Marktheidenfeld

Demenz-WG Gründer Stangl: "Ich war oft davor, hinzuschmeißen"

Die Idee war schnell da, die Umsetzung aber dauerte Jahre: Matthias Stangl hat aus seinem alten Wohnhaus in Marktheidenfeld eine Demenz-WG gemacht. Einfach war das nicht.
Demenz-WG Marktheidenfeld: Im April 2018 probierte die Feuerwehr aus, ob das Anleitern an den Balkon der WG im Falle eines Brandes möglich ist. 
Demenz-WG Marktheidenfeld: Im April 2018 probierte die Feuerwehr aus, ob das Anleitern an den Balkon der WG im Falle eines Brandes möglich ist.  Foto: Stangl

Ob Matthias Stangl das Projekt "Demenz-WG" angegangen wäre, hätte er gewusst, was auf ihn zukommt? "Wahrscheinlich eher nicht", sagt der 61-jährige Zahntechnikermeister aus Marktheidenfeld. Kurz vor Weihnachten erst kam der Brief von Klaus Holetschek, dem Bürgerbeauftragten der Bayerischen Staatsregierung. Darin bedankt sich Holetschek für "die Geduld", die Stangl bei seinem Projekt an den Tag gelegt hat und immer noch legt. Aber der Reihe nach.

Die Idee, aus seinem Wohnhaus eine Demenz-WG zu machen, kam Matthias Stangl, nachdem seine Kinder aus dem Haus waren. Sie hatten einfach zu viel Platz: Leer stehende Kinderzimmer, große Wohnräume für eine vierköpfige Familie, dazu noch das Dentallabor unten mit im Haus. "Ich habe damals zunächst Marianne Tschammer von der Sozialstation St. Elisabeth angerufen", erzählt der Marktheidenfelder. Schließlich sei der Pflegedienst das Allerwichtigste bei solch einem Projekt. Ohne den läuft gar nichts, so Stangl.

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Drei Demenz-WGs im Umfeld von Marktheidenfeld hatte die ehemaligen Leiterin der Sozialstation zu diesem Zeitpunkt schon miteröffnet. Sie sollte beurteilen, ob auch das Stangl`sche Haus tauglich sei für eine solche Wohngemeinschaft. Nach einem kurzem Rundgang war ihre Einschätzung klar und der Daumen ging hoch. Barrierefreie Duschen gab es schon, die benötigte Anzahl Zimmer auch. Einzige große Bedingung und Kosten-Schock für Matthias Stangl: Der Einbau eines Aufzugs. Erste Recherchen zeigten: So ein Aufzug kann bis zu 100 000 Euro kosten. "Am Schluss habe ich glücklicherweise einen Plattformlift für 35 000 Euro gefunden", erzählt er.  

Die Heimaufsicht begutachtete das Haus und war zufrieden – mit einer Bedingung

In allen anderen Bereichen setzte der Dentaltechniker auf Eigenleistung: Tapezieren, Türen setzen, Streichen. Zu dritt kamen sie auf rund 600 Arbeitsstunden pro Person bis alles fertig war. Im Sommer 2016 war es so weit: Die Heimaufsicht begutachtete das Haus und war zufrieden – mit einer Bedingung: Matthias Stangl sollte noch einmal den Brandschutz drauf schauen lassen. Der kam und mit ihm die Schreckensnachricht: Der Bau sei ein Sonderbau mit Nutzungseinheiten für mehr als sechs Personen und brauche somit ein eigenes Brandschutzkonzept.

"Nach meinem ersten Telefonat mit einem Experten hatte ich den Eindruck: Dafür muss ich das  komplette Haus umbauen", erzählt Stangl. Es folgte ein zäher und schier nicht enden wollender Mail-Schlagabtausch mit dem Landratsamt, persönliches Vorsprechen sowie später ein runder Tisch mit dem Landrat. In einer Zwischenlösung erreichte Matthias Stangl die Genehmigung der WG für sechs Demenzkranke und vier Gesunde. Später dann die Lösung, dass er die WG für zehn Personen betreiben darf, wenn er alle zwei Monate mittels Attest den Nachweis bringt, dass die Bewohner der oberen Stockwerke körperlich in der Lage sind, sich selbst zu retten. Da diesen Aufwand nicht alle Bewohner und deren Angehörige zeitlich leisteten, musste er Strafe zahlen.  

Matthias Stangl: "Ich habe viel gelernt bei dem Projekt – aber auch viel gezahlt"

Zudem ist er verpflichtet, eine Brandmeldeanlage einzubauen. Dies ist im Bauordnungsrecht im Rahmen von Sonderbauvorschriften geregelt. In Deutschland werden Brandmeldeanlagen in besonders gefährdeten Gebäuden wie Flughäfen, Bahnhöfen, Universitäten, Schulen, Firmengebäuden, Fabrikhallen oder eben Altenwohnheimen oder Krankenhäusern installiert. Sie müssen zertifiziert und abgenommen werden. Bezahlen muss das der Bauherr. "Allein das Konzept kostet rund 4500 Euro, das Material ungefähr 12 000 Euro und die Prüfung dann noch einmal 7000 Euro", zählt Stangl auf, was ihn erwartete.

Eine der ersten Baumaßnahmen: Die Montage des Treppenlifts in der künftigen Demenz-WG in Marktheidenfeld. 
Eine der ersten Baumaßnahmen: Die Montage des Treppenlifts in der künftigen Demenz-WG in Marktheidenfeld.  Foto: Stangl

Seit Frühjahr 2018 läuft die WG. Im Moment setzt Stangl noch die Anforderung des Brandschutzkonzepts um. In der Rückschau sagt er: "Ich habe viel gelernt bei dem Projekt – aber auch viel gezahlt." Knapp 160 000 Euro habe er insgesamt in den Umbau des Hauses bis zur Genehmigung investiert. Mit 50 000 bis 60 000 hatte er kalkuliert. Nicht dazu gerechnet: Die Verzweiflung, die ihn und auch seine Frau wöchentlich überkommen hat. Nicht selten war er kurz davor, hinzuschmeißen.

Kritik am Passus "Sonderbau" im bayerischen Baugesetz 

Den Ausgaben gegenüber stehen die Einnahmen aus den WG-Zimmern. Für den selbstständigen Zahntechnikermeister stellt die Umnutzung des Hauses auch eine Art der Altersabsicherung dar. Derzeit allerdings verdiene er an der WG noch nichts, so Stangl. 445 bis 530 Euro brutto kostet ein WG-Zimmer pro Monat, je nach Größe. "Abzüglich der Nebenkosten sind wir bei 38 600 Euro netto pro Jahr", erläutert Stangl. Nicht mit eingerechnet sind sozusagen seine Hausmeister-Dienste wie Dachrinne sauber machen, neue Heizkörper installieren, Toiletten entstopfen und so weiter. 

Rückblickend sieht Stangl vor allem den Passus des "Sonderbaus" im bayerischen Baugesetz kritisch.  "Jedes Haus, das zu diesen Zwecken genutzt werden soll, wird vor diesem Problem stehen", sagt er. Für sich selbst räumt er ein, zu schnell mit den Umbauten losgelegt zu haben, ohne sich bei allem 100 Prozent abzusichern. Allerdings kritisiert er auch die Zusammenarbeit mit den Behörden, vor allem mit dem Landratsamt. Er hatte sich erhofft, dass sein Projekt als positiv und unterstützenswert  gesehen werde. 

Landratsamt Main-Spessart: Rechtliche Vorgaben sind nicht auszublenden

Auf Nachfrage beim Landratsamt Main-Spessart, welche Art der Unterstützung  es in Sachen Initiierung einer Demenz-WG gibt, heißt es: Beraten würde zunächst die Fachstelle für Qualität und Aufsicht (vormals Heimaufsicht)  im Landratsamt. Auch das Bauamt stehe bei baulichen und baurechtlichen Fragen zur Verfügung. Dies sei im Fall von Matthias Stangl auch geschehen.

Auf die Frage, warum es in seinem Fall so lange gedauert habe, antwortet die Pressestelle des Landratsamt: Selbst wenn ein Vorhaben grundsätzlich positiv bewertet und für unterstützenswert gehalten werde, könne das nicht dazu führen, rechtliche Vorgaben auszublenden. Die längere Bearbeitungsdauer sei dadurch entstanden, dass das Gebäude als Sonderbau einzustufen war und letztlich nur mit Brandschutznachweis genehmigt werden konnte. Zudem habe "die unterschiedliche rechtliche Bewertung durch Herrn Stangl und das Bauamt zu mehreren ausführlichen Gesprächen mit Mitarbeiterinnen bzw. Mitarbeitern des Bauamtes sowie weiteren Gesprächen und Beratungen" geführt, nimmt das Landratsamt Stellung.    

Wie beurteilt Matthias Stangl abschließend seinen Fall? Von dem Konzept der Demenz-WG ist er nach wie vor überzeugt. "Wenn ich jung wäre, würde ich eine WG nach der anderen eröffnen. Denn die Menschen, deren Familienmitglieder an Demenz erkranken, verzweifeln irgendwann zuhause", so Stangl. Bestätigt wird er durch das Interesse an der WG in Marktheidenfeld. "Das Verhinderungspflege-Zimmer ist ständig ausgebucht", erzählt er. Dabei handelt es sich um eine Art Gäste-Zimmer, in dem potentielle neue WG-Interessenten einige Wochen  untergebracht werden können, während ihre Angehörigen verhindert sind. Die WGs böten eine Win-Win-Situation für alle Seiten. Nicht nur die Bewohner und deren Angehörigen seien zufriedener, sondern auch die Pflegekräfte. 

Was es bei einer Demenz-WG baulich zu beachten gilt
Welche Gebäude eignen sich für eine Demenz-WG?

Als Gebäude eignen sich alle Häuser mit abgeschlossenem Garten, ausreichenden, großzügigen Gemeinschaftsflächen (z.B. Küche, Aufenthaltsbereiche usw.). In der Regel haben solche Häuser, die bis max. zwölf Bewohner aufnehmen können, mehrere Stockwerke, sodass entweder ein Aufzug oder ein Treppenlifter mit Rollstuhlplattform vorhanden sein muss.

Welche Auflagen gibt es?

Da es sich nicht um eine stationäre Einrichtung handelt, gibt es keine baulichen Vorgaben, außer den Brandschutzvorgaben im Rahmen des Sonderbaus bei über sechs Bewohnern. Hier sind die baurechtlichen Vorgaben einzuhalten. Personelle Vorgaben gibt es keine, allerdings wird seitens der Fachstelle für Pflege und Behinderteneinrichtungen (FQA) geprüft, ob die Menschen rundum gut versorgt und gepflegt sind.

Wie viele solcher WGs gibt es im Landkreis?

Aktuell gibt es im Landkreis sechs ambulante WGs für Demenzkranke und Pflegebedürftige. 

In vielen Landkreisen gibt es auch schon so genannte Intensivpflege-WGs, die aufgrund eines höheren Pflegebedarfs ihrer Bewohner andere Rahmenbedingungen bieten müssen. Im Landkreis Main-Spessart liegt hierzu bislang lediglich eine konkrete Anfrage vor, die voraussichtlich Mitte des Jahres in Betrieb gehen wird.

Welche Vorgehensweise empfiehlt das Landratsamt potentiellen Demenz-WG-Betreibern?

Vor der Eröffnung einer ambulanten WG ist die Kontaktaufnahme mit der FQA sinnvoll. Hier wird das Konzept geprüft und die Rahmenbedingungen vorgestellt, die erfüllt werden müssen. In der Regel wird auch das Gebäude vorab besichtigt.

Quelle: Landratsamt Main-Spessart

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