Lohr

Damit seine Seele weiterlebt

Lohrs 3. Bürgermeisterin Ruth Steger (von links), Wolfgang Vorwerk, Vorsitzender des Lohrer Geschichts- und Museumsvereins, und Schloßmann-Urenkelin Maude Björklund bei der Gedenkstein-Enthüllung für Joseph Schloßmann. Foto: Eckart Cuntz

Von MONIKA BÜDEL

An den Lohrer Ehrenbürger Joseph Schloßmann erinnert seit diesem Donnerstag eine Tafel auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee. In dem Grab, in dem seine Frau Mina ruht und dessen Grabstein die Inschrift »Geheimer Kommerzienrat Jos. Schlossmann« trägt, wurde Joseph Schloßmann nie beigesetzt. Der Grund: Er starb 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt.

Die Enthüllung der Gedenktafel gehört zu einer Reihe von öffentlichen Gedenkprojekten der Stadt in Zusammenarbeit mit dem Geschichts- und Museumsverein Lohr. Damit soll an die an die ehemalige Israelitische Kultusgemeinde Lohr und die Töchter und Söhne jüdischer Familien erinnert werden, die in Lohr geboren und/oder hier aufgewachsen sind. Zu Letzteren gehört der in Wiesenfeld geborene Joseph Schloßmann, der sich um 1890 in Berlin eine Existenz aufgebaut hat, aber durch vielfache Wohltätigkeit nie die Verbindung zu seiner Heimatstadt Lohr hat abreißen lassen.

Urenkelin bei Gedenkfeier

Die Urenkelin von Joseph Schloßmann, Maude Björklund, hat als Vertreterin der Nachfahren Joseph Schloßmanns, die über die ganze Welt verstreut sind, an der Enthüllung der Gedenktafel in Berlin teilgenommen. Sie kam mit ihrem Mann aus Stockholm angereist. Ihr Großvater Ludwig (1881 bis 1954), der Sohn von Joseph und Mina Schloßmann, war wie die vier Geschwister rechtzeitig ausgewandert, Ludwig nach Schweden. Mit Maude Björklund war das Projekt von Anfang an besprochen worden, teilt der Vorsitzende des Geschichts- und Museumsvereins, Wolfgang Vorwerk, mit.

Vermittelt hat den Kontakt nach seinen Angaben Anja Lösel in Berlin. Lösel hatte 2013 mit ihrem Mann Alexander Mayr das Verlegen eines Stolpersteins für Joseph Schloßmann in der Claudiusstraße 5 in Berlin veranlasst. Dies war seine letzte frei gewählte Wohnadresse, ehe er und seine verwitwete Schwester Fanny Rothschild, die ab 1938 bei ihm wohnte, in ein sogenanntes Judenhaus in der Bamberger Straße in Berlin ziehen mussten. Joseph Schloßmann wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert, berichtet Vorwerk. Seine Schwester Fanny starb vorher an Brustkrebs. Sie ist ebenfalls auf dem Friedhof Weißensee beigesetzt.

Keine sichere Erklärung gibt es laut Vorwerk, warum Joseph Schloßmann nicht wie seine Kinder auch ausgewandert ist. Möglicherweise wollte er seine vielleicht schon erkrankte Schwester Fanny nicht alleine in Berlin zurücklassen. »Möglicherweise hielt er einfach nicht für denkbar, was wir uns auch heute noch fragen, obwohl alle Fakten auf dem Tisch liegen: wie konnte das passieren?«, schreibt Vorwerk.

Es war der Wunsch der Urenkelin, die Enthüllung der Gedenktafel nicht zu verschieben, als die Beteiligten auf einem angeforderten Foto der zu installierenden Platte vorige Woche feststellten, dass aus dem Todesjahr ihres Urgroßvaters – 1943 – durch einen Zahlenverdreher in der Gießerei ein »1934« geworden war.

Die Platte wird demnächst auf Kosten der Firma ausgetauscht. »Es war das Versehen eines Menschen und dies bei einer Jahreszahl, die der Inbegriff von Unmenschlichkeit ist. Das macht das Versehen trotz allem so verzeihlich. Es war ein Mensch, dem dieser Fehler unterlaufen ist«, schreibt Vorwerk in seinem Bericht über die Gedenkstein-Enthüllung weiter.

Stimmungsvolle Feier

Entscheidend sei, so der Vorsitzende des Geschichtsvereins, dass durch diese Gedenkplatte der Verstorbene in das Gedächtnis der Lebenden zurückkehrt und sein Seelenheil findet: »Denn die Seele lebt in denen weiter, die der Toten gedenken.« Lohrs 3. Bürgermeisterin Ruth Steger würdigte den Ehrenbürger Schloßmann im Namen der Stadt und hob seine guten Taten, seine Verbundenheit zu Lohr und sein großes Herz für das Allgemeinwohl hervor, wie sie auf Nachfrage der Redaktion mitteilt. Sie bedauerte, dass erst 1985 Schloßmann die Ehrenbürgerwürde nach der Aberkennung durch die Nazis 1934 wieder offiziell zugesprochen wurde. Die Taten der Nationalsozialisten könnten nicht ungeschehen gemacht werden, was wir tun könnten sei das Gedenken, so Ruth Steger. Außerdem warnte sie vor alten und neuen rechten Kreisen.

Maude Björklund habe sich im Namen der Nachfahren für die Ehre, die ihrem Urgroßvater posthum erwiesen wurde, bedankt. Für die Gedenkplatte haben laut Vorwerk die Städte Lohr und Karlstadt, Privatleute und der Geschichts- und Museumsverein gespendet.

Anja Lösel, die mit ihrem Mann Alexander Mayr am Donnerstagnachmittag an der Gedenkfeier auf dem Friedhof Weißensee teilgenommen hat, beschreibt diese im Telefonat mit der Redaktion als sehr stimmungsvoll.

Ehrenbürger Josef Schloßmann
Joseph Schloßmann kam am 17. April 1860 in Wiesenfeld zur Welt. Sein Vater siedelte vier Jahre später nach Lohr über, wo er eine Lederwarenhandlung im Haus Nummer 175 eröffnete (heute rechter Teil der Sparkasse am Marktplatz). Um das Jahr 1882 verließ Joseph Schloßmann Lohr und ging als Kleiderhändler nach Landshut. Etwa von 1886 bis 1898 lebte er in den USA, wo er als Kaufmann arbeitete.
Nach seiner Rückkehr wohnte er in Berlin und baute dort mehrere Textilunternehmen auf. Mit seiner Frau Mina hatte er fünf Kinder. Die Stadt Lohr, wo er Kindheit und Jugend verbracht hatte, vergaß er nie. Das wird in einem Telegramm deutlich, das er nach der Verleihung der Ehrenbürgerwürde nach Lohr schickte: »Die Anhänglichkeit, die mich durch mein ganzes Leben mit meiner Heimatstadt verbunden hat, kettet mich bis zu meinem letzten Atemzuge an das mir so liebe Lohr.«
Bereits bei einem Besuch 1904 in Lohr spendete der Fabrikant, seit 1899 Kommerzienrat und seit 1902 Geheimer Kommerzienrat, der Sanitätskolonne einen größeren Geldbetrag. Als die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auch Lohr trafen, häuften sich ab 1929 die Sachspenden.
Am 16. Januar 1930 verlieh der Lohrer Stadtrat Schloßmann »in Anerkennung seiner Verdienste um seine Heimatstadt und in Anerkennung seiner großen Wohltätigkeit der armen Bevölkerung Lohrs gegenüber« die Ehrenbürgerwürde. Am 27. April 1934 beschloss der mittlerweile von den Nationalsozialisten beherrschte Lohrer Stadtrat nach anfänglichem Widerstand, Schloßmann aus der Liste der Ehrenbürger der Stadt Lohr zu streichen. Die Aberkennung durch die Nationalsozialisten sei nichtig, weil der damalige Stadtrat nicht demokratisch gewählt worden sei, ließ die Stadt Lohr 1984 nach einer öffentlichen Diskussion wissen. Schloßmann wird weiterhin als Ehrenbürger geführt. Schloßmann musste 1941 seine Etagenwohnung im Bezirk Tiergarten räumen und war danach in einem sogenannten »Judenhaus« im Bezirk Schöneber untergebracht. Am 17. August 1942 wurde er von der Gestapo abgeholt und in einem »Alterstransport« mit etwa 1000 weiteren Juden ins KZ Theresienstadt deportiert. Dort starb er am 4. Januar 1943 im Alter von 82 Jahren.
(tjm/Quelle und weitere Information: »Ehrenbürger der Stadt Lohr a. Main«, Schriften des Geschichts- und Museumsverein Lohr, zusammengestellt vom Arbeitskreis Heimat und Geschichte der Volkshochschule Lohr)
Joseph Schloßmann wurde 1930 wegen seiner Spenden für arme Lohrer und städtische Einrichtungen zum Ehrenbürger ernannt und starb 1943 im KZ Theresienstadt. Foto: Stadtarchiv Lohr

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