Marktheidenfeld

Der Krebs und die Poesie: 80 Zuhörer kamen zu Sonja Braun

Sonja Braun (links) trug in der Stadtbibliothek in Marktheidenfeld eigene Gedichte und Geschichten vor, die sie während ihrer Brustkrebs-Behandlung schrieb. Ihre Cousine Simone Sommer begleitete Braun am Klavier. Foto: Dorothea Fischer

In der letzten Reihe des Auditoriums schnäuzt eine Frau ins Taschentuch und wischt sich die Augen. Vermutlich kennt auch sie die Erfahrungen, die eine Erkrankung an Brustkrebs nach sich ziehen. Weit vorne, zwischen den Regalen mit Büchern, steht Sonja Braun. Mit 42 Jahren bekam die gebürtige Marktheidenfelderin die Diagnose Brustkrebs. Sie hat ihren ganz eigenen Weg gefunden, mit dem Thema umzugehen. Sie entdeckte ihre poetische Ader. An ihren Gedanken in Form von Gedichten und Geschichten lässt sie am Samstagabend rund 80 Zuhörer in der Marktheidenfelder Stadtbibliothek teilhaben. Veranstaltet wurde die Lesung mit Musik auch von der Volkshochschule.

"Besser wie gedacht", so umschrieben Braun und ihre Cousine Simone Sommer den Abend. Braun berührt mit ihren sorgsam gewählten Worten zu intimen Themen. Die 43-Jährige scheut auch nicht davor zurück, die Phase der Bestrahlung gegen den Krebs brutal anschaulich zu beschreiben. Sie macht weder vor ihren inneren Ängsten, noch den Gefühlen der Ohnmacht und der erbarmungslosen Art des Kliniksystems Halt – immer mit der Frage im Hinterkopf, ob sie den Zuhörern auch nicht zu viel zumutet.

Sonja Braun will sich nicht krank reden lassen

Ein aufmunterndes Lächeln von Simone Sommer in Brauns Richtung macht für Außenstehende sichtbar: Sie ist einer der Menschen, die Braun während der vergangenen Monate beigestanden haben. Ihre sorgsam ausgewählten Liedtexte sorgen dafür, dass der Abend – trotz des ernsten Themas – leicht bleibt. Aber noch mehr Familie von Sonja Braun ist an dem Abend anwesend. In der zweiten Stuhlreihe sitzt  Brauns Oma und knetet ihre Hände aufgeregt. Stolz erzählt sie, dass sie schon einige der Gedichte hören durfte.

Nicht nur die Lyrik ist besonders, sondern auch die einnehmende Gestik und Mimik Brauns. Sie rezitiert mit einem Lächeln auf den Lippen und mit strahlenden Augen. Sie will sich nicht krank reden lassen. "Du siehst gar nicht so schlecht aus, besser wie gedacht", habe sie oft zu hören bekommen.  Ihr Credo: Krankheit kann oft auch Positives hervorbringen.

"Nach der Diagnose explodierte in mir der Wunsch, dass es mir gut gehen soll."

Im Zuschauerraum sitzen vor allem Frauen, vereinzelt in Begleitung ihrer Männer. Auch wer bisher nicht mit der Krankheit Brustkrebs konfrontiert wurde – Brauns Ausführungen können einen Impuls zum Nachdenken geben: Wie gehen wir mit den Menschen um, die uns am Herzen liegen? Behandeln wir uns selbst gut genug? "Nach der Diagnose explodierte in mir der Wunsch, dass es mir gut gehen soll", so Braun. Mit ihrer Einstellung steckt sie andere zu mehr Lebensfreude an, macht Mitpatientinnen Mut. Bekommt plötzlich gesagt, dass sie weichere Gesichtszüge bekommen habe.  

Nach einer kurzen Pause geht es im Programm sogar heiter weiter. Braun berichtet unter anderem vom Thema "Jammern", das ihr schon fast wie ein Wettbewerb vor kommt. Nach dem Motto: Wer mehr klagt, dem geht es auch schlechter. Andere Werke drehen sich um die Kapriolen, die das Leben spielt. 

Besucherin Ulrike findet es mutig, wie Braun an die Öffentlichkeit geht. Sie war mit ihrer Mutter in die Stadtbibliothek gekommen, die vor 40 Jahren Brustkrebs hatte. Die Mutter sagte: "Ich werde täglich an die Krankheit erinnert. Aber ich bin froh, dass ich heute lebe."Auch die Taschentuch-Schnäuzerin aus der letzten Reihe ist von dem Abend angetan. Sie erzählt später: "Ich kenne einige Frauen, die die Diagnose Brustkrebs erhalten haben. Den Kampf haben sie alle gewonnen. Ich glaube trotzdem, dass bei allen die Angst mitlebt."

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