Zweifeln an einem Vorsatz. Der Täter sei erheblich alkoholisiert gewesen, in einem affektiven Erregungszustand. Zudem habe es zweifelsohne auch "gewisse Provokationen" durch das Opfer gegeben. Entscheidend aber: Zwischen dem Aufheben des Messers und den sensenartigen Bewegungen in Richtung Hals und Kopf des Opfers seien nur wenige Sekunden vergangen. Für das Gericht zu wenig, um von einer bewussten Entscheidung ausgehen zu können, tatsächlich töten zu wollen.

Rauffeisen erklärte auf unsere Anfrage nach dem Urteil, auf Rechtsmittel zu verzichten.

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