KARLSTADT

Die Suche nach dem warmen Aufwind

Beim Karlstadter Luftsportclub kann man lernen, ohne Motorhilfe durch die Luft zu gleiten. Wenn es der Magen aushält: Beim Windenstart geht's in zwei Sekunden auf Tempo 100.

Ich werde in den Sitz gepresst, in meinem Magen wird es ganz flau. Es ist wie beim Start eines großen Flugzeugs, bei einem Segelflieger ist das Gefühl nur noch viel stärker. Als die Winde auf dem Segelflugplatz in Karlstadt anzieht, bin ich verblüfft, mit welcher Kraft und Schnelligkeit wir nach oben gehievt werden. Der Motor der Seilwinde beschleunigt das Segelflugzeug in nur zwei Sekunden auf 100 Stundenkilometer. Im Nu sind wir mit unserem Zweisitzer des Typs ASK 21 rund 300 Meter über dem Boden.

Fluglehrer Jannik Lamprecht hat mir vor dem Start eine Spucktüte angeboten, die ich mit lässiger Bewegung abgelehnt habe. Jetzt bin ich mir nicht sicher, ob dies ein Fehler war. Es macht klack. Das Schleppseil hat sich ausgeklinkt. Es sinkt an einem kleinen Fallschirm wieder zu Boden. Jetzt beginnt für uns der Flug, von dem die Segelflieger so schwärmen. Wir sind frei, gleiten ohne Motorhilfe durch die Luft, die weißen Flügel glänzen in der Sonne und unter uns wirken die Häuser und Felder von Karlstadt wie eine Spielzeuglandschaft.

„Alles in Ordnung?“, erkundigt sich Jannik nach meinem Befinden. Ja, es geht schon wieder, der Flug und mein Magen haben sich beruhigt, ich genieße den Blick an diesem sonnigen Tag. Ich bin hier nur der Passagier. Gesteuert wird der Segler von dem hinter mir sitzenden Jannik. Er ist mit seinen 21 Jahren schon ein erfahrener Pilot. Mit 19 Jahren war er der jüngste Fluglehrer Bayerns. „Jetzt suchen wir Aufwind“, erklärt er, und er weiß genau, wo er suchen muss. Einige Wolken sind am Himmel. Unter diesen vermutet er Thermik, warmen Aufwind, der uns nach oben trägt.

Wir haben Glück. Das Variometer zeigt an, dass wir steigen, und dies ist auch für mich bald deutlich ohne Instrumente zu sehen. Die Häuser von Karlburg auf der anderen Mainseite werden immer kleiner, unter uns das Edelweiß am Kalbenstein, in der Ferne der Kreuzberg, der Taunus und die Haßberge. Die Sicht ist einmalig.

Jannik zieht mit dem Segler enge Kreise, um den Aufwind zu nutzen. Bis auf 500 Meter über dem Boden kommen wir hinauf, mehr ist heute nicht drin. „Die Wolkenbasis ist zu niedrig“, erklärt Jannik. An manchen Tagen sind weitaus größere Höhen möglich. Dann könne man auch sehr lange in der Luft bleiben oder, wenn man will, auch weite Strecken zurücklegen. Für uns aber geht es zurück. Für die Landung ist eine festgelegte Platzrunde vorgesehen. Nach etwa 20 Minuten Flugzeit setzt der Segler von Jannik gesteuert sanft auf der Landebahn auf und rollt auf der Graspiste aus. Zurück an der Ausgangsposition ist er bereit für einen neuen Start.

Neben den Hangars sitzt an einem Tisch Flugleiter Andreas Leipelt aus Lohr, vor ihm ein Laptop und ein Funkgerät. Mehr braucht er nicht, um den Flugbetrieb zu organisieren. Jeder Flug muss bei ihm angemeldet werden, er gibt das Okay für den Start. Dieser ist bei den Seglern auf zwei Arten möglich. Entweder mit der Winde. Die steht am Ende der Startbahn und rollt das Stahlseil, mit dem der Segler verbunden ist, mit großer Kraft ein. Das Flugzeug schießt nach vorne und durch die angestellten Tragflächen zieht es den Segler nach oben. Möglich ist aber auch ein Schleppflug hinter einem Motorflieger.

Diese Startart ist weniger rasant. Vorteil: Wenn man will, kann man sich damit auf viel größere Höhe ziehen lassen, als dies mit der Winde möglich ist. Allerdings ist das dann auch teurer.

Unten am Tisch, an dem der Flugleiter sitzt, sammeln sich die Mitglieder. Die Piloten sind da, die einen Flug anmelden, aber es kommen auch Gäste, die einen Freiflug gewonnen oder geschenkt bekommen haben. Es gibt Kaffee. Die Themen drehen sich um das, worüber begeisterte Flieger so reden: Um den Aufwind heute, die Erlebnisse beim Fliegen, Vorfreude auf den nächsten Flug.

Karin Jäger lebt jetzt in Berlin. Die gebürtige Karlstadterin verbringt oft ihren Urlaub in ihrer Heimatstadt und ist dann auf dem Karlstadter Saupurzel, wo der Luftsportclub ansässig ist. Schon mit 14 Jahren wurde sie Mitglied im Club, und die Begeisterung fürs Fliegen hat nie nachgelassen. Was sie so fasziniert? Sie überlegt nicht lange. Das Gefühl der grenzenlosen Freiheit, die auch schon Reinhard Mey in „Über den Wolken“ besungen hat. Toll sei es, die Welt von oben zu sehen. Andere äußern sich ähnlich. Der erst 17-jährige Lennart Roth ist über seine Familie zum Fliegen gekommen und Flugleiter Leipelt glaubt, dass seine Begeisterung fürs Fliegen durch seine Mutter kommt. Die hatte ein Reisebüro.

Beim Karlstadter Luftsportclub kann man als Gastpassagier einen Segelflug genießen oder selbst als Pilot fliegen. Für Letzteres muss man aktives Vereinsmitglied sein und bereit, Zeit in die Ausbildung zu investieren. Die ist gar nicht so teuer, wie man vielleicht denkt, denn der Luftsportclub übernimmt einen Großteil der Ausbildung als Schülerförderung, erklärt André Weber, der zweiter Vorsitzender ist und mittlerweile am Tisch um die Flugleitung Platz genommen hat.

Knapp 90 Mitglieder hat der Luftsportclub, davon sind aber nur noch 44 Piloten aktiv. Der Rest sind Freunde, Förderer, Ehrenmitglieder und ehemalige Aktive des Vereins. „Wir freuen uns über neue flugbegeisterte Mitglieder“, sagt Weber. Der Club habe keine Nachwuchsprobleme. „Die Jugend ist da, aber im Mittelbau könnten wir noch gut ein paar Mitglieder gebrauchen.“ Und mit dem Segelsport beginnen könne man in jedem Alter. Weber hält das Segelfliegen auch für sicher, wenn man den Respekt nicht verliert. Auch sein Sohn fliegt. „Glauben Sie, ich würde das zulassen, wenn ich Bedenken hätte?“, fragt Weber.

Im April in diesem Jahr hatte es einmal einen Zwischenfall gegeben. Da hat die Winde beim Start zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt an Leistung verloren. Der Segler war schon in der Luft, aber die Höhe war zu niedrig, als dass er auf die Landebahn zurückkehren konnte. Der Flieger landete mit Totalschaden in einer Hecke, die beiden Passagiere blieben unverletzt. In der über 90-jährigen Geschichte des Flugplatzes gab es seinen Worten zufolge kaum Flugunfälle.

Beim Karlstadter Luftsportclub ist auch Kunstflug möglich. Das ist die hohe Kunst des Fliegens: Figuren fliegen, Loopings, das Segelflugzeug fallen lassen und dabei jederzeit in der Lage sein, es wieder richtig aufzufangen. Zu den begeisterten Kunstfliegern in Karlstadt gehört Jannik Lamprecht. Für den nächsten Tag hat er eine sogenannte Kunstflugbox über den Karlstadter Saupurzel angemeldet. Das ist ein bestimmter Luftraum, der für eine genau definierte Zeit für den Kunstflug reserviert und von anderen Flugzeugen gemieden wird. Denn beim Kunstflug sind die Bewegungen der Maschine für andere Flieger weniger gut vorhersehbar als beim normalen Flugbetrieb.

Aber das ist nichts für mich. Das werde ich meinem Magen nicht zumuten. Lieber wie ein Adler durch die Lüfte gleiten. „Willst Du noch mal fliegen?“, fragt Jannik. „Ja, gerne“, sage ich und fühle mich an einen Satz erinnert, den ich unlängst gelesen habe: „Wenn du einmal das Fliegen erlebt hast, wirst du für immer auf Erden wandeln, mit deinen Augen himmelwärts gerichtet. Denn dort bist du gewesen und dort wird es dich immer wieder hinziehen.“ Dies sagte Leonardo da Vinci schon Ende des 15. Jahrhunderts.

Wo man Segelfliegen lernen kann

Den Traum vom Fliegen kann man in der Region bei zahlreichen Vereinen verwirklichen, unter anderem beim Luftsport-Club Karlstadt. Die Ausbildung zum Segelflugpiloten dauert hier etwa zwei Jahre, mit praktischer Schulung und Theorieteil. Mit 14 Jahren darf man beginnen, nach oben gibt es keine Altersbeschränkung. Voraussetzung ist ein medizinisches Tauglichkeitszeugnis. In der Regel braucht es 50 bis 80 Starts, bis ein Flugschüler alleine in die Luft darf.

Infos: www.cms.lsck.de

Die Fliegerschule Wasserkuppe wurde bereits 1924 gegründet. Die Ausbildung umfasst laut Homepage drei Teile. Am Ende und nach mindestens 25 Stunden Flugerfahrung kann man die Prüfung zum Luftfahrzeugführer ablegen. Das Starterpaket Segelflug – man lernt in neun bis 14 Tagen, alleine zu fliegen – kostet für Erwachsene 1490 Euro. Infos: www.fliegerschule-wasserkuppe.de Der Flugsport-Club Würzburg fliegt vom Flugplatz am Schenkenturm. Der praktische Teil der Ausbildung findet bei ausreichender Beteiligung und fliegbarem Wetter an Wochenenden sowie Feiertagen von April bis Oktober statt. Zudem werden für Neulinge Schnupperflüge angeboten. Infos: www.fscw.de

Auf dem Flugplatz Kitzingen herrscht seit einigen Monaten wieder Flugbetrieb. Vier ehrenamtliche Fluglehrer bilden aus. „Wenn man am Ball bleibt, kann man in einem Jahr seine Segelfluglizenz erlangen“, sagt LSC-Vorstand Herbert Sattler. Das koste etwa 800 Euro. Zum Schnuppern gibt es außerdem Kurse mit drei bis sechs Starts mit Fluglehrer. Infos: www.lsc-kitzingen.de gi/sp

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