Gemünden

Ausstellung zeigt, wie sich Gemünden in 120 Jahren verändert hat

Im Kulturhaus zeigt der Historische Verein eine Ausstellung historischer Fotografien. Wer wissen will, wie sich Gemünden in 120 Jahren verändert hat, sollte sie ansehen.
Älteste Aufnahme: Idyllisches Gemünden im Jahr 1899. Foto: Historischer Verein Gemünden

Die Ausstellung "Gemünden im Laufe der Zeit", eine Sammlung alter Fotografien mit Ansichten der Dreiflüssestadt, ist derzeit im Kulturhaus zu sehen.  Die 120 Bilder stammen zum großen Teil aus dem reichhaltigen Fundus des Historischen Vereins. Zusammengestellt wurde die Auswahl von der Vorsitzenden Lotte Bayer und Kreisheimatpfleger und -archivar Bruno Schneider.  

Eine der ältesten Fotografien ist erstaunlich scharf und zeigt interessante Details. Das Original befindet sich in der Zeitgeschichtlichen Sammlung des Stadtarchivs Würzburg und stammt wohl aus dem Jahr 1899. Schneider begründet die Datierung damit, dass sich auf dem Bild die Werkstatt der Schreinerei Bayer auf dem von Theodor Bayer 1898 erworbenen Anwesen gerade im Bau befindet und das im Jahr 1900 erbaute Schlachthaus auf der Saalebrücke noch nicht zu sehen ist.

Der Geistliche im Vordergrund dürfte Stadtpfarrer Josef Wagner sein, der nach 30-jähriger Amtszeit 1902 verstarb. Dahinter teilt eine Insel die Saale in zwei Arme. Auf der Wiese "Unter der Linde" haben die Gemündener Hausfrauen ihre Wäsche zum Bleichen ausgelegt, bewacht von einem kleinen Mädchen, das die Gänse und Enten fernhielt, damit diese die saubere Wäsche nicht mit ihren Hinterlassenschaften verschmutzen.

Die harmonische Ansicht des mittelalterlichen Städtchens dominiert – und stört auch etwas -  das 1844/45 im Stil der Zeit erbaute Gefängnis des Landgerichts rechts im Bild, im Volksmund "es Mouschele" genannt. Es wurde 1945 von den Amerikanern gesprengt, um Platz für die Umgehung der Altstadt zu schaffen. Im Hintergrund ist rund um die Scherenburg in den Lagen "Unter der Burg", "Hinter der Burg" und "Ober der Burg" der Weinbau noch in vollem Gang. Zwanzig Gebäude auf dem Foto sind namentlich zugeordnet.

Als Wäschweiber die Wäsche wuschen

Blick von der Scherenburg im Jahr 1934. Foto: Historischer Verein Gemünden

Ein weiteres Foto mit der heute als Park- und Festplatz dienenden großen Lindenwiese und der Altstadt zeigt ein Blick von der Scherenburg im Jahr 1934. Zu dieser Aufnahme, wie zu vielen historischen Bildern und Begebenheiten, hat Bruno Schneider seinen heute 97 Jahre alten Schwiegervater und Urgemündener Ferdinand Herrbach befragt:

"Namensgebend für die Wiese waren drei große Linden, die oberhalb vom Wäscheplatz an der Brücke standen, dort, wo der "Housemoo" (der Fischer Josef Hartmann) seine Scheune hatte. Im Hintergrund sind vor der Saale Weidenbüsche zu sehen, die der Nahms Hans für seine Körbe und Reusen brauchte. Die Ruten wurden bodennah abgeschnitten. Als Buben schnitten wir uns gern lange Ruten für unsere Angeln ab, was aber der Nahms Hans und die Fischer gar nicht gern sahen. Zwischen Mühlgraben und Schlachthaus gab es weitere Wäscheplätze. Und an der Sinnmündung stand eine Hütte mit einem großen Tisch. Die "Wäschweiber", wie zum Beispiel die vom Hotel Koppen, wuschen die Wäsche zuerst im Haus und brachten sie dann zum "Lüen" an die Sinn. Dort wurden im klaren Wasser die Seifenreste ausgewaschen. Auf dem Tisch wurden die Stoffe nach dem Trocknen zusammengelegt, mit einem roten Band zusammengebunden und in den Waschkorb gelegt."

Schutzhafen im Bau

Weiter sieht man auf dem Foto den im Bau befindlichen Schutzhafen und in Kleingemünden das heute noch existierende Gasthaus "Zur Linde". Es hat seinen Namen ebenfalls von den Linden, die dort standen. Zum Mühlgraben, dem Nebenarm der Saale, weiß Ferdinand Herrbach noch ein interessantes Detail: "Da gab es am Ufer eine Einfahrt für die Fuhrleute. Sie fuhren dort mit ihren Gespannen und Leiterwägen hinein, um das Holz nass zu machen. Durch das quellende Holz wurden die Räder stabiler und die Eisenreifen hielten besser."

Die Zerstörung ist noch allgegenwärtig: Gemünden im April 1948. Foto: Historischer Verein Gemünden

Lotte Bayer ist sehr froh über die Ausstellung mit den Bildern, die Gemünden als idyllische, typisch fränkische Kleinstadt zeigen. Mit dieser Idylle war es spätestens am Ende des zweiten Weltkriegs vorbei. Die Eisenbahnerstadt war wegen ihrer verkehrstechnisch bedeutenden Lage mit dem Knotenbahnhof mehrmals Ziel alliierter Luftangriffe und von Granatenbeschuss. Sie gilt als eine der im Krieg am meisten zerstörten Kleinstädte in Bayern, die historische Bausubstanz ging unwiederbringlich verloren.

Die zu zwei Drittel ausgebrannten und eingefallenen Gebäude sind ebenfalls im Bild zu sehen und vermitteln den Besuchern einen Eindruck von den gewaltigen Auswirkungen des Krieges, der in Gemünden nicht nur die Altstadt zerstörte, sondern auch viele Menschenleben kostete.  

Dokument der Zerstörung Gemündens

"Deshalb sehe ich die Aufnahmen als sehr wertvoll an, vor allem für die jüngeren Generationen, die keinen direkten Bezug mehr zu Krieg, Leid, Zerstörung und Verfolgung haben. Vor diesem Hintergrund ist die Leistung der Gemündener Bürger äußerst bemerkenswert, die ihre zerstörte Stadt mit viel Gemeinsinn und Energie wiederaufgebaut haben, was in der Ausstellung ebenfalls dokumentiert ist", sagt Lotte Bayer.

Die Stadt Gemünden wird im kommenden Frühjahr mit Gedenkfeiern, Veranstaltungen und Präsentationen an den 75. Jahrestag ihrer Zerstörung erinnern, an das wohl furchtbarste Ereignis ihrer langen Stadtgeschichte.

Die Ausstellung "Gemünden im Laufe der Zeit" ist noch bis zum 19. November zu den üblichen Öffnungszeiten im Kulturhaus zu sehen.

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