Neuhütten

Der frühere Banker Linus Kunkel erlebte zwei Banküberfälle

Linus Kunkel stand als Mitarbeiter der Raiffeisenbank binnen zwei Jahren zweimal Bankräubern gegenüber, 1978 in Neuhütten und 1980 in Rechtenbach. Die Erlebnisse hätten sein weiteres Leben geprägt, sagt der heute 86-Jährige. Foto: Johannes Ungemach

Es ist eine Extremsituation, deren Dimension man sich vermutlich nicht ausmalen kann, wenn man sie nicht selbst erlebt hat: ein bewaffneter Banküberfall. Vor zwei Monaten gab es einen solchen in der Hypo-Vereinsbank in Lohr (wir berichteten). Bei Linus Kunkel dürfte das Erinnerungen geweckt haben. Der heute 86-Jährige aus Neuhütten blickte vor rund 40 Jahren als Mitarbeiter der Raiffeisenbank gleich bei zwei Überfällen in den Lauf von Pistolen, die Bankräuber ihm entgegenstreckten: einmal 1978 in Neuhütten, zwei Jahre später in Rechtenbach.

Die beiden Ereignisse hätten sein ganzes Leben geprägt, sagt Kunkel – jedoch ganz anders, als man es erwarten könnte: "Das Erleben der beiden Überfälle war ein Impuls für mein ganzes Leben, den ich sonst nicht gehabt hätte." Das merkte der Neuhüttener freilich erst einige Zeit nach den Überfällen. "Wie die da waren, da war ich ganz klein. Da ist mir das Herz in die Hose gerutscht", erinnert sich Kunkel an den Moment des ersten Überfalls am 9. Juni 1978 in der damaligen Filiale in der Ortsmitte von Neuhütten.

"Pistole im Genack"

Er habe die Bankräuber schon im Treppenhaus zu einer Kundin rufen hören: "Ruhe, Banküberfall", erzählt Kunkel. Noch bevor die Täter in den Kassenraum gekommen seien, habe er den Alarm ausgelöst. Einer der Räuber habe ihm die "Pistole ins Genack" gehalten, ein anderer mit einem Messer gedroht, schildert Kunkel. Die von der Bank für solche Fälle ausgegebene Devise sei gewesen, alles Geld herauszugeben und keinerlei Widerstand zu leisten.

Wie lange der Überfall gedauert hat, kann Kunkel nicht sagen. Nur so viel: "Da wird eine Minute lang." Die Bankräuber sperrten zwei Kundinnen und Kunkel in der Bank ein, bevor sie sich aus dem Staub machten. Ihre Beute: 50 000 D-Mark.

Mit der kamen sie jedoch nicht weit. Ein Neuhüttener hatte einen der Täter erkannt. Es war ein Mann, der bis kurz davor eine Gaststätte direkt neben der Bank gepachtet und laut Kunkel Kontakt in die Frankfurter Unterwelt hatte. Im Zuge einer Ringfahndung gingen die beiden Bankräuber und ein Komplize, der mit einem Auto am Ortstrand gewartet hatte, der Polizei schon eineinhalb Stunden später bei Kleinwallstadt ins Netz.

Allerdings fand die Polizei bei den Bankräubern nur 45 000 D-Mark. "Da geriet plötzlich ich in Verdacht", erinnert sich Kunkel. Die erste Vermutung war, dass der Bankmitarbeiter einen höheren Betrag als gestohlen gemeldet haben könnte, um etwas in die eigene Tasche zu stecken.

Doch die Sache klärte sich schnell auf: Einer der Räuber war bei der Flucht in den Main gesprungen. Zuvor hatte er ein Geldscheinbündel von rund 5000 D-Mark eilig unter einen Stein am Ufer geschoben. Die Polizei fand das Geld schließlich. »Die Kripo in Würzburg hat die Scheine zum Trocknen aufgehängt. Ich habe sie dort abgeholt«, erinnert sich Kunkel lachend.

Am nächsten Tag am Schalter

Direkt nach dem Überfall habe er damals einen halben Tag frei bekommen. Am nächsten Tag sei er jedoch wieder zur Arbeit gegangen. Zwar habe damals die Regel gegolten, dass ein Bankmitarbeiter, der einmal überfallen wurde, wegen des zu erwartenden »psychischen Knackses« nicht mehr an den Schalter kam. Doch bei ihm habe niemand gefragt.

Kunkel sagt aber auch, dass er damals »den starken Max gespielt« und gesagt habe, dass ihm der Vorfall nichts ausgemacht habe. Doch in seinem Inneren habe es ihn sehr wohl »gebeutelt«. Mitunter sei er nachts aufgeschreckt und habe geschrien. »Da habe ich vom Überfall geträumt«, sagt Kunkel. Dass die Sache keineswegs spurlos an ihm vorübergegangen war, merkte er auch, als kurze Zeit nach dem Überfall im Fernsehen ein Krimi lief, bei dem es ebenfalls um einen Banküberfall ging. »Da musste ich raus, ich konnte es nicht ertragen«, erinnert sich Kunkel.

Als wäre ein Überfall nicht einschneidend genug, wiederholte sich für Kunkel am 12. August 1980 die Geschichte, diesmal in Rechtenbach. Zwar habe es in der dortigen Filiale im Gegensatz zum ersten Überfall in Neuhütten schon eine Panzerglasscheibe gegeben. »Aber man hat jeden reingelassen«, so Kunkel. Auch den Mann mit dem Motorradhelm, der dem Filialleiter plötzlich die Pistole vor die Brust hielt.

»Ich habe gezittert wie Espenlaub«, beschreibt Kunkel. Nach kürzester Zeit sei der Überfall vorüber gewesen. Als Kunkel aus der Filiale hinauseilte, hörte er noch das Motorrad wegfahren, mit dem ein Komplize vor der Bank gewartet hatte. »Seitdem graut es mir vor Menschen mit Helmen. Da ist was hängengeblieben«, sagt Kunkel.

Auch im Fall des Rechtenbacher Bankraubs wurden die Täter, zwei Männer aus dem Raum Würzburg, schnell gefasst, der eine schon zwei Tage später, der andere nach der Rückkehr aus einem Urlaub auf Mallorca, wo er einen Teil der Beute in Höhe von 30 000 D-Mark ausgegeben hatte.

Nach beiden Überfällen erlebte Kunkel die daraus resultierenden Gerichtsverhandlungen als Zeuge mit. Alle Täter wurden zu jeweils mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Doch das sei ihm nicht wichtig gewesen, sagt Kunkel. »Ich hatte keinen Groll oder Hass auf die Leute.«

Stattdessen hätten die beiden Überfälle in ihm eine Frage aufgeworfen, die ihn sein ganzes Leben und bis heute beschäftigt: »Weswegen handeln Menschen so, wie sie handeln?« Kunkel machte sich Gedanken über die Lebensläufe der Täter und verschiedene Brüche darin. Er befasste sich mit Psychologie, besuchte Vorträge, recherchiert auch heute noch dazu im Internet.

Kunkels Erkenntnis: Das Handeln der Bankräuber war ein »Ergebnis des Zusammenspiels von Erziehung und Veranlagung.« Der 86-Jährige bringt seine These, wonach im Leben alles seine Ursachen und Gründe hat, bildlich so auf den Punkt: »Von einem Apfelbaum kann keine Kirsche fallen.«

Sein nach den Banküberfällen gestartetes Befassen mit den Ursachen menschlichen Handelns habe ihm für alle Lebensbereiche die Sicht geweitet, sagt Kunkel. Er habe daraus letztendlich Gelassenheit ziehen können. Kunkel sagt: »Ich empfinde es als Glück, dass ich das so sehen kann.«

Kein Zweifel an Berufswahl

An seiner Berufswahl habe er auch nach den Überfällen nie gezweifelt. 1996 schied Kunkel aus dem Dienst bei der Raiffeisenbank aus. Dass es heute, in Zeiten erhöhter Sicherheitsvorkehrungen und geringerer Geldmengen in den Filialen, überhaupt noch Banküberfälle gibt, wundert den 86-Jährigen. Er ist der Überzeugung: »Das lohnt sich doch gar nicht mehr.«

Ein dritter »Banküberfall« am Rosenmontag
Unabhängig von den oben beschriebenen echten Raubüberfällen sorgte 1974 noch ein ganz spezieller »Banküberfall« im Spessart für Aufsehen. Am Rosenmontag 1974 kam beschwipsten Faschingsnarren in Neuhütten die Idee, einen Bankraub zu spielen. Sie fuhren mit einem abenteuerlichen Faschingsvehikel und maskiert mit Nylonstrümpfen zur Filiale der Raiffeisenbank. Während das Gefährt einen Reifen verlor und die »Rosenmontagsgangster« in die Bank gingen, kam zufällig eine Streife der Polizei vorbei. Der Ordnungshüter schätzte die Situation offenbar etwas falsch ein und nahm die Ermittlungen auf. Bei der Feststellung der Personalien eskalierte die Lage. Immer mehr Neuhüttener strömten herbei, einige mischten sich handfest ein. Die Polizei rief Verstärkung. Die Situation kam irgendwie wieder unter Kontrolle. Doch das Nachspiel gab es vor Gericht. Dort mussten sich laut Pressebericht »zwei Gemeinderatsmitglieder und zwei weitere angesehene Bürger« verantworten. Vorwurf: Trunkenheit am Steuer, Fahren mit einem nicht versicherten Fahrzeug, Verstoß gegen das Waffengesetz und Widerstand gegen die Staatsgewalt. Die Sache ging glimpflich aus, weil nicht nachgewiesen werden konnte, ob das Vehikel tatsächlich mit Motorkraft gefahren oder geschoben worden war. Auch die Anwesenheit eines Luftgewehrs blieb ungeklärt. Den gemeinschaftlichen Widerstand der Narren gegen die Staatsgewalt ließ der Richter jedoch nicht durchgehen. Er verhängte Geldstrafen zwischen 200 und 250 Mark.
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