Lohr

Bahnverkehr in Main-Spessart: Verärgerung statt neuer Fakten im Stadtrat

Rollen irgendwann wieder Personenzüge zum Lohrer Stadtbahnhof? Foto: Johannes Ungemach

Könnten künftig Fernzüge auf einer Nordumfahrung an Lohr vorbei durch den Spessart rollen und umgekehrt Regionalzüge mitten hinein in die Stadt zu einem reaktivierten Stadtbahnhof? Zu dieser Frage sollte es in der Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses des Stadtrates am Dienstagabend umfangreiche Informationen geben. Doch es kam anders.

Zwar ging es eineinhalb Stunden lang tatsächlich um aktuell diskutierte Entwicklungen des Bahnverkehrs in der Region. Am Ende lag jedoch so gut wie keine neue Information auf dem Tisch. Stattdessen empörten sich einige Räte über den Tonfall des Gastredners Christian Behrendt.

Schon dessen Einführung in die Runde war kurios: Der für die Gestaltung der Tagesordnung zuständige Bürgermeister Mario Paul fragte den Gast zu Beginn, für wen er nun eigentlich spreche. Behrendt erklärte, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Bahndreieck Spessart zu sein. Dies ist eine ehrenamtliche Initiative, die sich seit Jahren mit der Frage beschäftigt, wie der Bahnverkehr in der Region entwickelt werden könnte. Er selbst, so Behrendt, besitze kein Auto und fahre seit Jahrzehnten vor allem Bus und Bahn.

Dass er tief in der Materie steckt, bewies sein Vortrag. Behrendt beleuchtete unter anderem den Deutschlandtakt. Dieser visionäre Zielfahrplan gilt mit seinen Vorgaben zur Taktung und Vernetzung des Bahnverkehrs als Grundlage für Bauprojekte im Schienennetz.

Der Trasse Frankfurt-Aschaffenburg-Lohr-Würzburg komme dabei künftig deutlich größere Bedeutung zu, so Behrendt. Derzeit sei die Strecke stark ausgelastet. Um ihre Kapazität und die Qualität der Verbindungen zu steigern, sei ein Ausbau nötig. Eine Idee dazu existiert schon länger: die Nordumfahrung Lohr. Sie würde Fern- und Güterzüge in Tunnels an Lohr vorbeiführen. Die Realisierung dieser Nordumfahrung wird nach Behrendts Einschätzung "keine 20 Jahre mehr dauern".

Mit überschaubarem Aufwand könnte seiner Meinung nach auch der Lohrer Stadtbahnhof reaktiviert werden. Hier müsse man nur ein bisschen was am Bahnsteig machen und ein "paar Strippen drüberziehen", sagte Behrendt zur erforderlichen Elektrifizierung der Trasse.

Er riet den Stadträten, die Idee unbedingt weiter zu verfolgen. Die als Kriterium geltende Zahl von 1000 Fahrgästen pro Tag bezeichnete Behrendt als "Unfug", gleichwohl sei sie am Stadtbahnhof leicht zu erreichen, so seine Meinung. Die Aussicht auf im Halbstundentakt vom Stadtbahnhof nach Würzburg fahrende Züge sei für Lohr eine große Chance, so Behrendt.

Von den Räten zeigte sich Bärbel Imhof (Grüne) begeistert von diesen Aussagen. Es gebe in Lohr die "bundesweit einmalige Situation", dass man mit der Reaktivierung einer nur kurzen Strecke ein großes Potenzial heben könne.

Ulla Menzel (CSU) erinnerte daran, dass den Stadträten vor einigen Wochen von einem Experten des Ministeriums noch ein deutlich höherer Aufwand für die Reaktivierung des Stadtbahnhofs genannt worden sei. Eric Schürr (Bürgerverein) forderte, lieber in den Ausbau des Busverkehrs in Lohr zu investieren und den bestehenden Bahnhof besser anzubinden. Das sagte auch Brigitte Riedmann (Freie Wähler). Sie sprach davon, dass bei Bahnprojekten "Millionen verbuddelt und Landschaft zerstört wird, wegen ein paar Minuten" Zeitersparnis. Gleichzeitig vergammelten die Bahnhöfe.

Behrendt wies den Widerspruch zu seiner Euphorie recht barsch zurück. Er redete sich beinahe in Rage und erklärte, dass den betreffenden Räten wohl "das gewisse Verständnis" fehle. Dieser Ton sorgte für Empörung: "Sie brauchen mir nicht zu unterstellen, dass ich nicht begriffen hätte, worum es geht", protestierte Menzel. Riedmann attestierte Behrendt "oberlehrerhafte Belehrungen am Rande der Beleidigung".

Als Bürgermeister Mario Paul versuchte, die Situation mit dem Hinweis zu deeskalieren, dass Behrendt doch ein "ausgewiesener Fachmann" sei, sagte Riedmann: "Deswegen sind wir keine Deppen."

Paul appellierte schließlich, die angedachte Reaktivierung des Stadtbahnhofs nicht von vorneherein zu verdammen. Er könne einerseits die Skepsis nachvollziehen, spüre andererseits aber auch "ganz viel Rückenwind" für das Vorhaben. Man müsse nun einfach abwarten, was die Fahrgastprognose und die Machbarkeitsstudie ergeben. Beides haben Stadtrat und Kreistag mit entsprechenden Beschlüssen bereits angeleiert. Erst danach könne man erkennen, so Paul, ob die Reaktivierung des Stadtbahnhofs sinnvoll und finanzierbar sei.

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