MITTELSINN

„Ausnahmezustand“ im Christbaumdorf Mittelsinn

Die 27-jährige Saskia Blümel aus Moisburg in Niedersachsen ist noch ein Jahr Deutsche Weihnachtsbaumkönigin. Foto: Ivana Biscan

Ob jemals eine königliche Hoheit Mittelsinn besucht hat, ist nicht überliefert. Am Mittwoch indes war es so weit. Saskia Blümel, die Deutsche Weihnachtsbaumkönigin, kam in den nördlichsten Winkel des Landkreises Main-Spessart. Die 27-Jährige aus einem Dorf kurz vor Hamburg informierte vor Fernsehkameras, Reportern und rund 140 Gästen inmitten der Christbaumkulturen des Sinngrundes über die Tradition und den Lichterbaum an sich, sägte mit Landrat Thomas Schiebel den ersten Baum um und fand lobende Worte für Mittelsinn.

Christbaumdorf als Marke

Das kleine Dorf nennt sich selbstbewusst seit Kurzem Christbaumdorf und versucht, mit diesem Markennamen in Zeiten der Landflucht zu bestehen und einen Aufschwung zu nehmen. Ein „Dorf im Ausnahmezustand“, wie es heißt, das im Dezember mit gleich zwei Adventsmarkt-Wochenenden für sich und den Sinngrund werben will.

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Christbaumdorf Mittelsinn

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Der Anlass für den Besuch der Weihnachtsbaumkönigin, des Landrats und der Bürgermeister des Sinngrundes und Gemündens war die Eröffnung der Christbaumsaison. Wobei der unverzichtbare Schmuck vieler Wohnzimmer tatsächlich seit Wochen schon lastwagenweise abtransportiert wird.

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Weihnachtsbaumkönigin Saskia Blümel eröffnet die Saison - Weihnachtsbaumkönigin Saskia Blümel aus dem niedersächsischen Moisburg eröffnet in Mittelsinn die Weihnachtsbaum-Saison.

Ökumenische Christbäume

Den Segen spendeten dazu der evangelische Pfarrer Gunnar Zwing und der katholische Diakon Walter Konrad – das gemischtkonfessionelle Mittelsinn rühmt sich nicht nur, das Christbaumdorf zu sein, sondern es kann darauf verweisen, sozusagen ökumenische Bäume zum großen Fest der Christenheit zu liefern. Die ersten Bäume wurden der SOS-Dorfgemeinschaft Hohenroth und den Kreisaltenheimen gestiftet.

Weihnachtsbäume – im Süden Deutschlands sagt man eher Christbäume – liefern die Spessartwälder im bayerischen Tal des Flüsschens Sinn von Gemünden am Main bis Aura im Sinngrund und Obersinn seit jeher. Sie wurden und werden von den Christbaumbauern auf den Märkten in den hessischen und nordbayerischen Großstädten angeboten.

Die mit aktuell 849 Einwohnern kleinste der 40 selbstständigen Gemeinden des Landkreises Main-Spessart ist im Christbaumanbau die größte. 30 Bauern, die meisten im Nebenerwerb, bewirtschaften etwa 250 Hektar und liefern etwa 150 000 Bäume im Jahr aus. Im Sinngrund insgesamt seien es über 400 Hektar, sagt Uwe Klug, der Vorsitzende von Christbaumdorf e. V., der auch Mitglied des Bundesvorstands der Deutschen Weihnachtsbaum- und Schnittgrünerzeuger ist: „Der Sinngrund ist eines der größten Anbaugebiete Süddeutschlands.“

Wichtiger Wirtschaftszweig

Die Bäume sind zu einem wichtigen Wirtschaftszweig der strukturschwachen Gegend geworden, die der Bevölkerungsschwund besonders stark trifft. Noch ist das Dorf intakt; es gibt einen Bäcker, einen Metzger, einen Bahnhof, eine Poststelle, sogar zwei Gaststätten und einen Kindergarten. Arbeitgeber sind unter anderem eine Bauunternehmung und ein Autohaus; eine Handvoll landwirtschaftlicher Betriebe gibt es. Die meisten Einwohner müssen pendeln. Ohne die Christbäume wären es mehr Pendler und vermutlich noch weniger Einwohner.

Vom Zubrot der Bauern zur echten Einnahmequelle hat sich der Christbaumanbau seit den 1980er Jahren entwickelt.

Der „Vater der Christbäume“

Nicht zuletzt die Einflussnahme von Eberhard Sinner (Lohr), des früheren Forstdirektors des Staatlichen Forstamts Gemünden und späteren Landtagsabgeordneten und Staatsministers, führte dazu. Zur Feier der Saisoneröffnung war er als Ehrengast geladen. Der 72-Jährige ging in seinem Grußwort kurz auf das Spannungsfeld ein, dass die Christbaumkulturen längst nicht allen Bewohnern im Sinngrund gefallen.

Sinner, von Uwe Klug als „Vater der Christbäume“ begrüßt, warb für Regionalität, damit „wir nicht mehr auf Fernsttransporte angewiesen sind“, und sagte: „Ich find's toll, dass es ein Christbaumdorf Mittelsinn gibt.“ Erstmals lässt sich den mageren Böden und schwierigen Hanglagen ein gutes Auskommen abringen. Auch Uwe Klug, dessen Eltern noch Milchvieh hatten, ist froh, dass die Familie komplett auf Christbäume und Schnittgrün umgestellt hat.

Der Inbegiff von Weihnachten

Möglicherweise gaben Diskussionen um eine „Verchristbaumung“ einen Anstoß zur Christbaumdorf-Initiative. Simone Engelhaupt, Schriftführerin im Verein, bekannte bei der Saisoneröffnung: „In Würzburg wächst der Wein, die Würzburger sind auch wahnsinnig stolz auf ihre guten Weine; in der Hallertau wächst der Hopfen (...) Auf unseren Böden wachsen weder Wein noch Hopfen, aber dafür Christbäume. Und ich finde, darauf können wir alle zu Recht stolz sein! Schließlich liefern wir den Menschen den Inbegriff von Weihnachten.“

Im August dieses Jahres haben Engelhaupt, Klug und 31 andere den Verein gegründet, der binnen Kurzem auf über 100 Mitglieder, auch aus Nachbarorten, gewachsen ist. Der Name Christbaumdorf (www.christbaumdorf.de) ist einzig in Deutschland. Der Verein versteht sich nicht als Marketingverein für Christbäume, nur drei der zehn Vorstandsmitglieder sind Christbaumbauern. Wie der stellvertretende Vorsitzende Ulrich Sachs am Mittwoch erläuterte, stehe der Verein für die Traditionen des Sinngrundes und alle regionalen Produkte. In Planung befinde sich ein Lehrpfad, bei Besichtigungstouren in die Kulturen soll über die ganzjährige Arbeit der Christbaumbauern informiert werden.

Zwei Adventsmarkt-Wochenenden

An den Wochenenden 10./11. und 17./18. Dezember jeweils ab 11.30 Uhr organisiert der Verein große Adventsmärkte im ganzen Dorf. Über 20 Höfe werden öffnen und mit mehr als 40 Ständlern in Buden regionale Erzeugnisse anbieten. Das Beiprogramm sieht Kutsch- und Traktorfahrten, Bogenschießen, einen Weihnachtsexpress zum Bergsee mit dem Nikolaus und anderes mehr vor. Ein Milchviehhalter bietet seine frischen Produkte an, ein Riesen-Smoker wird im Dorf stehen.

Als weitere Attraktion präsentiert die Kleinbrauerei Goikel-Bräu ein Bockbier mit Namen „Rudolf the Red-Nosed Rennbier“ sowie Stachel-Bier (glühende Stahlstäbe erzeugen etwas Karamell im Bierkrug). Natürlich können sich Familien auch einen Christbaum kaufen, können ihn auf Wunsch selbst schlagen oder einnetzen.

Gemeinschaftsgeist

Über die Aufbruchstimmung und den Gemeinschaftsgeist im Christbaumdorf freut sich auch Bürgermeister Peter Paul. Er hatte 2010 die Losung ausgegeben: „Das Dorf, das Gemeinschaft lebt.“ Woher das Christkind kommt, ist unklar. Dafür weiß man, spätestens nach den Adventsmärkten, woher der Christbaum stammt: nicht selten aus dem Sinngrund.

Christbaumanbau

Deutschland ist das wichtigste Abnehmerland für Naturweihnachtsbäume. Nach Angaben des Bundesverbandes der Weihnachtsbaum- und Schnittgrünerzeuger (BWS) gehen von 60 Millionen in ganz Europa benötigten Bäumen 23 bis 25 Millionen in deutsche Haushalte. Trotz der großen Anbauflächen in Deutschland – vor allem im Sauerland – liegt der Selbstversorgungsgrad bei nur 85 Prozent, 15 Prozent der Bäume werden importiert.

Der Jahresumsatz mit Bäumen und Schnittgrün beträgt nach Verbandsangaben 450 Millionen Euro. Nimmt man den vielfältigen Weihnachtsschmuck hinzu, geht er in die Milliarden.

62 Prozent der deutschen Haushalte haben zu Weihnachten einen Baum in der Stube; 20,2 Millionen Haushalte besorgen sich Naturbäume. Die beliebteste Baumart ist mit 72 Prozent die Nordmann-Tanne, gefolgt von der Blaufichte mit 13 Prozent und sonstigen Fichten mit neun Prozent. 29 Prozent der Christbäume werden in der jeweiligen Region verkauft, 33,6 Prozent der Haushalte holen ihren Baum direkt ab Hof. Die Christbaumbauern sind ganzjährig beschäftigt. Bis zur Ernte vergehen bis zu zwölf Jahre.

Der bayerische Sinngrund von Gemünden bis Aura i. S. und bis Obersinn ist heute mit über 400 Hektar Anbaufläche eines der größten Christbaumgebiete Süddeutschlands. Mit etwa 250 Hektar Anbaufläche ist Mittelsinn (die Gemarkung hat etwa 1400 Hektar) der Hauptort der Christbaumerzeugung im Sinngrund. Schätzungsweise 150 000 Bäume liefern die 30 Mittelsinner Christbaumbauern im Jahr. Die Pflege, Ernte und Vermarktung in den Familienbetrieben mit Unterstützung durch fest angestellte und Saisonarbeitskräfte entspricht nach Angaben des Vereins Christbaumdorf in etwa 100 Vollarbeitsplätzen. lies

 
Sogar ein Zigarettenautomat wirbt für Mittelsinn, das Christbaumdorf. Foto: Uwe Klug
Das Logo des Vereins Christbaumdorf. Foto: Chistbaumdorf e. V.
Die Vorstandschaft des Christbaumdorf e. V. mit (von links) Stellvertretender Vorsitzender Ulrich Sachs, Schriftführerin Simone Engelhaupt, Vorsitzender Uwe Klug und Kassier Philipp Kuhn. Beisitzer sind Astrid Brust, Georg Heberer, Ingo Blum und Ernst Wolf sowie zwei Beigeordnete des Gemeinderats Mittelsinn. Foto: Jürgen gabel
Mit 250 Hektar Anbaufläche ist das Spessartdorf Mittelsinn der Hauptort der Christbaumerzeugung im bayerischen Sinngrund.
Die Deutsche Weihnachtsbaumkönigin Saskia Blümel, Main-Spessart-Landrat Thomas Schiebel (Mitte) und Uwe Klug, Vorsitzender des Vereins Christbaumdorf, fällten den symbolischen ersten Baum der diesjährigen Christbaumsaison. Foto: Jürgen Gabel
Prototypen von Weihnachtsgebäck mit dem Christbaumdorf-Logo und dem Mittelsinner Gemeindewappen. Foto: Fotos (2): Fillies

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