Lohr

Chancen, aber keine »Schmerz-Waschmaschine«

Wolfgang Mederer Foto: Henrietta Hartl

Das Thema erwies sich als Besuchermagnet: »Chronische Schmerzen als ständiger Begleiter – was tun?« Über 100 Besucher drängten sich im Speisesaal des Klinikums Main-Spessart in Lohr, um Wolfgang Mederers Ratschläge hierzu zu hören. Mederer ist Oberarzt für Anästhesie am Klinikum Main-Spessart und Schmerztherapeut und betreut seit Anfang des Jahres eine stationäre Schmerztherapie am Klinikum. Seine Zahlen bestätigten, dass chronische Schmerzen viele Menschen beinträchtigen: In Deutschland leiden laut einer Studie von 2015 über 23 Millionen Menschen an ständigen oder häufig auftretenden Schmerzen.

Schmerz habe zunächst eine überlebenswichtige Warn- und Schutzfunktion. Doch manchmal werde er chronisch und führe zu Dauerschmerzen ohne erkennbare Quelle. Das liege im Mechanismus der Entstehung von Schmerz begründet. Das Gehirn verarbeite Schmerzen auf komplexe Weise und speichere nicht nur einzelne Reize, sondern ganze Schmerzerlebnisse. Es entwickle sich auch eine Schmerzerwartung und eine besondere Schmerzaufmerksamkeit. So könne es schließlich zu einer regelrechten »Schmerzprogrammierung« kommen, bei der biologische, psychische und soziale Faktoren eine Rolle spielten. Wenn man diese Programmierung umschreiben wolle, müsse man alle beitragenden Faktoren berücksichtigen.

Genau dies tue die im Klinikum angebotene multidisziplinäre, multimodale Schmerztherapie. Multidisziplinär bedeutet: Experten verschiedener Bereiche arbeiten bei der Behandlung zusammen. Multimodal bedeutet: Es gibt verschiedenartige Therapie-Maßnahmen. Bei der angebotenen stationären Schmerztherapie in Lohr arbeiten neben dem Schmerztherapeuten und Klinikärzten verschiedener Disziplinen auch eine Psychologin und eine Physiotherapeutin mit. Außerdem gibt es sogenannte »Pain Nurses«, also auf Schmerzbehandlung spezialisiertes Pflegepersonal.

Mederer erläuterte, dass das Krankenhaus von Kassenseite aus keine ambulante Schmerzbehandlung durchführen dürfe, fügte allerdings augenzwinkernd hinzu: »Das Beraten ist aber nicht verboten.« Die angebotene stationäre Therapie eigne sich für Patienten mit chronischen Schmerzen, bei denen keine behandelbare körperliche Ursache vorliegt und bisherige Schmerztherapien keinen Erfolg zeigten. Die genauere Abklärung erfolgt in einer Indikations-Sprechstunde (siehe Hintergrund). Kommt es zur stationären Behandlung, dauert diese üblicherweise 16 Tage. Sie biete gute Chancen für eine deutliche und auch dauerhafte Verbesserung, sagte Mederer. Sie sei aber »keine Schmerz-Waschmaschine«, in die man sich begebe, um völlig schmerzfrei wieder herauszukommen.

Patienten gefordert

Im Mittelpunkt der Maßnahmen stehe immer der Patient. Dieser müsse bereit sein, die Verantwortung für den Umgang mit seinem Schmerz selber zu übernehmen. Er sollte auch offen sein für neue Wege der Behandlung, »denn die alten haben ja nicht funktioniert«. Bei der Therapie werden zunächst die Medikamente überprüft und angepasst. Oft nehme ein Patient gewohnheitsmäßig starke Schmerzmittel, obwohl die schon lange nichts mehr nützten und negative Nebenwirkungen hätten, manchmal sogar weitere oder stärkere Schmerzen erzeugten. Mederer erläuterte, »was man alles ohne Medikamente machen kann«. Das reicht von Physiotherapie über das Erlernen von Schmerzkontrolle bis zu Yoga oder Genusstherapien, die die psychosozialen Ressourcen des Patienten stärken. Auch ein Umdenken sei oft wichtig. Wenn jemand mit chronischen Rückenschmerzen meint: Wenn die Schmerzen aufhören, dann fange ich mit Training an – »das ist falsch herum«, so Mederer. Stattdessen helfe es, mit therapeutischer Unterstützung individuell angepasstes Training zu beginnen, das die persönlichen Grenzen berücksichtigt und Erfolgserlebnisse erzeugt.

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