GEMÜNDEN

Die 33. Verurteilung führt ins Gefängnis

So lang wie am Dienstag braucht ein Richter selten, um das Strafregister eines Angeklagten zu verlesen. 32 Vorstrafen, die meisten wegen Diebstahls und anderer, in trunkenem Zustand begangener, Untaten, trägt Einzelrichter Christian Spruß vor und fügt schließlich die 33. Verurteilung des 55-jährigen Frührentners hinzu: sieben Monate Freiheitsstrafe für eine weitere Trunkenheitsfahrt, diesmal mit einem Mofa.

Eine Bewährungszeit bekommt der Alkoholiker nicht – nicht bei diesem Strafregister und nicht nach seinen Äußerungen in der Verhandlung. Darauf geht Richter Spruß in seiner ausführlichen Urteilsbegründung ein: „Bei Ihnen ist nicht angekommen, wie es um Sie steht. Sie haben sich aufgegeben.“ Das bedeute auch Wiederholungsgefahr, aber: „Das Strafgesetzbuch möchte, dass Sie die Kurve kriegen. Dass wir nie was mit Ihnen zu tun haben, das ist das, was wir uns alle hier wünschen.“

Seit seinem 15. Lebensjahr ist der Mann immer wieder straffällig geworden. Schon damals fielen Urteile wegen vorsätzlicher Vollräusche mit Einweisung in eine Erziehungsanstalt, später kamen Trunkenheitsfahrten im Straßenverkehr dazu. Mit Alkohol und Tabak hat der Mann, der zwischendurch sogar einmal ein Fuhrunternehmen besaß, sein Leben und seine Gesundheit ruiniert.

So sieht er das allerdings nicht; dass er heute von insgesamt etwas über 600 Euro Erwerbunfähigkeitsrente und Sozialhilfe leben müsse, das Landratsamt ihm die Miete und die Krankenversicherung bezahle und er erst vor Kurzem wegen 6000 bis 8000 Euro Schulden „einen Offenbach gemacht“ (Offenbarungseid geleistet) habe, das sei die Schuld seiner früheren Frauen.

Auf die Frage des Richters, ob er schon einmal eine Entziehungskur probiert habe, antwortet der 55-Jährige „Vier, die letzte vor zehn Jahren . . . ich krieg keine mehr. Ich will auch keine mehr.“ Seine Rente würde dann gestrichen. Er brauche auch keine Kur, denn er sei jetzt dabei, „mich wieder aufzubauen“.

Auch trinke er nicht täglich, vielmehr betrage sein übliches Quantum am Tag „nur“ drei bis vier Bier und zwei Weinschorlen. „Nach einem (Mittags-)Schlaf fühle ich mich nüchtern.“ Am 30. April dieses Jahres waren es ein oder zwei Bier und mehrere Gläser Wodka mehr. Gegen 21 Uhr wollte der Mann mit einem Bekannten zum „Tanz in den Mai“, den Jugendliche außerhalb des Dorfs feierten.

Da er nicht bergauf laufen könne, wie der Mann dem Gericht erzählt, bestieg er sein abgemeldetes Mofa; der Bekannte fuhr als Sozius mit. Nach ein oder zwei Minuten Fahrt auf einem Feldweg stoppte eine Polizeistreife die beiden.

„Zwei Herren ohne Helm auf einem Mofa“, so berichtet einer der Polizisten dem Gericht als Zeuge von der Kontrolle: Der Fahrer konnte nur „wackelig“ stehen, die Aussprache war „schwammig“, der Finger-Finger- und der Finger-Nase-Test misslangen ihm, „aber man konnte sich mit ihm unterhalten“. 2,12 Promille Alkohol ergab die Blutprobe im Karlstadter Kreiskrankenhaus.

„Ins Gefängnis möchte ich nicht. Eine Geldstrafe so von 30 Euro im Monat, das könnt' ich mir noch leisten“, sagt der Angeklagte und schiebt nach, im Gefängnis nehme man keine Rücksicht auf seine angegriffene Gesundheit. Etwa 16 Jahre seines Lebens habe er schon hinter Gittern verbracht.

Die Staatsanwältin verlangt neun Monate Freiheitsentzug. Strafmildernd seien das Geständnis, die geringe Fremdgefährdung während der Trunkenheitsfahrt und allenfalls noch eine verminderte Einsichtsfähigkeit davor zu werten. Zur Bewährung könne die Strafe nicht ausgesetzt werden, „weil die Sozialprognose insgesamt ungünstig ist. Es kann nicht erwartet werden, dass er straffrei bleiben wird.“

Der Pflichtverteidiger bittet den Richter, von Gefängnis abzusehen, das absehbar nichts bewirken werde. Die Allgemeinheit sei mit der Mofafahrt der beiden Männer nicht gefährdet worden; man könne über eine Verurteilung wegen fahrlässigen Vollrausches nachdenken.

Dem folgt Christian Spruß nicht. Gegen die Annahme eines die Schuld mindernden Vollrausches spreche die Alkoholgewöhnung des 55-Jährigen und sein planmäßiges Handeln. Der Richter gewichtet die verantwortungslose Fahrt ohne Versicherung und ohne Schutzhelm, die vielen Vorstrafen, von denen die letzte vom Februar dieses Jahres stammte, und die „flapsigen“, verharmlosenden Äußerungen. „Ihr Verteidiger hat sehr klug für Sie gesprochen, aber Sie haben sich in Widerspruch zu ihm gesetzt.“ Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

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