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Die Enge der Heimat verlassen

Der Maler Clemens Fränkel hinterließ der Nachwelt ein einmaliges Dokument über seine jüdische Familie, die aus Urspringen stammt. Er starb in Auschwitz.
Ungefähr aus dem Jahr 1912: Dieses Bild zeigt den Lehrer und Ehrenbürger Simon Kissinger mit Familie und seinen Schülern an der jüdischen Schule in Urspringen. Links neben ihm steht seine Frau Babette, die in Urspringen mit dem Mädchennamen Fränkel zur Welt gekommen war.
Ungefähr aus dem Jahr 1912: Dieses Bild zeigt den Lehrer und Ehrenbürger Simon Kissinger mit Familie und seinen Schülern an der jüdischen Schule in Urspringen. Links neben ihm steht seine Frau Babette, die in Urspringen mit dem Mädchennamen Fränkel zur Welt gekommen war. Foto: Repros: Harth

Clemens Fränkel zeichnete 1927 einen Familien-Stammbaum, der sich in Abdrucken und einigen Varianten unterschiedlich koloriert innerhalb der weit verzweigten Familie erhalten hat. Der Förderkreis Synagoge Urspringen hat das Zeitdokument nun auch in einem Bestand der Schweizerischen Vereinigung für Jüdische Genealogie im Stadtarchiv von Zürich entdeckt. Dorthin ist das Exemplar wohl durch in der Schweiz lebende Nachfahren gelangt.

Wenn die Gedenkstätte Synagoge Urspringen im Mai wieder ihre Pforten öffnet, wird dort eine Schautafel, die inzwischen mit Unterstützung des Marktheidenfelder Unternehmens Schleunungdruck angefertigt wurde, gezeigt. Sie stellt die einstige Urspringener Familie Fränkel den Besuchern auf ganz besondere Weise vor.

Clemens Fränkel wählte für seine Darstellung der Ahnentafel die Form eines tatsächlichen Baums. Der Vorsitzende des Förderkreises, Dr. Leonhard Scherg, interpretiert diese Wahl als bewussten Ausdruck der recht symbolträchtigen Deutschen Eiche oder als eine Dorflinde. Das nachdrückliche Bekenntnis der Familie zur ihrer unterfränkischen Heimat bestätigt die Skizze Urspringens im linken Bodenbereich des Baum. Auf ihr sind die ortsbildprägende katholische Pfarrkirche St. Maria und das in den 60

er Jahren des vorigen Jahrhunderts abgebrochene Schloss gut zu erkennen.

Die Darstellung geht bis auf den 1760 in Urspringen geborenen Nathan Fränkel und seine erste Frau Ricka aus Leinach sowie seine zweite Frau Marianne zurück. Nathans unmittelbare Nachkommen blieben überwiegend in Urspringen ansässig. Bereits in der folgenden Generation beginnen die Nachfahren aber die Enge ihrer Heimat zusehends zu verlassen.

Mit der wachsenden Freizügigkeit für die Juden breitet sich die Familie Fränkel mit ihren zahlreichen Nachkommen im 19. Jahrhundert über ganz Deutschland aus. In den Ästen sind schon bald Ortsnamen wie Karlstadt, Würzburg, Frankfurt, München, Hamburg, Berlin aber auch Paris, New York oder St. Louis verzeichnet.

Im 20. Jahrhundert lebten nur noch wenige Nachfahren der Familie unmittelbar in Urspringen. Dennoch fielen auch hier einige der Verfolgung in der nationalsozialistischen Diktatur und den Deportationen in die Vernichtungslager zum Opfer.

Ein weit umfangreicheres Bild der Familiengeschichte vermittelt das 1999 in Israel veröffentlichte Buch „The Frankels of Urspringen (Volume I)“ des Ahnenforschers Martin Frankel. Er besuchte zuvor zu Forschungszwecken die fränkische Heimat seiner Familie und will in diesem Jahr wieder nach Urspringen und Laudenbach kommen. Frankel, der im Moshav Tirat Yehuda lebt, gelang es zunächst noch zwei frühere Generationen der Familie in Urspringen bis hin zu einem Juden Berlein (etwa 1680 bis 1745) zu finden.

Er machte sich aber auch daran, die Familienmitglieder bis zum heutigen Tag aufzuspüren. Dabei wird deutlich, dass zum einen zahlreiche Opfer des Holocaust aus den Reihen der Familie Fränkel zu bedauern sind. Zum anderen gelang nicht wenigen anderen die Flucht, zumal einige ja schon Familienangehörige im Ausland hatten.

Die Zersplitterung der ursprünglichen Familie aus dem unterfränkischen Landjudentum in alle Welt wurde dadurch nochmals gesteigert. Man kann nur erahnen, wie viel Leid, Furcht und Trauer mit diesen Vorgängen verbunden waren.

Kurz soll an dieser Stelle an zwei bekannte Urspringener Juden erinnert werden, deren Namen sich in den Verästelungen des Stammbaums von Clemens Fränkel finden lassen.

Auf dem großen jüdischen Distriktsfriedhof in Karlstadt-Laudenbach erinnert ein besonderer Grabstein in Form eines Obelisken an das Doppelgrab von Ruben Fränkel (1825- 1892) und seiner Frau Röschen (1824-1892), die aus der Homburger Familie Rosenthal stammte. Der angesehene und erfolgreiche Pferdehändler, der in der jüdischen und politischen Gemeinde aktiv war, zählte zu den damals wohlhabendsten Bürgern Urspringens.

Auch der spätere Ehrenbürger und jüdische Lehrer Simon Kissinger (1859-1939), der großes Ansehen weit über Urspringen hinaus besaß, hat eine Verbindung zur Familie Fränkel. Der weitläufig verwandte Vorfahre des früheren US-Außenministers Henry Kissinger aus Rödelsee heiratete Babette Fränkel (1859-1919) und übernahm die jüdische Lehrerstelle in Urspringen. Von den vier Söhnen und drei Töchtern des Ehepaars konnten sich Fanny (*1902) sowie die beiden Münchner Lehrer Julius (*1894) und Ferdinand (*1891) nicht mehr rechtzeitig in Sicherheit bringen. Mit ihren Familien wurden sie zu Opfern des Holocausts.

Stammbaum-Ausschnitt: Am Fuß des Stammbaums der jüdischen Familie Fränkel skizzierte Clemens Fränkel deren Heimatort Urspringen mit der katholischen Pfarrkirche St. Maria und dem einstigen Schloss (links). Dass der ganze Stammbaum die Form einer Deutschen Eiche hat, zeigen wir unten links.
Stammbaum-Ausschnitt: Am Fuß des Stammbaums der jüdischen Familie Fränkel skizzierte Clemens Fränkel deren Heimatort Urspringen mit der katholischen Pfarrkirche St. Maria und dem einstigen Schloss (links). Dass der ganze Stammbaum die Form einer Deutschen Eiche hat, zeigen wir unten links. Foto: Repros (4) Martin Harth
Form einer Eiche: Im Stadtarchiv von Zürich befindet sich dieser Stammbaum der jüdischen Familie Fränkel aus Urspringen, den der Maler Clemens Fränkel im Jahr 1927 anfertigte.
Form einer Eiche: Im Stadtarchiv von Zürich befindet sich dieser Stammbaum der jüdischen Familie Fränkel aus Urspringen, den der Maler Clemens Fränkel im Jahr 1927 anfertigte.

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