Gemünden/Lohr

"Das Recht ist immer gleich, die Delikte sind verschieden"

Etliche 100 Urteile hat Karin Offermann in ihrem Richterinnenleben gefällt. Ein Interview über Recht und Gerechtigkeit.
Karin Offermann aus Lohr ist jetzt Richterin a. D. Foto: Michael Fillies

Mit Karin Offermann hat eine allseits geschätzte und erfahrene Richterin das Amtsgericht Gemünden verlassen. Die 63-jährige Lohrerin war zugleich ständige Vertreterin des Direktors.

Frau Offermann, Sie sind in die passive Phase der Altersteilzeit gestartet – befreit, traurig oder beides?

Karin Offermann: Befreit. Ich habe einfach mehr Zeit jetzt für die Dinge, die mir neben der Arbeit noch wichtig sind. Und außerdem merke ich auch, dass ich etwas langsamer geworden bin und nicht mehr so leistungsfähig.

Sie hatten mal einen Tag mit zwölf Verhandlungen oder so von früh bis Abend - von wegen leistungsfähig . . .

Offermann: Zwölf hatte ich nicht, das waren vielleicht sieben. Manchmal hatte ich solche Tage.

Sie hatten es am Landgericht Aschaffenburg knapp acht Jahre als Vorsitzende Richterin einer Kammer mit Kapitalverbrechen, also landläufig: Mord und Totschlag, zu tun, bevor Sie 2012 ans Amtsgericht Gemünden wechselten. Suchten Sie eine Abwechslung bei kleineren Delikten oder wünschten Sie sich als Lohrerin Heimatnähe?

Offermann: Heimatnähe, weil meine Eltern schon relativ alt sind und ich gerne mehr in ihrer Nähe sein wollte, um mich besser kümmern zu können.

Vermissen Sie die großen Fälle?

Offermann: Nein.

Und ärgern Sie sich über Ladendiebstähle, die Sie hier manchmal zu verhandeln hatten?

Offermann: Nein (lacht), auch nicht. Das Recht ist immer gleich, die Delikte sind verschieden. Es verdient auch ein Ladendiebstahl Beachtung durch Gerichte, das ist ganz klar. Wenn das zum ersten Mal vorkommt, wird es ja meistens schon von der Staatsanwaltschaft eingestellt, aber wenn es sich häuft, dann sind die Gerichte gefordert. Ich habe nie die Nase gerümpft über kleine Fälle.

In Gemünden waren Sie die ständige Vertreterin des Direktors und mussten das Gericht dann auch tatsächlich und unerwartet etwas mehr als vier Monate führen. Selbst eine Staatsanwaltschaft oder ein Gericht zu leiten, war nie ihr Ziel?

Offermann: Ich habe mich durchaus für die Direktorenstelle in Gemünden beworben, da bin ich aber nicht zum Zuge gekommen.

Staatsanwaltschaft, Zivil-, Familien- und Strafrichterin – Sie arbeiteten in vielen, wenn nicht allen Bereichen der Justiz. Welcher war Ihnen der liebste und warum?

Offermann: Strafrecht ist sehr interessant. Aber Familienrecht sehe als das schwierigste Rechtsgebiet, aber auch das anspruchsvollste: Weil Sie sehr schwierige rechtliche Fragen beurteilen müssen und gleichzeitig emotional hoch gefordert sind. Und deshalb sind Familiensachen für mich "die Krone" der richterlichen Tätgkeit. Aber ich hatte mir gewünscht, am Ende meiner Tätigkeit Strafsachen und vor allen Dingen Jugendstrafsachen zu machen. Die meisten Jugendlichen sind offen; man kann bei ihnen anders reagieren als bei erwachsenen Straftätern, man hat mehr Spielraum für erzieherischen Einfluss. Allerdings sind unsere erzieherischen Einwirkungsmöglichkeiten als Gericht begrenzt. Ein kluger Satz, den einmal ein Gutachter gesagt hat: "Sie erziehen nicht, sondern Erziehung findet statt."

Im Archiv der Main-Post Gemünden bringen Sie es auf etwa 150 Gerichtsberichte, was nur ein Bruchteil der von Ihnen geführten Verhandlungen ist. Immer entschieden Sie über das Schicksal der Angeklagten und manchmal auch der Opfer. Resultiert daraus eine seelische Belastung, wie geht man als Richter damit um?

Offermann: Man sollte es nicht mit nach Hause nehmen, sondern im Büro lassen. Überwiegend ist es mir zuletzt im Strafrecht hier in Gemünden gelungen. In wenigen Fällen habe ich noch nachgegrübelt, ohne dass ich jetzt Zweifel hatte an meiner Entscheidung. Ich habe einfach noch einmal den Fall passieren lassen. Das dauert zirka eine Viertelstunde, dann ist es durch.

Grundsätzlich besteht die Gefahr eines Fehlurteils.

Offermann: Davor braucht man keine Angst zu haben, zumindest nicht auf der Ebene, auf der wir uns befinden, weil es Kontrollinstanzen in Form von Rechtsmittelgerichten gibt. Und wenn das Urteil ein Fehlurteil war, dann wird es abgeändert oder aufgehoben; letztendlich passiert keine Katastrophe. Ich habe mir meine Entscheidungen aber nie leicht gemacht.

Sie wohnen in Lohr. Sind Sie einmal privat, beim Einkaufen etwa, einem von Ihnen verurteilten "bösen Buben" begegnet? Erlebt man als Richter Anfeindungen?

Offermann: Begegnet, natürlich, ja. Die meisten erkennen einen aber gar nicht in Privatkleidung, weil sie das Gesicht wahrscheinlich nur mit der Robe verbinden. Und Anfeindungen habe ich nicht erlebt.

Sie sind seit 1984 im Justizdienst. Wenn Sie Bundesjustizministerin wären, würden Sie als erstes . . .

 Offermann: . . . darauf achten, dass nicht mehr so viele neue Gesetze erlassen werden.

. . . und als zweites?

Offermann: Mehr Richterstellen schaffen, weil wir eigentlich nicht nur mit unseren Referaten beschäftigt sind, sondern mit sehr vielen anderen Dingen, zum  Beispiel Unterbringungen und Fixierungen im Bezirkskrankenhaus im Bereitschaftsdienst. Das ist eine zusätzliche Belastung, die man jetzt hat am Amtsgericht. Die Bereitschaftsdienste werden nicht vergütet und man kann das nicht durch Überstunden regulieren, weil sonst Arbeit liegen bliebe.

"Im Übrigen ist es in diesem Landkreis Main-Spessart so, dass die Opfer selbst eine Schlägerei sehr oft als nicht so schlimm empfinden."
Richterin Karin Offermann
Gerichtsurteile werden in der Öffentlichkeit nicht immer als gerecht empfunden, vor allem im Vergleich der Straftaten. Mir zum Beispiel erscheint manches Mal die Ahndung eines Vermögensdelikts härter als einer Gewalttat. Was würden Sie Kritikern sagen?

Offermann: Das ist etwas, was mich auch sehr beschäftigt. Bei den Gewaltdelikten ist die Beweissituation oft schwieriger ist als bei Vermögens- oder Eigentumsdelikten, weil Sie immer ein bewegtes Geschehen haben. Und Sie haben sieben Zeugen, die sieben unterschiedliche Sachen sehen. Dann ist die Beweislage manchmal so, dass man nicht verurteilen kann, oder man stellt Verfahren ein, oder die Strafe fällt milder aus, weil man zum Beispiel keine gefährliche Körperverletzung beweisen kann. Da will dann keiner das benutzte Werkzeug gesehen haben, obwohl die Verletzung dafür spricht, dass es im Spiel gewesen sein muss. Wenn das Tatwerkzeug fehlt und es niemand gesehen hat, kann man nur wegen einer einfachen Körperverletzung verurteilen. Im Übrigen ist es in diesem Landkreis Main-Spessart so, dass die Opfer selbst eine Schlägerei sehr oft als nicht so schlimm empfinden und sich vermeintlich gar nicht mehr so genau erinnern an das, was passiert ist. Das ärgert mich, ich finde jede Körperverletzung schlimm.

Werden Sie Ihre Arbeit vermissen? Wie füllen Sie Ihre freie Zeit – mit dem Tennissport, mit dem Lesen von Gerichtsberichten? Kann man Sie in einem Verein oder in der Kommunalpolitik für ein Amt gewinnen?

Offermann: Die Arbeit vermissen werde ich nicht, den Kontakt mit den vielen Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen schon, ob als Zeugen oder Angeklagte oder in Familiengerichtsverfahren, weil ich Interesse an Menschen habe. Gerichtsberichte lese ich bestimmt, weil mich das interessiert. Ich finde die Berichterstattung von beiden Zeitungen hier in Main-Spessart gut, inhaltlich richtig, objektiv - ich war zum Teil anderes gewöhnt. Ich singe gern, ich spiele Klavier - das steht jetzt im Vordergrund, der Sport weniger, aber ich jogge immer noch, Tennis werde ich hobbymäßig weiterspielen. An ein Amt in der Kommunalpolitik denke ich nicht. Mit meinem Mann habe ich ausgemacht, dass ich erst mal zur Ruhe komme, bevor ich über neue Verpflichtungen nachdenke.

Zur Person
Karin Offermann, geborene Klingenberg, verbrachte ihre Kindheit und Jugend am Niederrhein. Als 17-Jährige kam sie durch den berufsbedingten Umzug des Vaters nach Lohr, wo sie 1974 das Abitur ablegte. Jura studierte sie in Würzburg, München und Genf. Die Justiz- und Verwaltungsdienstvorbereitung folgte von 1981 bis 1984  in Landshut, New York, Miesbach  und München. Im Anschluss begann die Karriere in der bayerischen Justiz, zuerst in München und ab 1992 am Amts- und später Landgericht Aschaffenburg. Karin Offermann bekleidete abwechselnd verschiedene Positionen als Richterin und Staatsanwältin. Ab März 2012 am Amtsgericht Gemünden, war sie Ständige Vertreterin des Direktors und arbeitete als Familien- und als Güterichterin, ab April 2016 als Strafrichterin für Erwachsenen- und Jugendstrafsachen, Richterin in Betreuungssachen und als Güterichterin.

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