NEUENDORF

Der Herr des Märchenwaldes

Die Wälder rund um Neuendorf und Nantenbach kennt er wie seine Westentasche. Einen Teil davon hat er sich zu Eigen gemacht: Der 90-jährige Gustav Albert aus Neuendorf hat am Gippelsberg ein Refugium geschaffen, das von den Ortsbewohnern nur „der Märchenwald“ genannt wird.
Begegnung im Wald: Gustav Albert in seinem Märchenwald mit dem „Bauern mit der Sense“. Foto: Gabi Nätscher

Der kleine Pfad, auf dem man dorthin gelangt, trägt sogar seinen Namen: „Albert-Gustav-Pfad“ steht auf einem Holzschild, das den Weg weist. Unzählige Figuren bevölkern das Waldstück, in dem sich Albert fast jeden Tag aufhält. Ausschließlich „Dinge aus dem Wald“ sammelt er, nimmt sie mit nach Hause und bastelt dort seine Werke. Dann werden sie wieder in den Wald gebracht, eben in das kleine Stück am Gippelsberg, das der Gemeinde gehört.

„Selbstverständlich“ habe der damalige Bürgermeister vor über zehn Jahren gesagt, als Albert um Erlaubnis fragte, das Waldstück „benutzen“ zu dürfen, erzählt der ehemalige Zugführer. Damals sei er nämlich auf die Idee gekommen, sein großes Hobby, Figuren aus Holz zu bauen, auch in den Wald zu bringen. Vorher hatte er sein eigenes Grundstück damit geschmückt, jetzt sind die Kunstwerke zugänglich für jedermann. Vor allem Familien mit Kindern oder auch der örtliche Kindergarten besuchen den „Märchenwald“, erzählt Albert. „So tue ich etwas für die Allgemeinheit und ich freue mich, wenn's anderen gefällt.“

Selbst das Fernsehen wurde auf ihn aufmerksam: Anfang Juli dieses Jahres war ein Team des Bayerischen Fernsehens nach Neuendorf gekommen, um ihn und seinen Wald zu filmen. „Viereinhalb Stunden waren die da und vier Minuten wird's dauern“, schildert er seine Erfahrungen mit dem TV. Spaß hat es ihm aber schon gemacht. Eigens für das Fernsehen musste er seine neueste Figur, eine „Nordic-Walkerin“ draußen aufstellen und wurde dabei gefilmt. „Ich hab's halt gemacht wie immer“, meint er verschmitzt.

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Märchenwald

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Wie immer – das heißt, zunächst geeignete Äste, Stämme, Wurzeln und Ähnliches aus Holz im Wald zu finden. „Das Suchen dauert am längsten“, schildert der Hobbykünstler. „Wenn ich ein krummes Holz sehe, überlege ich schon, was ich daraus machen kann“. Der 90-Jährige wandert leidenschaftlich gern im Wald und hat in den vergangenen 35 Jahren auch selbst schon manchen Pfad angelegt.

Früher hätten die Bauern ihre Werkzeuge immer selbst hergestellt, Rechen, Körbe, Gabeln; er habe zugeschaut und es nachgemacht, erzählt Albert von den Anfängen seines „Handwerks“. So seien immer neue Ideen entstanden. Vor allem viele Tiere habe er gebastelt: Hunde, Wildschweine, Rehe und Vögel.

Dann kamen Figuren dazu: ein Jäger, Bauersleute, Waldarbeiter mit Säge oder Axt, eine Wasserfrau, Hänsel und Gretel mit der Hexe, eine Mutter mit ihrem Kind, ein Opa mit Pfeife, eine „Grillgruppe“ am Lagerfeuer – Albert gingen die Ideen nicht aus. Sogar das „Ungeheuer von Loch Ness“, ein knorriger Baumstamm, der aus dem Main gezogen und von Albert bearbeitet und bemalt wurde, hängt in einem Netz zwischen den Bäumen.

„Ich kenne jeden Stein und jeden Weg; mit den Bäumen bin ich schon per Du“.

Der 90-jährige Gustav Albert über seine Liebe zur Natur

Bemerkenswert sind die Details an den Figuren, die individuell bemalten Gesichter, die Accessoires wie Ohrringe, Kopfbedeckungen oder Haarpracht.

Einmal hatte sich ein Junge aus Neuendorf einen Musiker, einen Gitarrist gewünscht. Das war der Start zu einer neuen Gruppe. Jetzt stehen noch ein Flötist, ein Trommler und ein Trompeter im Wald. Für die Gemütlichkeit gibt es eine Sitzgruppe, und auch ein kleines Unterstellhäuschen gegen Regen. „Mir hat niemand geholfen, alles habe ich bisher alleine geschafft“, betont er.

Betonen möchte er auch, dass „alles Natur“ ist, was er macht. „Ich mach nix kaputt.“ Da werden keine Nägel in die Bäume geschlagen oder sonstige Veränderungen vorgenommen. „Es ist alles frei aufgestellt“. Traurig macht ihn nur, dass immer wieder auch Zerstörer am Werk sind. Vor einigen Wochen wurde einer Bauernfigur die Sense gestohlen und erst vergangene Woche einem Jäger das Gewehr mit Gewalt entrissen. Viel Arbeit macht der Märchenwald sowieso, durch solchen Vandalismus wird es noch mehr.

„Ich bin viel lieber draußen als daheim“ schildert Gustav Albert seine Verbundenheit zum Wald. „Ich kenne jeden Stein und jeden Weg; mit den Bäumen bin ich schon per Du“, zeigt der Bastler seinen Humor.

Eigentlich möchte er ja jetzt aufhören, da schon genug Figuren im Wald stehen. Aber bestimmt hat er bald wieder eine neue Idee . . .

Ein wachsames Auge: Der scharfe Kettenhund Nero bewacht den Märchenwald von seiner Hundehütte aus. Foto: Gabi Nätscher
Pfiffige Gesichter: Eine Frau mit Tragekorb. Foto: Gabi Nätscher

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