LOHR

Das unentdeckte Wählerpotenzial der Atheisten

Schräge Type: Kabarettist Mathias Tretter begeisterte auffällig geschminkt mit anspruchsvoller Wortakrobatik. Foto: Simon Hörnig

Das ewige Leben, bloß nicht als Intellektueller erkannt zu werden und Basteln, damit lassen sich Mathias Tretters Lebensängste auf den Punkt bringen.

Sonst präsentierte sich der Kabarettist bei seinem Auftritt in der Alten Turnhalle in Lohr am Freitagabend in jeder Hinsicht angstfrei: Geschminkt mit leuchtend rotem Lippenstift, outete er sich gleich zu Beginn als – Brillenträger. Er hielt globalem Populismus und Terrorismus gnadenlos den Spiegel vor. Rechte Internet-Shitstorms tangieren ihn nicht mehr als eine Fruchtfliege, die an seinem Weinglas nippt.

Auch sprachlich nahm Tretter vor den 120 begeisterten Zuhörern kein Blatt vor den Mund, denn: „Je mehr Political Correctness, desto mehr Schimpfwörter gibt es.“

„Pop“ hat der gebürtige Würzburger sein neues Programm getauft und dafür in David Bowie und Donald Trump zwei prominente Galionsfiguren gefunden. Sie könnten sich unähnlicher nicht sein und sind doch Koryphäen zweier Kehrseiten des Pop: Bowie als experimenteller Erneuerer der Popmusik, Trump als populistischer Demagoge.

Dass der Brite in dem Jahr verstarb, in dem Trump zum Präsidenten der USA gewählt wurde, sieht Tretter als ein Indiz für die „Große Regression“. Pop werde heute verkörpert durch Helene Fischer, „eine Coverversion“. Sie simuliere nur einen Popstar, genau wie Populisten Politiker simulierten.

Dreh- und Angelpunkt des Abends war Tretters fiktives Zwiegespräch mit Freund Ansgar beim „Windowing“ – zu Deutsch: gemeinsames Aus-dem-Fenster-Schauen. Dabei als „Kreativer“ beschimpft, verteidigt der Kabarettist in einer Wutrede sein Selbstverständnis als Künstler – nur um dafür umgehend gegen seinen Willen für den Gründungsparteitag von Ansgars „Pop“-Partei – „rechts von der AfD und links von den Grünen“ – engagiert zu werden. Deren Programm, das die Atheisten als „unentdecktes Wählerpotenzial“ in ihrer „transzendentalen Obdachlosigkeit“ ansprechen soll, persifliert geschickt Machenschaften heutiger Populisten und legt offen, dass diese eher Linguisten als Politiker sind. Gut, dass sich Tretter „Völkisch“ selbst beigebracht hat und damit in der Lage ist, die Sprache der Le Pens, Putins und Söders zu dekonstruieren und gegen sie zu wenden.

Pop kann heute jeder; Andy Warhols „15 minutes of fame“ entsprechen für Tretter der aktuellen Glorifizierung der Amateure. Castingshows bieten den kurzen Moment im Rampenlicht. Einer mehrfach gescheiterten Fernsehpersönlichkeit genügen 140 Zeichen bei Twitter um sich erfolgreich für das mächtigste Amt der Erde zu empfehlen. Googles Zukunftsvision vom ewigen Leben empfindet Tretter unter diesen Vorzeichen eher als Dystopie. Doch nicht nur deshalb diktiert er seinem Alter Ego Ansgar den Tod als eigentlichen Sinn des Lebens in die Feder, sondern weil „ohne den alles irgendwann langweilig wird“ – ein Gefühl, das an diesem Abend ganz bestimmt nicht aufkam.

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