Lohr

"Die Wahl zwischen zwei Extremen"

Diese Personalie ließ aufhorchen: Dominikus Bönsch will in den Lohrer Stadtrat. Der Ärztliche Direktor des Lohrer Bezirkskrankenhauses kandidiert bei der Kommunalwahl im März 2020 auf der Liste der CSU. Was treibt ihn an? Wie bewertet er die Stadtpolitik? Und wie will er überhaupt Zeit für das Mandat finden? Im Interview gibt er Antworten auf diese und andere Fragen.

Herr Bönsch, bei ihrer Amtseinführung 2011 haben sie die Aufgabe als Direktor des Lohrer Bezirkskrankenhauses als große Herausforderung bezeichnet. Weswegen suchen sie jetzt in einem Stadtratsmandat eine weitere Herausforderung?

Ich war schon immer ein politischer Mensch und habe schon länger drüber nachgedacht. Aber zu Beginn meiner Zeit in Lohr wäre nicht daran zu denken gewesen, neben dem Beruf noch ein Mandat im Stadtrat anzustreben. Seither ist an meiner Aufgabe manches einfacher geworden. Wichtige Entscheidungen sind gefallen. Die Klinik hat sich gut entwickelt. Wir haben für Schaltstellen sehr gute Leute gefunden. Das hat mich etwas entlastet.

Im Stadtrat geht es mitunter turbulent zu. Spötter kommentieren schon, dass Ihnen wohl ein "Irrenhaus" nicht reiche. Welches Bild haben Sie von der Stadtpolitik?

Mir erscheint die Diskussion häufig wenig sachorientiert. Statt einer klaren Linie gibt es Kämpfe an Nebenkriegsschauplätzen. Dabei ist es gerade das Attraktive an der Kommunalpolitik, über Parteigrenzen hinaus zu schauen.

Wie sieht es mit ihrem Parteibezug zur CSU aus?

Ich bin seit vielen Jahren Mitglied und bei den Positionen klar beim Konservativen und Wertorientierten der CSU beheimatet. Bei manchen Einzelthemen fühle ich mich auch anderen Parteien nahe. Der liberale Gedanke der FDP gefällt mir. Ich fühle mich aber auch ganz arg grün: Natur und Tiere sind mir ein großes Anliegen.

Wie kam es zu ihrer Kandidatur?

Dirk Rieb, der Bürgermeisterkandidat der CSU, ist mein persönlicher Assistent. Er hat mich angesprochen. Da musste ich nicht lange überlegen.

Was qualifiziert Dirk Rieb in Ihren Augen für das Bürgermeisteramt und wie bewerten sie die Amtsführung von Mario Paul?

Die beiden liegen jeweils an den gegenüberliegenden Enden des Spektrums. Herr Rieb ist jemand, der geräuschlos arbeitet und Projekte mit Ergebnissen abschließt. Herrn Paul erlebe ich als jemanden, der sehr viel über seine Anliegen spricht. Aber dann kommt bei den Projekten meist sehr wenig raus. Da haben die Lohrer in meinen Augen die Wahl zwischen zwei Extremen.

Was wären die Themen, die Ihnen in der Stadtpolitik besonders am Herzen liegen würden?

Mein Ziel ist es, das Leben in Lohr attraktiver zu machen. Das ist auch für das Bezirkskrankenhaus als Arbeitgeber wichtig. Es ist nicht unattraktiv, in Lohr zu leben. Aber es ist noch viel Luft nach oben. Es fließen zu viele Ressourcen in die Stadthalle, die ein etwas austauschbares Angebot macht. Ich fürchte, dass dies dazu führt, dass andere Bereiche zusammengestrichen werden. Ein Bereich, der deutlich ausgebaut werden müsste, ist der Nahverkehr. Es ist wahnsinnig schwierig, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit zu kommen. Der Nahverkehr muss deutlich attraktiver und besser vernetzt werden. Der Lohrer Bahnhof ist eine Katastrophe. Ich denke, dass die Stadt mehr Einfluss hätte, um das zu ändern. Die von manchen angestrebte Reaktivierung des Lohrer Stadtbahnhofs halte ich allerdings für einen Schildbürgerstreich.

Durch Ihren Beruf sind sie nah dran am Thema Gesundheitsstandort Lohr. Welche Ideen haben Sie dazu?

Das Gesundheitswesen bietet für Lohr großes Potenzial, spielt derzeit aber nur die zweite Geige. Nach dem Bau der Zentralklinik wird der Gesundheitscampus über 700 Betten und Plätze haben. Man könnte in Lohr dann mal ein paar Experimente wagen mit alternativen Versorgungsmodellen, beispielsweise in Richtung eines medizinischen Versorgungszentrums. Da wäre die Stadt gefragt, Räume oder Flächen zur Verfügung zu stellen. Man müsste daher schleunigst über die Nachnutzung des derzeitigen Krankenhaus-Areals nachdenken. Solche Überlegungen entstehen nicht über Nacht.

Sie haben als Ärztlicher Direktor vermutlich keinen 36,5-Stunden-Job. Wie wollen Sie überhaupt Zeit für ein Stadtratsmandat finden?

Unter 60 Stunden in der Woche sind es in meinem Beruf eigentlich nie. Aber so unendlich viel Arbeit ist es im Stadtrat ja auch nicht. Es gibt die regelmäßigen Sitzungen meist einmal im Monat. Das kriege ich hin. Ich wäre jedenfalls fest entschlossen, das Mandat auszufüllen. Aber natürlich müsste ich erst mal gewählt werden.

Wie schätzen Sie Ihre Chance ein?

Ich habe da kein Gefühl dafür. Im Moment würde ich sagen: unter 50 Prozent. Wenn es nicht klappt, habe ich es zumindest versucht.

Zur Person
Der 50-jährige Ärztliche Direktor des rund 1000 Mitarbeiter zählenden Lohrer Bezirkskrankenhauses ist in Kempten im Allgäu geboren. Dort machte Dominikus Bönsch 1988 Abitur. Nach dem Wehrdienst bei der Luftwaffe studierte er zunächst in Ulm ein Semester Informatik, wechselte 1990 jedoch zur Humanmedizin.
1996 schloss er das Medizinstudium in Würzburg ab. Es folgten Stationen im Bereich Neurologie und Psychiatrie an Kliniken in Würzburg, Jena, Erlangen und Essen. Bönsch schloss seine Facharztausbildung ab, wurde Oberarzt, leitender Oberarzt und schließlich stellvertretender Leiter des Chefarztes einer psychiatrischen Klinik in Rickling in Schleswig-Holstein. Von dort kam er 2011 ans Lohrer Bezirkskrankenhaus, wo er Gerd Jungkunz als Ärztlichen Direktor ablöste.
Bönsch ist verheiratet und hat zwei Kinder, 14 und 16 Jahre alt. Als Hobbys nennt er unter anderem den Laufsport und die Aquaristik. Seit seiner Jugend ist Bönsch passionierter Orgelspieler. Sporadisch hilft er als Organist in Lohrer Kirchen aus oder gibt Konzerte. Daneben ist er Vorsitzender des 2018 gegründeten Lohrer Fördervereins für Kirchenmusik

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