MARKTHEIDENFELD/URSPRINGEN

Das Album von Serry Adler

Serry Adler aus Urspringen: Im Staatsarchiv Würzburg sind diese Ausweisunterlagen zu finden, dies aus den Jahren 1938/39 stammen dürften. Foto: Staatsarchiv Würzburg

Der Historiker Dr. Leonhard Scherg zeigte sich tief bewegt über einen unschätzbaren Fund von Fotozeugnissen: das Fotoalbum eines 16-jährigen jüdischen Mädchens aus Urspringen, das jüngst in Polen auftauchte. Das Mädchen war 1942 ins Vernichtungslager Sobibor deportiert worden.

Der Vorsitzende des Förderkreises Synagoge Urspringen stellte am Ende der Eröffnung der Ausstellung „Mitten unter uns“ über das Landjudentum in Franken im Balthasar-Neumann-Gymnasium (wir berichteten bereits ausführlich) diesen Fund vor, der unschätzbare historische Bedeutung für den Verein habe.

Am Sonntag zuvor hatte sich sein Lehrer- und Historikerkollege Christoph Schwarz aus Freiburg mit einem E-Mail-Schreiben an ihn gewandt. Er hat zur Aufarbeitung des NS-Unrechts in Baden-Württemberg publiziert und steht im Kontakt mit dem Vorsitzenden der Stiftung „Deutsch-Polnische Aussöhnung“ Dariusz Pawlos, der sich gegenwärtig mit der Einrichtung einer Gedenkstätte für das NS-Vernichtungslager Sobibor beschäftigt.

Die beiden wiesen auf einen Artikel aus einer Tageszeitung in Lublin hin. Dort war jüngst veröffentlicht worden, dass ein neunjähriger Junge in Polen aus dem Städtchen Chelm im Jahr 1942 ein am Wegesrand liegendes, kleines Fotoalbum mit dreizehn Schwarz-Weiß-Bildern an sich nahm und es bis zu seinem Tod im Jahr 2012 bei sich behielt. Seine Nachfahren gaben schließlich jüngst das einmalige Zeitdokument im Nationalmuseum Majdanek ab und berichteten, dass das Album von deutschen Juden stamme, die im Frühjahr 1942 zu Fuß zum nahen NS-Vernichtungslager Sobibor getrieben worden waren.

Beschriftungen legten nahe, dass die Fotodokumente einen Bezug zu Würzburg und Urspringen haben könnten. Scherg wurde darum gebeten, bei der Einordnung des Funds behilflich zu sein. In kurzer Zeit konnte aus den Unterlagen des Förderkreises einige grundlegende Erkenntnisse gewonnen werden.

Auf dem Todesmarsch

Das kleine Album hatte dem damals 16-jährigen Mädchen Serry Adler aus Urspringen gehört, das am 25. April 1942 mit ihren Eltern Ida und Friedrich Adler zusammen mit 852 Juden aus Unterfranken von Würzburg nach Krasnystaw bei Lublin deportiert worden war. Auf dem Todesmarsch vom Zwischenlager Krasniczyn nach Sobibor muss sie das Album verloren oder weggeworfen haben.

Die meisten abgebildeten Jugendlichen und Personen auf den Fotografien konnten noch nicht erkannt werden, zumal sie auch aus Würzburg oder Strümpfelbrunn, dem Geburtsort von Serry Adlers Mutter stammen könnten.

Lediglich der 17-jährige Justin Adler, der im Juli 1940 seiner Cousine Serry bei einem Aufenthalt in Urspringen eine Aufnahme von sich in Schniebinchen in der Niederlausitz widmete, ist vorläufig zweifelsfrei zu identifizieren.

Justin Adler wurde zu dieser Zeit auf seine Auswanderung nach Palästina vorbereitet, wo der junge Mann als Soldat im israelischen Unabhängigkeitskrieg fiel. Dies teilten Verwandte am 1. Oktober 1948 in der deutsch-jüdischen Zeitung „Aufbau“ in New York mit. Seine Eltern Mathilde und Ludwig Adler sowie sein jüngerer Bruder Leo aus Urspringen zählten ebenso zu den Opfern der Deportation vom 25. April 1942.

Der Förderkreis Urspringen will nun zusammen mit dem Würzburger Johanna-Stahl-Zentrum für jüdische Geschichte und Kultur in Unterfranken weitere Erkenntnisse zu der einmaligen Entdeckung von Foto-Dokumenten gewinnen. Das Fotoalbum aus dem Nationalmuseum Majdanek soll dann der Öffentlichkeit umfassend vorgestellt werden.

„Mitten unter uns“: Ausstellung über Landjudentum in Unterfranken

Am Balthasar-Neumann-Gymnasium in Marktheidenfeld (Oberländerstraße 9) wird derzeit die Ausstellung „Mitten unter uns – Landjuden in Unterfranken vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert.“

Sie kann bis 28. Februar und auch nach den Faschingsferien vom 10. bis zum 16. März in der Balthasar-Neumann-Halle vor der Schulbibliothek von Montag bis Freitag von 9 bis 16 Uhr und am Sonntag von 15 bis 17 Uhr besichtigt werden. Die Ausstellung entstand als ein gemeinsames Vorhaben des Kooperationsprojekts „Landjudentum in Unterfranken“ und des Johanna-Stahl-Zentrums für jüdische Geschichte und Kultur des Bezirks Unterfranken.

Idylle im Grünen: Ein Bild aus dem in Polen gefundenen Fotoalbum zeigt das jüdische Mädchen Serry Adler aus Urspringen in einem Garten. Wo genau die Aufnahme entstand, wollen die Historiker noch herausfinden. Foto: Kurier Lubelski

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