WIESENFELD

Bekannteste US-Sexaufklärerin stammt aus Franken

Zwei Generationen treffen sich: Main-Post-Mitarbeiter Felix Hain sprach auf der Frankfurter Buchmesse mit Dr. Ruth Westheimer.
Zwei Generationen treffen sich: Main-Post-Mitarbeiter Felix Hain sprach auf der Frankfurter Buchmesse mit Dr. Ruth Westheimer. Foto: Felix Hain

Hinter Dr. Ruth oder Dr. Sex, wie sie in den USA genannt wird, verbirgt sich Dr. Ruth Westheimer, Professorin für Soziologie und Psychologie an den Universitäten Yale und Columbia und „weltbekannte, prominente deutsch-amerikanische Sexualtherapeutin und Sachbuchautorin“, heißt es im Internet-Lexikon Wikipedia.

Wer googelt, findet mehr Einträge über sie als zu Günther Beckstein und Karl-Theodor zu Guttenberg zusammen. Dieser „Super-Promi“, eine Weltberühmtheit und wurde in Wiesenfeld bei Karlstadt geboren.

Ruth Westheimer ist mit ihren 81 Jahren eine faszinierende, quirlige und lebenslustige Frau, deren Energie sich auf 1,40 Meter Körpergröße verteilen. „Kommen wir gleich zur Sache“, sagt sie bei einem Treffen – mit einem unwiderstehlich verschmitzten Lächeln, gepaart mit Urfrankfurter Schlappmaul, reinstes Hessisch. Mit 81 ist sie so fit wie eine Dreißigjährige. „Das Wasserskifahren musste ich letzten Winter aufgeben. Das geht dann doch nicht mehr“, erzählt sie.

Ruth Westheimer fühlt sich als „citizen of the world“, Weltbürger und amerikanische Staatsbürgerin mit deutsch-jüdischer Abstammung. Als sie am 4. Juni 1928 als Karola Ruth Siegel auf die Welt kommt, ist ihre Mutter zufällig bei ihren Eltern in der Eckartshofer-Straße 7 in Wiesenfeld. Dort bleibt sie nach der Geburt einige Monate. Ruths Vater kommt jedes Wochenende aus Frankfurt nach Wiesenfeld. Danach zieht die ganze Familie wieder zurück nach Frankfurt, wo Ruth aufwächst.

Ihre Sommerferien verbrachte sie immer auf dem Bauernhof der Großeltern Hanauer in Wiesenfeld. „Ich wurde da immer sehr verwöhnt, weil ich das einzige Enkelkind war“, erinnert sich Frau Westheimer und blüht richtig auf: „Ich habe noch herrliche Erinnerungen an Wiesenfeld. Ich weiß noch, wie ich die Gänse freigelassen habe und die dann durchs ganze Dorf gerannt sind. Hinterher mussten wir sie alle wieder einsammeln.“

Die Stationen ihres Lebens sind beeindruckend und von der Hand des Schicksals gelenkt zugleich. Mit dem Kindertransport in ein Schweizer Waisenhaus, dann nach Palästina, wo sie im Kibbuz arbeitete und im Krieg eingesetzt wurde. „Ich kann immer noch Handgranaten werfen.“ 1948 wurde sie bei einem Bombenabwurf verletzt. In Paris studierte sie Psychologie an der Sorbonne und heiratete ihren ersten Mann. 1956 emigrierte sie allein in die USA, wo sie 1961 Manfred Westheimer heiratete. An der Columbia Universität von New York promovierte sie im Fach Soziologie. Sie zog zwei Kinder groß. Danach erlebte sie in der wahrscheinlich prüdesten Nation der Welt einen kometenhaften Aufstieg zum Radio- und Fernsehstar mit ihren Sendungen über sexuelle Aufklärung.

Seit ungefähr 25 Jahren kommt sie jährlich zur Frankfurter Buchmesse – keinesfalls „nur aus Business“, wie sie sagt, sondern wegen der Atmosphäre, den Menschen und nicht zuletzt, weil Frankfurt ihre Heimatstadt ist. Ihre Bücher sind gefragt, nicht nur in den Vereinigten Staaten. Ihre Einstellung zu den Deutschen formuliert sie so: „Ich habe kein Problem mit jüngeren Menschen. Bei älteren Menschen frage ich nicht nach, wo und in welcher Funktion sie während des Dritten Reiches waren.“

Über die Emigranten sagt sie: „Jeder hat das nach seiner Façon gehandhabt. Vielen fiel es schwer, Fuß zu fassen in der amerikanischen Kultur und Sprache. Andere haben nie wieder ein Wort Deutsch gesprochen und ihre Wurzeln verdrängt.“ Sie selbst besucht jedes Jahr die Gräber der Eltern ihres verstorbenen Mannes in Frankfurt. Auch in Wiesenfeld war sie vor einiger Zeit – allerdings mehr oder weniger inkognito.

Auf die Frage, wie sie denn mit all dem Leid ihrer Kindheit zurecht gekommen ist und es geschafft hat, ihre persönliche Geschichte nicht als Grundlage eines Hasses auf Deutschland zu nehmen, antwortet sie: Hitler habe nicht gewollt, dass sie, die kleine Karola Rut Siegel aus Wiesenfeld es so weit bringt. Damit habe sie es ihm heimgezahlt.

Sie ist allerdings äußerst besorgt wegen der extrem aufkommenden Nationalgefühle in ihrem Geburtsland. „Es macht mir Angst wenn ich von Neonazis höre.“ Einen „Stolperstein“ vor ihrem Geburtshaus will sie nicht. „Es macht keinen Sinn, dass auf den Namen wieder und wieder herumgetreten wird.“ Und grinsend fügt sie hinzu: „Über eine kleine Tafel würde ich mich natürlich freuen.“

Sie greift ihren Gedanken vom Anfang wieder auf: „Wenn wir uns alle als ,citizens of the world‘ fühlten, als Kinder, die in der Welt zu Hause sind, dann wäre vieles einfacher, und viel Leid könnte vermieden werden.“

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