Lohr

Diskussion der Landratskandidaten: Klare Kante nur bei der B26n

350 Besucher kamen am Dienstag in der Lohrer Nägelsee-Aula zur Landrats-Diskussion. Die Kandidaten erläuterten ihre Vorhaben.
Podiumsdiskussion mit den Landratskandidaten für den Landkreis Main-Spessart in der Aula der Nägelseehalle in Lohr: (von links) Joachim Spies (Moderator Main-Post), Christoph Vogel, Hubert Fröhlich, Pamela Nembach, Sabine Sitter, Christian Baier und Lena Schwaiger (Moderatorin Main-Echo). Foto: Thomas Obermeier

Politikverdrossenheit? Nicht wenn es um die Kommunalwahlen geht! Dies zeigten bereits die Podiumsdiskussionen mit den Bürgermeisterkandidaten in Karlstadt (500 Besucher) und Marktheidenfeld (300 Besucher). Und beim Wahlforum mit den fünf Landratskandidaten, das am Dienstagabend in Lohr stattfand und gemeinsam von Main-Post und Main-Echo ausgerichtet wurde, war es nicht anders: die Nägelsee-Aula war mit rund 350 Leuten vollbesetzt.

Dass Sabine Sitter (CSU), Pamela Nembach (SPD) Christian Baier (Grüne), Christoph Vogel (FW) und Hubert Fröhlich (FDP) in vielen Fragen, die den Landkreis betreffen, ähnlich denken, ist kein Geheimnis. Vor diesem Hintergrund forderte Joachim Spies (Main-Post), der den Abend zusammen mit Lena Schwaiger (Main-Echo) moderierte, die Bewerber um die Nachfolge von Landrat Thomas Schiebel auf, "ein bisschen Kante" zu zeigen.

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Podiumsdiskussion in Lohr

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Die "Kante" gab es allerdings nur bei der B26n: Baier lehnt diese geplante Bundesstraße als einziger der fünf Kandidaten strikt ab, weil er durch sie mehr Nach- als Vorteile für den Landkreis Main-Spessart sieht – bei den vier anderen ist es umgekehrt. Die B26n sei "keine Lösung für irgendetwas", sagte Baier, stattdessen spalte sie die Landkreisbevölkerung. Zur Entlastung vom Durchgangsverkehr betroffener Ortschaften sprach er sich für Kleinlösungen wie Ortsumfahrungen, Tempobeschränkungen oder auch Lkw-Fahrverbote aus. Als Landrat würde er versuchen, die Straße zu verhindern, auch mit rechtlichen Mitteln.

Lesen Sie auch den Kommentar: Wie die Landratskandidaten im Wahlforum ankamen

Sie sei nach wie vor der Meinung, dass Main-Spessart eine gute Ost-West-Verbindung benötige, dass die B26n eine Chance für die wirtschaftliche Entwicklung des Landkreises sei, sagte Sitter. Wichtig sei ihr aber auch, dass um die verträglichste Lösung gerungen werde.

Er glaube zwar nicht, dass die B26n den Landkreis wirtschaftlich entscheidend nach vorne bringen werde, meinte Vogel. Dennoch sei die Straße wichtig, um die Menschen im Werntal und im Lohrer Stadtteil Steinbach vom Durchgangsverkehr zu entlasten.

Ihm gehe es auch darum, dass man möglichst schnell von A nach B komme, sagte Fröhlich und Nembach sah die B26n sowohl als Instrument der Wirtschaftsförderung als auch zur Verkehrsentlastung von Ortschaften.

Keine Musterlösung für den Nahverkehr

Das geplante Zentralklinikum, das in Lohr in unmittelbarer Nähe zum Bezirkskrankenhaus entstehen soll, sehen alle fünf Kandidaten als wesentliches Standbein der ärztlichen Versorgung und als Chance für den Landkreis. Einer möglichen Privatisierung des derzeitigen  Krankenhausstandortes Marktheidenfeld erteilten alle eine Absage.

Das Publikum durfte bei einigen Fragen mit Farbkarten seine Präferenz zeigen. Foto: Thomas Obermeier

Als schwieriges Feld erwies sich das Thema öffentlicher Personennahverkehr. Zwar waren die Kandidaten durchwegs für Verbesserungen aufgeschlossen, eine Musterlösung hatte aber keiner.

Und was wäre, wenn ein chinesischer Elektronikhersteller im Landkreis Main-Spessart in der Nähe eines Naturschutzgebietes für mehrere 100 Millionen Euro eine Fabrik errichten möchte, die 250 Menschen Arbeitsplätze bieten könnte? Gefordert wurde von den Kandidaten, sich mittels verschiedenfarbiger Karten zu entscheiden, welcher der vorgegebenen Aspekte für sie Vorrang hätte: Wirtschaft (blaue Karte), Soziales (orangefarbene Karte), Umwelt (grüne Karte).

Während Sitter das Bedürfnis hatte, alle drei Karten hochzuheben, entschied sich Nembach für die orangefarbene Karte. Ihr sei die Einhaltung sozialer Aspekte wichtig "Wir brauchen Arbeitsplätze, die wertig sind." Baier hielt die grüne Umweltkarte hoch. Er begründete dies damit, dass die Erfahrung zeige, dass alle Projekte mit chinesischen Investoren in Deutschland schiefgelaufen seien. Vogel hingegen zeigte mit Blick auf die Arbeitsplätze die blaue Wirtschaftskarte. Schließlich habe der Landkreis "Einfluss darauf, dass alles vernünftig läuft".

Und was bewegte das Publikum? Unter anderem, dass es am Gemündener Bahnhof keine öffentliche Toilette mehr gibt, dass der künftige Landrat oder die Landrätin einmal monatlich eine Telefonsprechstunde abhalten sollte, dass im Landkreis ein alltagstaugliches Fahrradnetz geschaffen werden sollte und der Bahnverkehr verbesserungswürdig sei. Außerdem hieß es, die Behörde Landratsamt müsse runderneuert werden. Und dann war da noch die Frage, an die Kandidaten, welche Möglichkeiten sie sehen, ein weiteres Schrumpfen des Landkreises zu verhindern.

Durch Verbesserungen der Infrastruktur, lautete Fröhlichs Rezept. Er nannte in diesem Zusammenhang Straßen, Computer und Handyempfang. Vogel sagte, man müsse die Gemeinden durch Dorfläden und Dorfgemeinschaftshäuser lebenswert erhalten und Nembach setzte auf verstärkte Anstrengungen im sozialen Wohnungsbau, wodurch sie sich bezahlbaren Wohnraum versprach.

Kulturfest, Open-Air oder Kreistags-Chor

Schließlich wollten die Moderatoren noch wissen, wie die Kandidaten zu den Traditionen Landratsfasching, Landratsradtour und Landratsmotorradtour stehen. Die Reaktionen darauf waren eher verhalten. Allerdings ließ Baier wissen, dass er ein Landkreis-Open-Air ins Leben rufen wolle. Vogel sagte, er wolle ein Kulturfestival im Landkreis etablieren, bei dem sich die einzelnen in Main-Spessart vertretenen Nationen mit Musik und Essen einbringen könnten. Sitter möchte gerne einen Kreistagschor gründen und Nembach sagte, sie wolle bei einer Landratstour nicht nur Radler, sondern auch Skater mitnehmen. Er wolle mit Bürgern wandern, sagte Fröhlich.

Die Nägelsee-Aula war gut gefüllt, die Kandidaten standen vor der Bühne, auf der Leinwand gab's Einspieler. Foto: Thomas Obermeier

Den Bewerbern wurde die Chance auf ein kurzes Schlussplädoyer eingeräumt: Warum sollte sich der Wähler am 15. März für diesen oder jenen Landratskandidaten entscheiden?

Baier sagte, er sei die optimale Kombination aus politischer Erfahrung und Lebenserfahrung. Lachend fügte er hinzu: "Und außerdem mache ich ein Landrats-Open-Air."

Fröhlich warb für sich damit, dass er sehr volksnah sei und seine Handynummer auf jeder Schnapsflasche draufstehe (damit meinte er den von ihm selbst gebrannten Schnaps, Anm. d. Red.).

Vogel meinte, er sei belastbar, pragmatisch und er bringe Menschen zusammen. Und bei ihm gebe es auch noch was zu essen, spielte er auf sein beabsichtigtes Kulturfestival an.

Nembach sagte, sie stehe für jeden Menschen im Landkreis ein und wolle auf vielen Ebenen viel voranbringen. Da man derzeit vor einer Zeitenwende stehe, müsse jemand vorne dran stehen, der anpacke.

Sitter meinte, sie sei Main-Spessarterin mit Herz, wolle sich für den Landkreis engagieren und habe auch bereits seit sechs Jahren Verantwortung übernommen. Sie wolle Programme für die Zukunft entwickeln und gemeinsam mit den Main-Spessartern den Landkreis neu denken.

Die fünf Landratskandidatinnen und -kandidaten im Überblick
Sabine Sitter (CSU): Die 44-jährige klinische Sozialarbeiterin ist seit 2014 Kreisrätin und stellvertretende Landrätin in Main-Spessart. Sie trat 1993 der Jungen Union bei und ist seit 2008 Mitglied der CSU. Sie wohnt mit ihrer Familie in Gräfendorf.
Pamela Nembach (SPD): Die 44-jährige Gymnasiallehrerin für Deutsch, Französisch und Ethik ist seit 2011 SPD-Mitglied, seit 2015 ist sie Vorsitzende des SPD-Ortsverbandes Marktheidenfeld, seit 2016 zudem stellvertretende Kreisvorsitzende. Sie wohnt mit ihrer Familie im Marktheidenfelder Stadtteil Glasofen.
Christian Baier (Grüne): Der 60-jährige Anästhesist hat sich seit 2011 für den Erhalt der drei Krankenhäuser im Landkreis eingesetzt. 2014 kam der damals noch Parteilose über die Liste der Grünen in den Kreistag Main-Spessart, 2016 trat er in die Partei ein. Er lebt mit seiner Familie in Karlstadt.
Christoph Vogel (FW): Der 49-jährige Wirtschaftsingenieur ist neu in der Lokalpolitik und kam im Rahmen seiner Kandidatur zu den Freien Wählern. Aktuell ist er Präsident des Lionsclubs Marktheidenfeld. Er lebt mit seiner Familie in Karbach.
Hubert Fröhlich (FDP): Der 52-jährige Altenpfleger, Nebenerwerbslandwirt und Schnapsbrenner ist seit 1987 Mitglied der FDP. Seit 2014 gehört er dem Stadtrat Gemünden sowie dem Kreistag Main-Spessart an. Fröhlich ist Vorsitzender des 1700 Mitglieder zählenden Fränkischen Brennerverbandes und lebt in Aschenroth.

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