Gemünden

Diskussion in Gemünden: Wie kriegt man Ärzte aufs Land?

Der Hausarzt auf dem Land scheint langsam auszusterben: Dieses Bild zeichnete sich ab bei einer von der SPD veranstalteten Podiumsdiskussion am Donnerstagabend im Foyer der Scherenberghalle.
Um die aktuelle und künftige Hausärzteversorgung im Landkreis Main-Spessart ging es am Donnerstagabend in einer von SPD-Landratskandidatin Pamela Nembach (rechts) moderierten Podiumsdiskussion im Foyer der Scherenberghalle. Mit dabei waren (von links) Dr. Stephan Rieß, Dr. Christian Pfeiffer und Kreuzwertheims zweite Bürgermeisterin Silvia Klee. Foto: Wolfgang Dehm

Der Hausarzt hat unter Ärzten ein schlechtes Image. In Lohr sind 3,5 Stellen unbesetzt. 

Der Hausarzt auf dem Land scheint langsam auszusterben: Dieses Bild zeichnete sich ab bei einer von der SPD veranstalteten Podiumsdiskussion am Donnerstagabend im Foyer der Scherenberghalle. Ausgehend von der aktuellen Situation im Landkreis Main-Spessart machten sich die anwesenden Experten zusammen mit dem rund 40-köpfigen Publikum Gedanken über Lösungsmöglichkeiten für die Zukunft. Künftig könnte es in Richtung Ärztehäuser gehen, hieß es. Moderiert wurde der Abend von SPD-Landratskandidatin Pamela Nembach.

Laut Dr. Christian Pfeiffer, regionaler Vorstandsbeauftragter der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KBV) und Bezirksvorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes, ist die Zahl der niedergelassenen Ärzte reglementiert. Aktuell herrsche nach den derzeit geltenden Bestimmungen im Hausarztbereich Überversorgung in den Räumen Marktheidenfeld und Gemünden, sodass sich dort keine weiteren Hausärzte niederlassen dürften. Anders sei die Situation in Lohr, wo aufgrund einer Unterversorgung 3,5 Hausarztsitze unbesetzt seien, sowie in Karlstadt, wo ein halber Sitz frei sei.

Schwierige Suche nach einem Nachfolger

Was diese Statistik nicht zeige, sei das Alter der Ärzte. Pfeiffer zufolge sind viele über 60 und etliche arbeiteten nur deshalb noch, weil sie keine Nachfolger fänden. Somit verschleiere die Statistik die Problematik. Im Facharztbereich sei die Situation in Main-Spessart unterschiedlich: Manche Gruppen seien überversorgt, andere weniger beliebte unterversorgt.

Ferner müsse man sehen, dass es in Deutschland derzeit gerade einmal so viele Medizinstudenten gebe wie vor der Wiedervereinigung alleine in der BRD, sagte Pfeiffer. Hinzu komme, dass der Frauenanteil beim Ärztenachwuchs bei rund 70 Prozent liege und Ärztinnen oftmals nur Teilzeit arbeiten wollten, was die künftige Situation weiter verschärfe.

1600 Patienten sind zu viel

Aus seinem Alltag als Hausarzt in Burgsinn berichtete der Allgemeinmediziner Dr. Stephan Rieß. Als es in der Nachbargemeinde Mittelsinn noch eine Hausarztpraxis gegeben habe, habe er 900 Patienten pro Quartal gehabt, nach deren Schließung 1600. Da er mit derart vielen Patienten gesundheitlich an seine Grenzen gekommen sei, habe er vor vier Jahren einen Aufnahmestopp beschlossen, so dass er aktuell 1300 Patienten pro Quartal habe.

Da er noch relativ jung sei, stehe bei ihm keine Suche nach einem Nachfolger an. Allerdings hätte er schon vor einiger Zeit gerne einen Arzt als Angestellten in seine Praxis mit hineingenommen. Obwohl er nach eigener Aussage nach Tarif bezahlt hätte, seien all seine Versuche erfolglos geblieben.

Projekt mit Wertheim umgesetzt 

Über den langen und "steinigen" Weg zu einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) in Kreuzwertheim berichtete die zweite Bürgermeisterin der Marktgemeinde an der Grenze zu Baden-Württemberg, Silvia Klee.  Auslöser dafür sei gewesen, dass zwei Hausarztpraxen im Ort geschlossen worden seien. Beim Klinikum Main-Spessart sei man mit der MVZ-Idee nur auf Ablehnung gestoßen, schließlich habe die Rotkreuzklinik Wertheim das Projekt umgesetzt.

Dies wiederum gefiel der Ex-Bundestagsabgeordneten Heidi Wright nicht, da das Kreuzwertheimer MVZ somit kein Einweiser für das Klinikum Main-Spessart sei.

Eine andere Frau sagte, man müsse doch nur rechtzeitig Nachwuchs ausbilden, gut bezahlen und den Hausarztberuf aufwerten, dann  klappe das schon. Dem hielt Rieß entgegen, er verdiene gut und erfahre auch Wertschätzung von seinen Patienten. Das Problem sei vielmehr, dass das Image des Hausarztes innerhalb der Ärzteschaft nicht so gut sei.

In Karlstadt soll "was richtig Gutes" entstehen

Der im Publikum sitzende neue Chef des Klinikums Main-Spessart, René Bostelaar, meinte, dass ein attraktives Krankenhaus junge Ärzte anlocken könne. Diese lernten während ihrer Ausbildung die Region kennen und könnten eventuell den Mangel auffangen. Da junge Ärzte meist kein wirtschaftliches Risiko eingehen wollten, seien für sie Ärztezentren interessant. In Karlstadt entstehe derzeit "was richtig Gutes", sagte Bostelaar. Und auch in Marktheidenfeld solle ein regionales Gesundheitszentrum entstehen.

"Wo bleibt der nördliche Landkreis?", fragte Monika Poracky, Vorsitzende des SPD-Ortsverbands Gemünden. Und auch CSU-Mann Johannes Sitter unterstrich die Notwendigkeit von Verbesserungen in der medizinischen Versorgung im Gemündener Raum; man müsse sich parteiübergreifend dafür einsetzen, schlug er vor.

Er denke, sagte Pfeiffer, die Hausarztversorgung im ländlichen Raum werde künftig nur dann funktionieren, wenn Ärzte – ähnlich wie Handwerksbetriebe – ihren Nachwuchs ausbildeten; nur ein Ärztehaus hinstellen reiche nicht aus.

"Wir hoffen, dass wir das Ruder rumreißen können", sagte Nembach abschließend – der politische Wille sei auf jeden Fall da.

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