Hafenlohr

Auf der Walz: Wandergesellen bauen "Bude" in Hafenlohr

Wer auf der Walz ist darf mit seiner Unterkunft nicht wählerisch sein. Und doch ist es schön, wenn es feste Anlaufstellen gibt – so wie in Hafenlohr.
Die Wandergesellen (von links) Georg Ludwig, Lukas Tonini und Leander Wiese haben zusammen mit Zimmerermeister Dominik Brönner in Hafenlohr eine Unterkunft für Wandergesellen gebaut. Foto: Lucia Lenzen

Platz ist in der kleinsten Hütte – könnte man denken, wenn man sieht, wer an dem kalten Wintermorgen alles aus dem rund zwölf Quadratmeter großen Holzwagen im Garten von Zimmerermeister Dominik Brönner kommt. Zu viert haben sie in der neuen "Bude" geschlafen. Sie, das sind die Wandergesellen Lukas Tonini aus der Pfalz, Georg Ludwig aus Schwaben, Leander Wiese aus Darmstadt sowie seine Freundin. Was sie mit ihrer Schlafstätte in Hafenlohr verbindet: Zusammen mit weiteren Wandergesellen haben sie den Wagen im vergangenen Jahr gemeinsam aufgebaut.

Der Begriff "Bude" ist dabei nicht abwertend gemeint, sondern im "Zimmermann-Sprech" das gängige Wort für eine feste Herberge, wo sich die Wandergesellen auch treffen können. Die Idee, solch eine Bude in Hafenlohr zu installieren, kam Dominik Brönner gemeinsam mit den Wandergesellen. Schon immer stehen bei dem Hafenlohrer Handwerker für Reisende auf der Walz die Türen offen. Vor allem die drei Kinder im Haus fänden das super. Und sie kriegten einiges mit aus der Welt, schließlich kämen die Leute viel rum.

Ein alter Miststreuer als Unterbau

"Bevor es die Bude gab, haben die Wandergesellen bei uns im Haus im Dachboden geschlafen", erzählt Brönner. Dann kam die Idee, dass sich die Gesellen, sozusagen in Eigenregie, eine Unterkunft bauen. Den Unterbau stellt ein alter Miststreuer, den Dominik Brönner im Mai 2019 kaufte. Um den Aufbau kümmerten sich dann die Gesellen. "Wir sind zu den Betrieben in der Region gegangen und haben nach Resten und Materialspenden gefragt", erzählt Lukas Tonini. 

Keinen Rucksack, sondern ein mit Tüchern kompakt zusammengeschnürtes Bündel ist das Gepäckstück des Wandergesellen. Foto: Lucia Lenzen

"Die Materialbeschaffung war das Zeitaufwendigste", erklärt Leander Wiese. Und das Entscheidende, denn was entstehen kann, war abhängig davon, was rein kommt. "Vom Sägewerk haben wir zum Beispiel Reste von Furnierstämmen bekommen", sagt Lukas Tonini. Damit möchte der Schreinergeselle  noch einiges im Innenraum der Bude verkleiden. Sind die Betriebe spendierfreudig? Schon, beschreiben die Gesellen. Schließlich profitierten sie auch von den Handwerkern auf der Walz.  

Wie viele von denen im Landkreis Main-Spessart unterwegs sind? Das Landratsamt Main-Spessart zahlt jedem Wandergeselle eine Reiseunterstützung von zehn Euro aus den Verfügungsmitteln des Landrates. Die Zahl derer, die sich das Geld in den letzten Jahren abgeholt haben, schwankt: Kamen in den Jahren 2016 bis 2018 recht konstant elf bis 21 Wandergesellen in Karlstadt vorbei, war es 2019 nur einer. Das scheint aber eine Ausnahme zu sein, denn zumindest im Zimmerer-Handwerk nimmt die Zahl der Gesellen auf der Walz zu, bestätigt Volker Schäfer, Obermeister bei der Zimmerer-Innung Main-Spessart. Das würde von Verbandsseite bestätigt. Und gebrauchen können die Betriebe die jungen Leute im Prinzip auch, denn es werden nach wie vor händeringend Leute gesucht. Allerdings kommt es immer darauf an: Schlagen die Gesellen zum richtigen Zeitpunkt auf? Passt es gerade? 

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In Hafenlohr passte es. Und ab November 2019 ging es flott voran mit den Aufbauarbeiten. Die Bude bekam eine zehn Zentimeter dicke Dämmung, zwei Fenster, eine Altbautür aus dem Jahr 1942 und sogar ein Parkett im Fischgrätenmuster. Der Budenbau hatte sich rumgesprochen und zog Helfer nach Hafenlohr. "Für uns sind solche eigenen Buden auch Rückzugsräume. Wo man die Kluft auch mal ausziehen kann, Ruhe findet, wenn man mal kränkelt", beschreibt Leander Wiese.

Wie solche Buden aussehen, sei immer unterschiedlich. "In Leipzig zum Beispiel ist das ein richtiges Haus mit Badezimmer, Küche, Fernsehen", erzählt Leander. An der tschechischen  Grenze hingegen würden gerade Buden in Form von Baumhäusern geplant. Manchmal erwischt man es auf der Walz aber auch nicht so gut und der Schlafplatz wird abenteuerlich. "Ich habe zum Beispiel mal im Winter in München auf einem Gerüst geschlafen", erzählt Lukas Tonini. 

Die Hafenlohrer Bude bietet gut sechs Leuten Platz zum Schlafen

Die Hafenlohrer Bude bietet mit ihren 5 auf 2,40 Metern gut sechs Leuten Platz zum Schlafen, schätzen die Wandergesellen. Noch wird an der Inneneinrichtung weiter gewerkelt. Was schon steht, sind drei feste Schlafplätze: ein Doppelbett, darüber ein Einzelbett. Lukas Tonini schläft während seiner Wanderschaft meist in der Hängematte, die er quer durch den Raum gespannt hat. Er tüftelt noch an einer Küche. Schön wäre auch eine Bank, die zum Bett ausgeklappt werden kann. Das Schöne sei, dass man sich bei solchen Projekte auch mal verwirklichen oder ausprobieren könne, ganz ohne Zwang beschreiben die Handwerker. 

Gehört oft zur Ausrüstung dazu: Der Stenz, der typische Wanderstab der Wandergesellen. Der Stenz erhält seine charakteristische Form dadurch, dass er von einer Schlingpflanze, zum Beispiel Geißblatt oder Knöterich, während des Wachstums umschlungen und so geformt wird. Foto: Lucia Lenzen

Wie die Wanderer unterwegs von potentiellen neuen Unterkünften erfahren? Schließlich sind Handys auf der Walz tabu. "Die meiste Kommunikation bei uns läuft über Buschfunk", erzählt Georg Ludwig. Sprich über das Weitersagen. Es gibt auch schwarze Bretter an den Unterkünften, wo man sich austauschen kann. Willkommen sind in der Bude alle Vereinigungen von Handwerkern, egal ob Keramiker, Maurer, Steinmetze, Zimmerer oder Schreiner. Vor allem Bierbrauer sind besonders gerne gesehen. Nicht entscheidend beim Zusammenwohnen ist, welcher Vereinigung die Wandergesellen angehören. 

Wie lange die Wandergesellen in der Bude bleiben? Das kann von ein paar Tagen bis zu einem halben Jahr dauern, erzählen sie. Aber: "Wenn der Postbote dich duzt, der Hund aufhört zu bellen, dann solltest du gehen."

Konzept und Kriterien der Wanderschaft:
Wer auf die Walz gehen will, muss unter 30 Jahre und ledig sein und den Gesellenbrief in der Tasche haben. Er darf keine Kinder, keine Vorstrafen und keine Ehrenschulden haben.   
Nachdem die Ausbildung vorbei ist, geht es los. Der Zufall entscheidet, wohin die Reise geht. Kost und Logis wird sich erarbeitet. Bezahlt wird mit Arbeitskraft. Der Reisende darf dabei einen Bannkreis von meist 50 Kilometer um seinen Heimatort nicht betreten, auch nicht im Winter oder zu Feiertagen. Er darf kein eigenes Fahrzeug besitzen und bewegt sich nur zu Fuß oder per Anhalter fort.
Auch das Reisegepäck des Wandergesellen entspricht dem Credo, dass sich die jungen Handwerker auferlegt haben: Möglichst minimalistisch leben und arbeiten. In dem, aus Tüchern fest zusammengeschnürten Sack stecken das Gesellenbuch, Werkzeug, Wechselwäsche und ein paar persönliche Habseligkeiten. Handy und Laptop sind tabu.
Schätzungen zufolge sind derzeit rund 800 Wandergesellen aus Deutschland unterwegs. Dabei kommen die Reisenden aus den unterschiedlichsten Gewerken. Einen großen Anteil stellen dabei die Zimmerleute, da sich die Tradition der Wanderschaft bei diesen am besten und längsten erhalten hat.
Die Wanderschaft darf nur aufgrund zwingender Gründe und im Einvernehmen mit dem zuständigen Schacht abgebrochen werden. Etwa bei einer schweren Krankheit. Andernfalls wäre eine Unterbrechung „unehrbar“, das Wanderbuch würde eingezogen und die Kluft „an den Nagel gehängt“.

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