KARLSTADT/HAMMELBURG

Chirurgen kehren Karlstadter Krankenhaus den Rücken

Dr. Armin Döring (links) und Dr. Andreas Luther werden ab 1. April in der Hammelburger „Helios Orthoclinic“ als Belegärzte beginnen. Dem Karlstadter Krankenhaus kehren sie frustriert den Rücken.
Dr. Armin Döring (links) und Dr. Andreas Luther werden ab 1. April in der Hammelburger „Helios Orthoclinic“ als Belegärzte beginnen. Dem Karlstadter Krankenhaus kehren sie frustriert den Rücken. Foto: Jana Keul

Die beiden Chirurgen Dr. Armin Döring und Dr. Andreas Luther verlegen ihre Belegarzttätigkeit vom Krankenhaus in Karlstadt an die „Helios Orthoclinic“ in Hammelburg – und das schon zum Monatswechsel März/April. Sie kehren enttäuscht dem Karlstadter Krankenhaus den Rücken.

Verträge eigentlich bis 2019

Eigentlich wären die Belegarztverträge bis Ende 2019 gelaufen. Doch „aus wichtigem Grund“ sei eine außerordentliche Kündigung in dem Fall zwingend, beklagen die beiden. Wichtige Inhalte der Verträge seien vonseiten des Klinikträgers bereits jetzt nicht mehr erfüllt.

Im Herbst hatten die beiden Ärzte eine Filialpraxis in den Räumen der Hammelburger Klinik gegründet. Ihre Praxis „Main-Saale-Chirurgie“ am Schnellertor in Karlstadt werde aber nach wie vor die Hauptpraxis bleiben, kündigen sie an. „Hier werden wir die meiste Zeit für die Patienten da sein.“ In Hammelburg ist nur an zwei Nachmittagen in der Woche Sprechstunde.

Zehn Betten in Hammelburg

Bisher hat die Hammelburger Klinik mit ihren 60 Betten zwei Hauptabteilungen – eine für Innere Medizin und eine für Chirurgie. Döring und Luther werden mit ihren insgesamt zehn Betten die ersten Belegärzte sein. Sie seien zu ihrer eigenen Überraschung mit offenen Armen empfangen worden. „Dabei hieß es in Main-Spessart doch immer, dass Belegärzte nur Geld kosten“, bemerken sie. Und die Helios Kliniken GmbH ist ein Wirtschaftsunternehmen. Die beiden Chirurgen: „Für uns unerwartet haben auch die Krankenkassen und die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) einer Verlegung unserer Belegarzttätigkeit nach Hammelburg prompt zugestimmt.“

„Die Bürger werden zukünftig für ein defizitäres Klinikum in Lohr genauso viel Steuergeld ausgeben müssen wie bisher.“
Prophezeiung der Chirurgen Döring und Luther

Mit der Kombination aus eigener Praxis und Belegarzttätigkeit sei den Patienten am besten gedient, betonen Döring und Luther. Denn so könne der Arzt sämtliche Möglichkeiten der konservativen und operativen Therapie nutzen.

„Er wird also nur dann zur Operation raten, wenn die nichtoperativen Möglichkeiten ausgeschöpft sind.“ Idealerweise führe der Arzt auch die anschließende Nachbehandlung durch. „Diese Art der Behandlung, dieses Vertrauen möchten wir unseren Patienten auch weiterhin anbieten.“

Man solle sich von Begriffen wie „exzellente Medizin“ nicht irreführen lassen. Ein Klinikarzt habe nicht diese breite Palette an Möglichkeiten. Er müsse in einer einzigen Beratungssprechstunde sofort entscheiden, ob operiert wird. Und das ergebe eine Tendenz zu Operationen, obwohl dem Patienten beispielsweise durch Physiotherapie auch hätte geholfen werden können.

So oder so: Karlstadter müssen fahren

„Das war der ausschlaggebende Grund für uns, unsere jeweils gut dotierten Stellungen als Klinikleiter aufzugeben und zum 1. Januar 2015 die Tätigkeit als Belegärzte anzutreten“, sagen Döring und Luther.

Ihren Patienten aus dem Raum Karlstadt führen sie vor Augen: „Die von Ihnen gewählten Lokalpolitiker haben Ihr Krankenhaus bereitwillig aufgegeben. Sie als Bürger des Landkreises werden zukünftig für ein defizitäres Klinikum in Lohr genauso viel Steuergeld ausgeben müssen wie bisher, wahrscheinlich noch mehr. Für die Karlstadter ändert sich lediglich, dass sie vor Ort weder ein Krankenhaus noch einen Kassenärztlichen Notdienst haben werden.“ Da Letzterer auch in Lohr angesiedelt wird, müssen die Karlstadter in jedem Fall mindestens 20 Minuten fahren, um zukünftig einen Arzt zu erreichen – der dringliche Hausbesuch einmal ausgenommen.

Enttäuscht von Lokalpolitikern

Enttäuscht äußern sich die beiden Chirurgen über die Lokalpolitiker: „Die halten längst fraktionsübergreifend still, von kleineren medienwirksamen Schelten einmal abgesehen.“ Die Bürger habe man unter der Überschrift „Nachnutzung des Krankenhauses“ geschickt in eine Sackgasse geführt. Schließlich werde man das Krankenhaus abreißen, sind sie überzeugt.

Der neue Klinikreferent Dr. Gregor Bett fungiere auftragsgemäß als Feigenblatt für den Landrat und den Werksausschuss. „Anstatt ,exzellente Medizin' zu versprechen, hätte man sich doch besser um das Management des Klinikums bemühen sollen. Die Betten des Karlstadter Krankenhauses wurden geopfert für die Zusage einer Bewilligung von Fördergeldern für den Neubau eines Krankenhauses der Grund- und Regelversorgung in Lohr.“

Trotz vielfacher Bitten um Gespräche finde man bei den Lokalpolitikern kaum Gehör. „Landrat Thomas Schiebel hatte vor circa einem Jahr erstmalig und gleichzeitig letztmalig für uns eine halbe Stunde Zeit. Wir schlugen ihm ein gut durchdachtes Konzept für einen fließenden Übergang bis hin zum Betrieb des neuen Klinikums in Lohr vor. Wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren mussten, hat Herr Schiebel dieses Konzept entgegen seiner Ankündigung gegenüber dem Werksausschuss nicht einmal erwähnt.“

Pflegedienst überdurchschnittlich motiviert

Döring und Luther sagen, sie bedauern es, „die zunächst erfolgreiche und erfreuliche Tätigkeit im Krankenhaus Karlstadt, das gekennzeichnet ist durch einen überdurchschnittlich motivierten Pflegedienst auf der Station, im Operationstrakt und in der Notaufnahme, beenden zu müssen“.

Aber: „Wir können nicht abwarten, bis wir in der Zeitung lesen, dass am Folgetag das Krankenhaus in Karlstadt vollständig geschlossen wird, so wie das jetzt mit der Notaufnahme und der Chirurgischen Hauptabteilung geschehen ist. Die Bedingungen vor Ort verschlechtern sich dramatisch. Unsere Tätigkeit als Chirurgen im Krankenhaus Karlstadt ähnelt zunehmend einem medizinischen, juristischen und wirtschaftlichen Drahtseilakt. Wir müssen handeln.“

Sie stellen klar: Die Praxis am Schnellertor können Patienten in Karlstadt bei akuten Verletzungen oder Erkrankungen auch ohne Termin aufsuchen.

Auch Hand- und Neurochirurgie ziehen ab

Übrigens: Auch die Neuro- und Handchirurgie, die in Karlstadt von Würzburger Ärzten ausgeführt wurde, wird es ab 1. April im Karlstadter Krankenhaus nicht mehr geben.

Sowohl der Klinikreferent Gregor Bett als auch Landrat Thomas Schiebel waren nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Der Landrat war am Freitag nicht im Amt und Bett krank.

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